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© Joker / picture alliance
 
Gesundheitspolitik 30. November 2015

Alles vor sich und doch am Ende

Prävention in der Schule: Die Hälfte aller Suizidversuche bei Jugendlichen ist zu verhindern.

Eine Onlinebefragung an Schulen in vier Bundesländern zeigt hohe Prävalenzraten in Bezug auf Depression, selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität österreichischer Jugendlicher. Im kommenden Jahr soll ein Präventionsmodell als Pilot in Tirol gestartet werden.

Das Kürzel „SEYLA“ steht für Saving and Empowering Young Lives in Austria“. Warum das wichtig ist? In Österreich nahmen sich 2014 rund 1.200 Menschen das Leben. Jeder Zehnte davon war noch keine 25 Jahre alt. Für diese Altersgruppe ist Suizid nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache. Obwohl die statistische Entwicklung seit den 1980er-Jahren einen insgesamt rückläufigen Trend zeigt, der durch die aktuelle Wirtschaftskrise zwar gebremst, aber nicht umgekehrt wurde, steigt das selbstschädigende Verhalten speziell bei Jugendlichen seit einigen Jahren wieder an.

Wenn sich junge Menschen zurückziehen

Im Laufe ihres Lebens machen etwa 15 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Burschen Phasen mit erhöhter Suizidgefahr durch, erläutert Dr. Christian Haring, Primar der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie B am Landeskrankenhaus Hall. Eines der wesentlichen Elemente jeder Suizidprävention müsse es sein, Jugendliche im Umgang mit Freunden, die psychische Probleme haben, kompetenter zu machen. „Wenn sich Jugendliche zurückziehen, die Schule verweigern und der Konsum von Alkohol und Drogen steigen, sind das wichtige Warnsignale“, sagt Haring. Daher habe sich im Rahmen der europaweiten SEYLE-Studie das Präventionsprogramm „Youth Aware of Mental Health (YAM)“, bei dem Schüler für die Wahrnehmung von Risikoverhaltensweisen und Möglichkeiten der Risikovermeidung sensibilisiert und trainiert werden, als „besonders erfolgversprechend“ herausgestellt.

SEYLA ist das heimisches Nachfolgeprojekt zur großen SEYLE-EU-Studie (Saving and Empowering Young Lives in Europe), die in den vergangenen Jahren in zehn europäischen Staaten und Israel durchgeführt wurde. Die Projektleitung lag beim Karolinska Institut in Stockholm, die methodische Beratung erfolgte durch die Columbia University in New York.

13.000 Jugendliche im Jahr in Europa begehen Selbstmord

SEYLE beschäftigte sich mit dem Thema der Gesundheitsförderung Jugendlicher durch Prävention von riskanten und selbstschädigenden Verhaltensweisen. Hintergrund dafür sind mehr als besorgniserregende Zahlen: Suizide stellen in der Altersgruppe der Zehn- bis 24-Jährigen laut WHO weltweit die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen dar. In Europa sterben jedes Jahr mehr 13.000 junge Menschen durch Selbstmord.

Mit Suizidalität assoziiert sind häufig psychische Probleme, wie Depression und Angst, sowie selbstschädigende und riskante Verhaltensweisen, zum Beispiel Selbstverletzungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch und Delinquenz.

Hauptziel all dieser Untersuchungen ist die Wirksamkeitsprüfung von schulischen Präventionsprogrammen zur Senkung riskanter und selbstschädigender Verhaltensweisen:

• einer Lehrerschulung zur Identifikation gefährdeter Schüler

• eines Schülertrainings

• einer individuellen Beratung als gefährdet eingestufter Schüler durch einen Arzt oder Psychologen

• eine eher minimale Informations- und Aufklärungskampagne der Schüler vorwiegend durch Poster im Schulgebäude

Auf Grundlage einer Bewertung der Wirksamkeit der verschiedenen Programme sollen die teilnehmenden Staaten „effektive, landesspezifische Präventionsmaßnahmen“ etablieren, so die Intention der Projektverantwortlichen in Schweden. Mehr als 10.000 Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren waren in die Studie eingeschlossen, darunter auch mehr als 1.000 Schüler an 14 Tiroler Schulen.

Um die Landesergebnisse der europaweiten Studie zu überprüfen und regional zu erweitern, werden derzeit in Tirol, Steiermark, Wien und Oberösterreich Online-Befragungen über Wohlbefinden, Stärken, Schwächen, gesunde und riskante Lebensstile und Strategien zur Stressbewältigung durchgeführt.

Die Befragungen dauern zwar noch bis Ende des Jahres, Zwischenergebnisse gibt es. Es zeigen sich hohe Prävalenzraten in Bezug auf Depression (30,5 Prozent), selbstverletzendes Verhalten (24,8 Prozent) und Suizidgedanken (26 Prozent).

Fünf Prozent aller Schüler haben einen Suizidversuch hinter sich

Tendenziell sind die Zahlen in Oberösterreich und der Steiermark etwas über dem Schnitt, allerdings sind bislang keine signifikanten regionalen Unterschiede ersichtlich. Besonders aufhorchen ließen die Prävalenzahlen beim Thema Suizidversuche: 4 Prozent in Wien, 5,2 in Tirol und Oberösterreich und 5,4 in der Steiermark ergeben einen Mittelwert von 5 Prozent aller Schüler, die laut eigenen Angaben schon einen Suizidversuch hinter sich haben. Die endgültigen Detailergebnisse sollen bis Ende Jänner 2016 vorliegen.

Die Zwischenergebnisse legen nahe, dass Prävention und Intervention für gefährdete Jugendliche erforderlich und notwendig ist, erläutert Banzer: „Aufgrund von SEYLE wissen wir, welche Suizidpräventionsmaßnahmen in der Schule besonders gut greifen: das YAM-Programm, das Schüler trainiert und sensibilisiert, führte in der Studie zu einer Senkung des Risikos von Suizidgedanken und -versuchen um die Hälfte.“

Derzeit wird daher intensiv an einem entsprechenden Projekt gearbeitet, das 2016 als Pilot an zehn Tiroler Schulen, AHS und Polytechnischen Schulen, starten soll. Der FGÖ (Fonds gesundes Österreich) hat den Antrag bereits genehmigt, es sind nur noch einige Auflagen zu erfüllen, bevor es dann bald losgehen soll. Die Ergebnisse werden im Anschluss in einem Handbuch wissenschaftlich verarbeitet und anderen Schulen zur Verfügung gestellt.

Denn das erklärte Ziel der Projektverantwortlichen ist letztendlich eine österreichweite Ausrollung des Programms ( www.seyla.at ).

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 49/2015

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