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© JOKER / picture alliance
Op im Al-Nūr Krankenhaus in Deir ez-Zor (Aufnahme aus dem Jahr 2013). Mittlerweile ist die Stadt in der Hand des IS, der einen Großteil der syrischen Krankenhäuser in Schutt und Asche gelegt hat.
© Tammam Kelan

Die „neuen syrischen Ärzte in Österreich“ sind gemeinsam auf der Suche nach Möglichkeiten, ihren Beruf bald wieder ausüben zu können. i

 
Gesundheitspolitik 13. Jänner 2016

Zur Untätigkeit verurteilt

Der Arbeitswille der „neuen syrischen Ärzte in Österreich“ wird einstweilen durch die strengen Zulassungsbestimmungen gebremst.

Etwa 200 syrische Ärzte sind aufgrund des anhaltenden Bürgerkriegs in ihrem Land in den vergangenen zwei bis drei Jahren nach Österreich geflüchtet. Die Berufsberechtigung als EU-Ausländer erhalten sie hier allerdings erst nach der Nostrifikation, was einschließlich des erforderlichen Erlernens der deutschen Sprache ein paar Jahre in Anspruch nehmen kann.

Sie sind hoch motiviert, verfügen großteils über viele Jahre Berufserfahrung und die erforderlichen Deutschkenntnisse und sie möchten ihren Beitrag für die österreichische Gesellschaft leisten. Auch als Dank. Aber: In ihrem gelernten Beruf als Ärzte dürfen sie in Österreich vorerst nicht arbeiten. Die mit der Flüchtlingsbewegung aus dem zerrütteten Syrien nach Österreich gekommenen Allgemeinmediziner, Chirurgen, Augen-, Haut- , Zahn- und andere Fachärzte sind zur Untätigkeit verurteilt. Obwohl sie hier bereits Asyl erhalten haben. Die Auflagen für eine Berufsausübung seien in Österreich im internationalen Vergleich besonders streng, stellen sie fest. Und das, obwohl auch die Ärztekammer bereits von einem Ärztemangel spricht.

Ein Großteil der 200 „Neuen syrischen Ärzte in Österreich“ (so auch der Name einer eigenen Facebook-Seite) hat sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, um gemeinsam vielleicht mehr erreichen zu können. Auch, um in regelmäßigen Treffen Informationen, Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Das Vereinslokal der Österreichisch-Arabischen Ärzte- und Apothekervereinigung in Wien steht nun dafür als Treffpunkt zur Verfügung. Befreundete syrische Ärzte, die in Länder wie Deutschland oder Schweden weitergereist sind, dürfen bereits medizinisch arbeiten, zumindest unter bestimmten Auflagen. Eine begrenzte Berufserlaubnis unter Aufsicht, auch außerhalb Wiens, wäre auch für die Kollegen in Österreich eine akzeptable Möglichkeit. „Wir sind nicht schlechter“, stellen sie fest. In Syrien gilt für die Zulassung zum Medizinstudium, ähnlich wie in Deutschland, ein Numerus clausus von 1,2. Entsprechend der vielfältigen Altersstruktur der Gruppe, verfügen die syrischen Mediziner über unterschiedlich lange Berufserfahrung, manche bis zu 30 Jahren, manche auch über internationale Fachkontakte und Arbeitspraxis.

Arbeiten, um sich zu bedanken

Beispielsweise: Der Allgemeinchirurg, der seit 20 Jahren mit einem Schwerpunkt in bariatrischer Chirurgie arbeitet, hat in Großbritannien Fortbildungen absolviert, ist Mitglied im European Board of Surgery – und muss nun die insgesamt 16 Nostrifikationsprüfungen der gesamten Medizin absolvieren, bevor er in Österreich medizinisch tätig werden darf. Die erforderlichen Sprachkenntnisse sind bereits überprüft. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Pharmazeutin, die ebenfalls an ihrer Nostrifikation arbeitet, und den Kindern, die hier in die Schule gehen, ist er seit eineinhalb Jahren in Österreich. Und möchte endlich arbeiten, „auch um mich bei Österreich zu bedanken.“

Zu den Voraussetzungen für die Berufserlaubnis für Ärzte aus dem Nicht-EU-Ausland zählen in Österreich neben dem Nachweis der Deutschkenntnisse auf mindestens B2 Niveau, also der selbstständigen Sprachverwendung auch zu abstrakten und komplexen Themen, sowie einer Prüfung in medizinischem Deutsch, der Nachweis der Gleichwertigkeit der Ausbildung – oder die Nostrifikation, die nach der Absolvierung zahlreicher Prüfungen über das gesamte Gebiet der Medizin erteilt wird. Das gelingt naturgemäß jüngeren Personen, deren Studienabschluss noch nicht so lange zurückliegt, leichter als dem Dermatologen, der bereits 30 Jahre Fachpraxis aufweist. Grundsätzlich ist eine Anerkennung von Ausbildungszeiten, die im Nicht-EU-Ausland erworben wurden, zwar auch möglich, falls die Gleichwertigkeit festgestellt wird bzw. auch Ausbildungsnachweise beigestellt werden. Dies ist jedoch aufgrund der Begleitumstände als Flüchtling aus einem arabischsprachigen Bürgerkriegsland tatsächlich nicht möglich.

