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Dr. Krista Federspiel Medizinjournalistin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ing. Dr. Friedrich Dellmour Gesellschaft für Homöopathische Medizin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© ÖAK/Dietmar Mathis

Dr. Artur Wechselberger Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 
Gesundheitspolitik 30. November 2015

Wenn der Glaube zum therapeutischen Argument wird

Homöopathische versus evidenzbasierte Medizin: Die Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen wird mit großer Leidenschaft, dafür aber mit geringer Sachlichkeit geführt.

Angelsächsische Länder wie Großbritannien, die USA oder Australien haben der Homöopathie den Kampf angesagt und versuchen, die Heilmethode aus ihren Gesundheitssystemen zu verbannen. Begriffe wie „Scharlatanerie“, Pseudowissenschaft und „Betrug“ werden in diesem Zusammenhang immer wieder verwendet.

In Deutschland hat erst vor wenigen Tagen der Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen für Aufsehen gesorgt. In seiner Literaturstudie „Der Glaube an die Globuli – Die Verheißungen der Homöopathie“ vertritt Schmacke die Auffassung, dass Homöopathie eine aus seiner Sicht ungerechtfertigte gesetzliche Sonderstellung einnehmen würde. Die Frage, ob die politisch gewollte Doppelgleisigkeit in der Bewertung der Homöopathie und der Schulmedizin aus ethischen Gründen gerechtfertigt werden kann, beantwortet er in einer Aussendung mit „Nein“ und fordert vom Gesetzgeber eine Änderung, weil „mit zweierlei Maß gemessen“ werde. Den „Einsatz von Placebos unter falschen Heilversprechen“ hält er für illegitim. „Der Glaube an die Wirkung von Globuli reicht nicht“, schreibt Schmacke.

In Österreich endet Kritik an der Homöopathie meist in aktionistischen Aktivitäten. Diese sorgen zwar für öffentliche Aufmerksamkeit – man denke nur an die Aktion „Nichts drin, nichts dran“ 2011 mit dem kürzlich verstorbenen „Science Buster“ Heinz Oberhummer. Sie ändern aber nichts an der Tatsache, dass die Homöopathie hierzulande boomt wie nie zuvor.

Der Irreführung Einhalt gebieten

„Unsinn bleibt Unsinn, auch in der Hand von Medizinern.“

In Österreich steht die Homöopathie unter Denkmalschutz. Ihre Propagandisten schwören noch heute auf die Ideen ihres Erfinders, die längst widerlegt sind. Und sie hat in 200 Jahren ihres Bestehens nichts zur Forschung und Entwicklung der Medizin beigetragen. Hierzulande dürfen nur Mediziner diese antiquierte Methode praktizieren.

Obwohl das Ärztegesetz in § 2 (2) die Ärzte zur Beachtung der Wissenschaftlichkeit verpflichtet und die Akademie der Ärzte von sich selbst „wissenschaftlich fundierte(r) …Fortbildung“ fordert, handelt sie gegen diese Regeln: Sie bildet Ärzte in Homöopathie aus und besiegelt die Irreführung mit Zertifikaten.

So wird bei Patienten der Anschein von Seriosität und bewiesener Wirksamkeit erweckt. Dies und das intensive Lobbying der Homöopathika-Anbieter für die angeblich sanfte, nebenwirkungsfreie Medizin erweckt bei Kranken und Kunden Sympathie.

Die Ärztekammer vertritt die Interessen dieser esoterischen Scheinmedizin. Im Gespräch meint Ärztekammer-Präsident Dr. Arthur Wechselberger zwar, er selbst hielte nichts von Homöopathie, aber man bilde Ärzte zu Homöopathen aus, „um nicht diese Sorte von Medizin Nichtmedizinern zu überlassen“. Doch Unsinn bleibt Unsinn, auch in der Hand von Medizinern. Immer mehr Ärzte können also mit der „Expertise“ in Nonsens zusätzliche Einnahmen lukrieren.

Was haben Patienten davon? Sie fühlen sich beim langen Anamnesegespräch wichtig genommen und mit Homöopathika auf der sicheren Seite. Für das Wohlgefühl zahlt, wer es sich leisten kann, bereitwillig dazu. Die Gefahren werden kaum thematisiert: Erkennen Homöopathen ihre Grenzen nicht und wird die notwendige Therapie einer ernsthaften Erkrankung verzögert, kann dies letal enden.

Gläubige Homöopathen schüren auch die Impfmüdigkeit, statt Unsichere zu informieren, wie Impfungen Leben retten. Der Glaube an die Placebo-Methode hat inzwischen sektenähnlichen Charakter: Berechtigte Kritik wird heftig abgewehrt. Es ist peinlich, dass das Gesundheitsministerium – wie die EU – die Aufklärung den Kabarettisten überlässt.

