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Gesundheitspolitik 23. November 2015

Verwachtelung der Gesellschaft

Der Jugendforscher Heinzlmaier spürt der Elite von morgen nach: den superflexiblen Egozentrikern.

Die Wachtel wird als egozentrisches, asoziales Tier abgewertet. Für den Soziologen steht dieser Vogel für den Trend, sich immer weniger festzulegen, gleichzeitig aber auch nicht festgelegt zu werden. Der Pharma-Rahmenvertrag finanziert sowohl wissenschaftliche Arbeit über als auch konkrete Projekte für Jugendliche.

Wie tickt die Jugend von heute? In etlichen wissenschaftlichen Untersuchungen und angewandten Projekten wird dieser Frage seit 2011 nachgegangen. Möglich macht das der Rahmen-Pharmavertrag zwischen Politik, Sozialversicherung und Pharmawirtschaf: 36 Projekte zur Kinder- und Jugendgesundheit wurden seither mit mehr als fünf Millionen Euro gefördert – Vorhaben, die sowohl methodisch als auch thematisch breit gestreut sind, und von präventiven Maßnahmen über die Stärkung der Gesundheitskompetenz bis hin zur gesundheitlichen Chancengerechtigkeit reichen.

Beim „Fest der Kindergesundheit“ trafen die Protagonisten zusammen. Dabei war man einander In jüngster Zeit nicht gerade grün, einige wie der Hauptverbands-Generaldirektor Dr. Josef Probst haderten mit den Zitat: „unerträglichen Medikamentenpreisen“.

Neben zahlreichen praktischen Anwendungsfällen werden auch mehrere Forschungsvorhaben gefördert, unter anderem eine Studie der Donau-Universität Krems über Sucht und Migration und die „MHAT-Studie“ (für Mental Health in Austrian Teenagers), die erstmals epidemiologische Fakten zur psychischen Gesundheit Jugendlicher in Österreich erhoben hat. Prof. Dr. Andreas Karwautz, Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der MedUni Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie: „Die Prävalenz emotionaler und Verhaltensauffälligkeiten ist bei den 11- bis 17-Jährigen mit 22 Prozent im europäischen Rahmen, besser als in vielen südlichen Ländern, aber deutlich schlechter als etwa in Finnland oder auch in Deutschland.“ Die Studie bestätige zudem eine „Diskrepanz zwischen Häufigkeiten, Bedarf und Versorgungsgrad in Österreich“. Bei den Spitalsbetten fehlen 50 Prozent, im Burgenland zum Beispiel gibt es kein einziges. Auch bei den Fachärzten liegt man mit 191 noch weit unterhalb des definierten Sollwertes von 343. Die lediglich 20 Kassenstellen sprechen ohnehin für sich. Vom „politischen Ziel einer Vollversorgung, wo kein minderjähriger Patient mehr in der Erwachsenenversorgung landet“, sei man somit insgesamt noch meilenweit entfernt.

Digitale Individualisten

Was hat die Kinder- und Jugendgesundheit aber nun eigentlich mit den in der Überschrift erwähnten Wachteln zu tun? Diese Frage beantwortete der Soziologe Mag. Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung in seinem Vortrag über den Stellenwert der Gesundheit aus Sicht der Jugendlichen und die notwendigen Strategien, wie man Jugendliche mit Präventionsmaßnahmen heute überhaupt erreichen kann.

Heinzlmaier diagnostizierte einen zunehmenden gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung. Der Einzelne wird dazu aufgefordert, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Individualität sei in diesem Zusammenhang „keine neue Freiheit, sondern ein gesellschaftlicher Zwang. Und je mehr wir die Jugend in den Individualismus zwingen, desto mehr müssen wir uns um die daraus entstehenden Probleme kümmern.“ Es sei nicht verwunderlich, wenn laut einem Spiegel-Artikel heute 25 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland in Therapie sind.

Die Sinus-Milieu Jugendstudie 2014 über Gesundheitsverhalten und Körperbewusstsein der österreichischen Jugend definiert sechs Zukunftsmilieus, darunter stark vertreten die Hedonisten (18 Prozent) und die „Digitalen Individualisten“ (22 Prozent). So unterschiedlich sie auch sind, für Gesundheit interessieren sich beide kaum. Erstere leben im Jetzt, denken nicht an morgen und kümmern sich vielmehr um ihr Aussehen als um ihre Gesundheit. Letztere sind egozentrisch, spaß- und befriedigungsorientiert.

Die Digitalen Individualisten bilden laut Heinzlmaier die Elite von morgen, die gesellschaftliche Konsequenz daraus skizzierte der Sozialwissenschaftler so: „Ich konstatiere das Ende der Pinguine und den Beginn einer ‚Verwachtelung‘ der Gesellschaft. Die Wachtel gilt gemeinhin als egozentrisches, asoziales Vieh. Das Wachtelhafte an uns: Wir wollen uns immer weniger festlegen, gleichzeitig aber auch nicht festgelegt werden. Gesellschaftlich gefragt ist Flexibilität statt Reflexion, schnell von einer Aufgabe zur nächsten springen.“

Permanente Bilderflut

„Hyper Attention“ ist für die Jugendlichen entsprechend adäquater als „Deep Attention“. Diesen Grundsatz müssten alle beherzigen, die mit Jugendlichen arbeiten oder diese mit ihren Kampagnen erreichen wollen, attestierte Heinzlmaier. Das gelte selbstverständlich auch für die Gesundheitspolitik. „Sie müssen die Jugendlichen ständig stimulieren, eine repräsentative Symbolik anbieten.

Das Bild ist die Botschaft, nicht der Text dazu. Wichtig ist dabei vor allem auch, wie dieses Bild ästhetisch vercodet ist. Es geht um das Zeigen und Inszenieren, um das Spüren und Fühlen, nicht um das Informieren.“

Die Gesundheitspolitik müsse „sozialgesellschaftlich denken“, fordert Heinzlmaier: „Man muss sich in der Prävention in erster Linie mit den unteren Sozialschichten auseinandersetzen, denn während die Oberschichten tendenziell immer gesünder werden, werden die sozial Benachteiligten immer kränker.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 48/2015

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