SP-Wehsely ist für kontrollierten Zugang

Des Dilemmas sind sich Politiker, Interessensvertreter und Hilfsorganisationen durchaus bewusst. Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser hat denn auch den ehemaligen Qualitätsbeauftragten des Wiener Krankenanstaltenverbunds, Dr. Roland Paukner, damit beauftragt, Möglichkeiten der Berufsausübung für asylberechtigte Ärzte auszuarbeiten. Derzeit können Ärztinnen und Ärzte aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge in deren medizinische Behandlung eingebunden werden. Dabei können sie unterstützend herangezogen werden oder auch einzelne ärztliche Tätigkeiten von einem österreichischen Arzt übertragen bekommen, sofern sie „glaubhaft versichern, sie seien Ärzte und im Herkunftsland ärztlich tätig gewesen.“

Laut einer Stellungnahme der Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely vom September des Vorjahres sind im Wiener Krankenanstaltenverbund bereits einige syrische Mediziner als Gastärzte tätig. An einer kontrollierten Öffnung des Zugangs sei man sehr interessiert, heißt es aus dem Büro von Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, und unterstütze Initiativen in diese Richtung. Die Hospitanz, die schrittweise in die Übernahme delegierbarer Tätigkeiten überführt werden kann, werde mit einem symbolischen Anerkennungsbeitrag von 110 Euro pro Monat abgegolten, so Paukner. Für Asylberechtigte mit den erforderlichen Deutschkenntnissen wäre eine höher bezahlte Beschäftigung denkbar, wodurch die Mindestsicherung wegfallen würde. „Ein großer Schritt wäre die Übermittlung der Personendaten jener etwa 260 Angehörigen von Gesundheitsberufen mit anerkanntem Asylstatus, die beim AMS gemeldet sind“, stellt Paukner fest, diese könnte man in einem Arbeitsmodell beschäftigen. Bislang scheitert dies indes am Datenschutz, da jeder Einzelne zustimmen müsste.

„Nur noch Regimeanhänger behandeln“

Seit einem Jahr ist der Chirurg aus Dar’¯a nun in Österreich. Er kommt aus jenem Ort südlich von Damaskus, wo in Syrien die Proteste im Jahr 2011 ihren Anfang nahmen. Von den ursprünglich zehn Krankenhäusern ist nur noch eines intakt, das vom syrischen Militär kontrolliert wird.

„Da hieß es, wir dürfen nur noch Regimeanhänger behandeln, keine Regimegegner. Das kann ich als Arzt nicht. Ich musste weg.“ Wie viele seiner Kollegen ging er nach Europa, der Großteil zog jedoch weiter nach Deutschland. Er blieb in Österreich und arbeitete zunächst eine Zeitlang in Schladming als Gastarzt, wo er allerdings nicht selbst behandeln durfte. „Ich möchte nicht herumsitzen und Hilfe vom Staat bekommen“, sagt der Chirurg mit Nachdruck und Ungeduld: „Ich möchte arbeiten!“

In Deutschland beispielsweise erscheint die Ausübung des Berufs für Ärzte aus Nicht-EU-Ländern einfacher zu sein: Auch wenn keine Gleichwertigkeit des Studienabschlusses im Ausland mit jenem in Deutschland festgestellt werden kann, gibt es die Möglichkeit einer befristeten Berufserlaubnis, die zumeist „mit der Tätigkeit an einer bestimmten Klinik gekoppelt ist“. Innerhalb einer Frist von zwei Jahren kann der Arzt die „Kenntnisstandsprüfung“ ablegen und erhält dann die deutsche Approbation. Jedoch werden je nach Bundesland auch in Deutschland kein einheitliches Vorgehen und „Interpretationsspielraum“ festgestellt.

Als Gruppe organisiert, möchten die „Neuen syrischen Ärzte in Österreich“ nun bei den österreichischen Entscheidungsträgern ähnliche Perspektiven eröffnen: „Wir nehmen Leistungen des österreichischen Staates in Anspruch: Deutschkurse, Krankenversicherung, Mindestsicherung. Wir möchten selbstständig sein und arbeiten und unseren Beitrag leisten.“

Gespräche mit der Ärztekammer und dem Gesundheitsministerium sind in den kommenden Wochen geplant.

Voraussetzungen in Österreich

Voraussetzungen für die Berufsausübung für Ärzte aus Nicht-EU-Ländern in Österreich sind:

• Deutschkenntnisse auf Niveau B2;

• Medizinisches Deutsch;

• Gleichwertigkeit der Ausbildung mit jener in Österreich bzw.

• Nostrifikation aufgrund von Einzelprüfungen;

• Möglich ist unter bestimmten Umständen die Tätigkeit als Gastarzt in einem Spital.

Verena Kienast, Ärzte Woche 1/2/2016

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