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  © ÖAK/Bernhard Noll

Dr. Harald Mayer Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte, ÖAK

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Foto Wilke

Dr. Ernest Pichlbauer Mediziner und Gesundheitsökonom

 
Gesundheitspolitik 14. Dezember 2015

Land der Spitäler, ärztereich?

Die Ärztevertretung befürchtet, dass die Spitalslandschaft nicht mehr mit ausreichend Ärzten bestückt werden kann und fordert eine bessere Ausbildung sowie eine Lenkung der Patientenströme. Gesundheitsökonomen attestieren hingegen schwere Organisationsmängel.

Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem Ärztekämmerer nicht auf die prekäre Situation der gesundheitlichen Versorgung hinweisen. Beschränkten sich die pessimistischen Prognosen ursprünglich auf die ländliche Versorgung im niedergelassenen Bereich, schreien jetzt die Vertreter der angestellten Ärzte Alarm. Spätestens mit den neuen Arbeitszeitregelungen spitze sich die Versorgungssituation in den Krankenhäusern zu. Vorfälle wie zuletzt an der Innsbrucker Klinik, wo die Anästhesie bis Jahresende keine gesetzeskonformen Dienstpläne mehr zusammenbringt und es zu Verschiebungen geplanter Eingriffe auf 2016 kommt, geben zu denken. Für die ÄK die Vorboten eines Strukturmangels, der sich über das Land ausbreitet und die Patientenversorgung gefährde.

Die Medizinunis bilden zwar die benötigte Zahl an Jungmedizinern aus, allerdings stehen laut ÄK rund 35 Prozent der Promovenden dem Gesundheitssystem mittel- bis langfristig nicht zur Verfügung, weil sie „entweder auswandern oder einen anderen Beruf ergreifen“, erläuterte der stv. Kurienobmann der Angestellten Ärzte, Dr. Karlheinz Kornhäusl: „Knapp 500 Jungärzte verlieren wir jedes Jahr. Wir bilden sie lange aus, um sie dann sofort an andere Länder oder – für mich besonders schlimm – an andere Berufe zu verlieren. Das ist außerdem ein volkswirtschaftlicher Wahnsinn, wenn man bedenkt, was ein Studium kostet.“ Den Ärztemangel beurteilen Kritiker eher als standespolitisches Argument, denn als reales Drohszenario. Es gäbe demnach nicht zu wenige, sondern nur ineffizient eingesetzte Ärzte und Organisationsmängel.

Der Ärztemangel ist bereits deutlich spürbar

„Die Absolventenflucht kostet uns pro Jahr rund 250 Millionen Euro.“

Wir sehen großen Handlungsbedarf in den heimischen Spitälern, denn die Arbeitsverdichtung nimmt enorm zu und bringt die dort tätigen Ärzte schon häufig an das persönliche Limit. Wir brauchen daher dringend einen schonenderen Umgang mit der ärztlichen Arbeitskraft, damit wir das Niveau der medizinischen Versorgung auch in Zukunft halten können. Die Novellierung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes (KA-AZG) und die damit verbundene Verkürzung der Arbeitszeit waren ein wichtiger Schritt, aber es kann nicht sein, dass Arbeitgeber sich jetzt hinter der mit 13-jähriger Verspätung umgesetzten Arbeitszeitrichtlinie verschanzen und sie als Ausrede dafür benutzen, dass es zu wenig Personal gibt.

Wir wissen auch, dass in den kommenden zehn Jahren etwa 25 Prozent der jetzt aktiven Ärzte in Pension gehen werden. Das ist ein Verlust von ca. 6.400 Medizinern, den wir unbedingt auffangen müssen und wo wir bereits jetzt aufgefordert sind, gegenzusteuern.

Österreich hat seit 2003 insgesamt 7.000 Ärzte ans Ausland verloren, weil verabsäumt wurde, adäquate Arbeits- und Lebensbedingungen zu schaffen. Jährlich beenden etwa 1.300 junge Menschen ihr Medizinstudium, von den Absolventen verzichten aber im Schnitt rund 400 auf eine praktische Ausbildung in Österreich. Sie gehen ins Ausland oder überhaupt hinaus aus dem ärztlichen Beruf. Allein in Deutschland sind derzeit mehr als 2.600 österreichische Ärzte gemeldet. Von denen, die den Turnus beginnen, möchte aber auch etwa ein Drittel danach nicht im Spital bleiben. Es muss verhindert werden, dass Jungmediziner nach Beendigung ihres Studiums oder während ihrer praktischen Ausbildung aussteigen. Die gesamte Ausbildung eines Arztes kostet die heimische Volkswirtschaft rund 400.000 Euro – Geld, das der Steuerzahler verliert, wenn fertig ausgebildete Ärzte das Land verlassen.