Ethische Homöopathie

„Es wäre unethisch, die Medizin nur als Wissenschaft zu betreiben.“

Medizin ist Heilkunst, Heilkunde und ärztliche Wissenschaft. Die Medizin ist eine praktische „Handlungswissenschaft“, in der es um optimales Handeln am Kranken und nicht primär um Wissen geht. Österreichische Ärzte sind Doktoren der gesamten Heilkunde. Laut Ärztegesetze umfasst der Arztberuf jede auf medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen begründete Tätigkeit. Das gilt auch für die Homöopathie. Die ÖGHM-Ausbildung hat Europa-Standard. 3.677 Studien zeigen vergleichbar positive Ergebnisse wie die Schulmedizin.

Die Herstellung homöopathischer Arzneimittel ist im Arzneimittelgesetz geregelt und entspricht allen europäischen Richtlinien. Das Gesundheitsministerium weist auf die Stärkung selbstheilender Kräfte durch die Komplementärmedizin hin. Die WHO anerkennt die Homöopathie und sieht in der Komplementärmedizin einen wichtigen Beitrag für die zukünftigen Gesundheitssysteme. Die Europäische Kommission schätzt, dass Nebenwirkungen von regulären Pharmazeutika zu 197.000 Todesfällen pro Jahr in der EU führen. Das entspricht dem täglichen Absturz eines Airbus A380. Lancet warnte 2011 vor der epidemieartigen Zunahme der Nebenwirkungen. Ein Teil dieser Nebenwirkungen kann durch Komplementärmedizin reduziert werden.

Viele Patienten verlangen nach Homöopathie, um Nebenwirkungen zu vermeiden und weil die Schulmedizin nicht alle Krankheiten erfolgreich therapieren kann. Die Kranken wollen, dass der Arzt auch ihre subjektiven Beschwerden behandelt. Das ist eine Domäne der Homöopathie. Als Regulationstherapie kann die Homöopathie bei akuten, chronischen und psychischen Krankheiten im Ausmaß des individuellen Regulationsvermögens zur Heilung beitragen.Aufgrund dieser Vorteile sollte sich die Schulmedizin in Richtung Homöopathie öffnen. Auch wenn der in vielen Studien belegte Nutzen der Homöopathie Kritikern wie Norbert Schmacke nicht plausibel erscheint. Gesundheitspolitisch sollte die Homöopathie als Kassenleistung erstattet werden. Es wäre unethisch, die klinischen Erfahrungen der Homöopathie zu vernachlässigen und die Medizin nur als Wissenschaft zu betreiben.

Unhaltbare Heilsversprechen

„Gesetzliche Vorgaben gelten unabhängig von der Methode.“

Der Paragraf 49 des Ärztegesetzes gibt vor, dass Ärztinnen und Ärzte verpflichtet sind, alle Patientinnen und Patienten, die zu einer ärztlichen Beratung oder Behandlung übernommen werden, gewissenhaft zu betreuen. Weiters ist im Gesetz klar geregelt, dass Ärzte das Wohl der Kranken und den Schutz der Gesunden zu wahren haben. Und zwar nach Maßgabe der ärztlichen Wissenschaft und Erfahrung sowie unter Einhaltung der bestehenden Vorschriften und der für das jeweilige Fach geltenden Qualitätsstandards. Diesen gesetzlichen Vorgaben unterliegen alle ärztlichen Handlungen – unabhängig von der angewandten Methode.

Ein rechtsgültiger Behandlungsvertrag setzt eine entsprechende Aufklärung voraus. Diese Aufklärung soll einen Patienten in die Lage versetzen, im Sinne eines „informed consent“ einer Behandlung zuzustimmen. Zu dieser ärztlichen Aufklärung gehört unter anderem auch, dass der Arzt seine Patienten über mögliche Behandlungsalternativen informiert und ihnen deren Vor- und Nachteile darlegt.

Sollte ein Arzt unhaltbare Heilsversprechen abgeben oder seine Patienten über mögliche Therapieoptionen absichtlich nicht informieren, so handelt er nicht gesetzeskonform. Entsprechend kann er dafür rechtlich belangt werden. Diese Vorgaben gelten sowohl für schulmedizinisch tätige Kolleginnen und Kollegen als auch für solche, die komplementärmedizinische Verfahren anwenden.

Die Frage, ob sich die Schulmedizin in eine bestimmte Richtung öffnen sollte, stellt sich aus Sicht der Österreichischen Ärztekammer in diesem Zusammenhang nicht. Die Frage, die sich stellt, ist vielmehr: Entspricht das ärztliche Handeln unter Einhaltung bestehender Vorschriften und fachspezifischer Qualitätsstandards den Erfordernissen der ärztlichen Wissenschaft und Erfahrung oder nicht. Das Diplomfortbildungsprogramm der Österreichischen Ärztekammer umfasst auch Diplome für komplementärmedizinische Methoden. Diese Diplome bestätigen, dass sich die Diplominhaber im Rahmen eines strukturierten Programmes mit der Materie auseinandergesetzt haben.

Volkmar Weilguni , Ärzte Woche 49/2015

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