Wir fordern daher eine Entlastung der Ärzte durch die schon lange überfällige Installation von Dokumentationsassistenten, die Umsetzung des Turnusärzte-Tätigkeitsprofils, die Delegationsmöglichkeit ärztlicher Tätigkeiten an die Pflege im Rahmen des mitverantwortlichen Tätigkeitsbereichs sowie die Einrichtung von Abteilungssekretariaten. Fast 60 Prozent der unter 30-jährigen Ärzte sind Frauen. Sie brauchen Angebote für eine lebenswerte Work-Life-Balance, wie zum Beispiel spitalsnahe Kinderbetreuungseinrichtungen und Teilzeitmodelle.

Für die älteren Ärzte muss der Beruf wieder attraktiv werden. Mehr als zwei Drittel der Spitalsärzte – 64 Prozent – können sich nicht vorstellen, bis zur Pensionierung bzw. bis zum Alter von 65 Jahren im Krankenhaus tätig zu sein. Wir brauchen altersgerechte, auf die jeweilige Lebenssituation zugeschnittene flexible Arbeitszeitmodelle und mehr Entscheidungsfreiheit, wenn wir erfahrene Kollegen im Spital halten wollen. Gelingt das nicht, wird sich der Ärztemangel weiter verschärfen!

Es gibt keinen Ärztemangel in Österreich

„Wer mit Ressourcen nicht umgehen kann, wird immer zu wenig haben.“

Ob wir einen Ärztemangel haben oder nicht, ist derzeit eine Frage des Wordings sowie der Perspektive und basiert auf einer – zum Teil wohl politisch gewollten – Sprachverwirrung. Es wird nicht differenziert zwischen den Ebenen des Gesundheitssystems, der Gesundheitsversorgung und der eigentlichen Behandlung, also der Arzt-Patienten-Beziehung. Gut behandeln heißt, die richtige Leistung erbringen, eine gute Gesundheitsversorgung heißt, die richtige Leistung am richtigen Patienten zur richtigen Zeit zu erbringen. Alle diese Versorgungsaktivitäten zusammen ergeben erst das Gesundheitssystem, in dem Ziele definiert und überwacht sowie Ressourcen beschafft und verteilt werden, aber weder direkt versorgt noch direkt behandelt wird. Die Zersplitterung des Systems mit unzähligen, meist wenig abgestimmten Schnittstellen sowie die duale Finanzierung der Leistungen über Steuern (Länder) und Sozialversicherungsbeiträge (Krankenkassen, Pensionsversicherung und AUVA) führen zu einer unkoordinierten Versorgung. Eine Auswirkung davon ist der viel diskutierte Ärztemangel.

Ein Blick zurück zeigt, dass seit den 1990ern pro Jahr im Schnitt 900 Ärzte mehr in das System eintreten, als im jeweiligen Jahr davor.

Allein im Jahr 2013 – das Jahr, in dem der Ärztemangel am meisten diskutiert wurde – waren es sogar 1.000. OECD-Statistiken belegen, dass Österreich verglichen mit andern EU-Ländern über die höchste Ärztedichte verfügt.

Auch die Pensionierungswelle scheint verglichen mit anderen Ländern nicht so dramatisch oder gar angsteinflößend: In Österreich beträgt der Anteil der über 55-jährigen Ärzte 27 Prozent. Im Vergleich dazu sind es in Deutschland 42 Prozent und in Italien 49 Prozent. In den Jahren 2020 bis 2026 werden die Pensionierungen zunehmen, sind jedoch ein Randproblem, wenn der Ärzteüberschuss aus den Vor- und Nachjahren mitberechnet wird.

Selbst die „Verweiblichung der Medizin“ – und damit steigende Tendenz, Teilzeit zu arbeiten – liegt in Österreich bei 46 Prozent, also durchaus im europäischen Durchschnitt.

Auch die Abwanderung in das Ausland ist bei näherem Hinsehen wenig dramatisch. 25 Prozent der Studienplätze sind für Nicht-Österreicher reserviert, das ist EU-weit so geregelt. Es gehen auch welche ins Ausland, um dort zu studieren, zu forschen und zu arbeiten, jedoch zeigt sich mit 400 Neueintragungen in die Ärzteliste, dass die nach ihrer Facharztausbildung auch wieder zurückkommen. Es kann nicht falsch sein, auch im Ausland Erfahrung zu sammeln.

Umgekehrt bleiben ausländische Medizinabsolventen auch in Österreich, um hier dem System als Ärzte zur Verfügung zu stehen. Wer mit Ressourcen nicht vernünftig umgehen kann und sie nicht dort einsetzt, wo sie auch gebraucht werden, wird immer zu wenig davon haben. Das gilt auch für die „Arbeitskraft Mediziner“.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 51/52/2015

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