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© Kubiena
 
Gesundheitspolitik 20. November 2015

Ärzte im Krieg

Ärzte im Krieg: Sie behandeln jeden, egal ob Marines oder Taliban. Das bringt diese engagierten Mediziner im Auslandseinsatz nicht selten selbst in Lebensgefahr.

Ärzte im internationalen Hilfseinsatz: Ihre Zahl in Österreich ist überschaubar, im Gegensatz zu den Risiken, die sie dafür bereit sind einzugehen. Trotzdem lohnt es sich, ist Dr. Michael Kühnel überzeugt: „Es ist sehr viel, was man gibt, aber mindestens genauso viel bekommt man zurück.“

Afghanistan, 3. Oktober 2015: Mehr als dreißig Menschen werden bei einem US-Luftangriff auf ein Krankenhaus der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Kundus im Norden Afghanistans getötet, darunter dreizehn internationale Mitarbeiter. Noch einmal so viele werden zum Teil schwer verletzt. Wie es dazu kam, ob es sich um einen verhängnisvollen Fehler in der Befehlskette oder doch um bewusst gestreute Fehlinformationen an die US-Einsatzleitung handelte, weil im Krankenhaus auch feindliche Taliban behandelt wurden, ist derzeit Gegenstand von Untersuchungen.

Kombattanten sind geschützt

Für die Betroffenen und aus völkerrechtlicher Sicht macht es keinen Unterschied. Denn nach dem Völkerrecht sind auch „verwundete Kombattanten als Patienten geschützt“, wie Christopher Stokes, Geschäftsführer der belgischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen und für das Krankenhaus in Kundus verantwortlich, erklärt: „Sie dürfen nicht angegriffen und müssen ohne Diskriminierung behandelt werden.“ Medizinisches Personal dürfe niemals dafür bestraft oder angegriffen werden, dass es verwundete Kombattanten behandelt. Zudem habe Ärzte ohne Grenzen zuvor mit allen Konfliktparteien dezidiert vereinbart, die Neutralität des Krankenhauses gemäß den Regeln des humanitären Völkerrechts zu respektieren.

Gefahren in Krisengebieten

Die Katastrophe von Kundus hat der Weltöffentlichkeit wieder einmal vor Augen geführt, welchen Gefahren Ärzte und Mitarbeiter von Gesundheitsberufen in ihrem engagierten Kampf gegen Krankheiten und Tod in Kriegs-, Terror- und Krisengebieten täglich ausgesetzt sind. Viel zu oft geraten sie zwischen die Fronten, werden Opfer der „Aggressoren“, der „Verteidiger“, der „Terroristen“ oder der „Allianz gegen den Terror“.

Das Risiko ist allgegenwärtig, wenn man sich in umkämpfte Gebiete vorwagt, um zu helfen. Hilfsorganisationen haben in den letzten Jahren eine besorgniserregende Zunahme an Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung festgestellt. Das hat nicht zuletzt mit der wachsenden Radikalisierung internationaler Terrororganisationen zu tun.

Immer öfter nehmen diese ganz bewusst Gesundheitseinrichtungen in ihr Fadenkreuz, am liebsten jene, wo internationale Hilfskräfte im Einsatz sind. Damit erreichen sie nach ihrer zynischen Logik gleich drei strategische Ziele: Erstens gelingt es ihnen, das von ihnen verhasste und bekämpfte System zu destabilisieren, indem sie die medizinische Versorgung außer Kraft setzen. Dass damit auch die Versorgung der „eigenen“ Bevölkerung geschwächt, die Infrastruktur zerstört wird, nehmen sie in Kauf. Zweitens erreichen sie damit ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit, weit über die Konfliktregion hinaus. Und drittens eignen sich Gesundheitseinrichtungen im internationalen Schutz besonders gut als Orte, um sich zu verschanzen und so selbst vor Angriffen geschützt zu sein. Patienten und Gesundheitspersonal werden so zum lebenden Schutzschild.

Die internationale Rotes-Kreuz- und Roter-Halbmond-Bewegung hat aufgrund der besorgniserregenden Entwicklungen die Initiative „Health Care in Danger“ ins Leben gerufen, um den Zugang zur Gesundheitsversorgung auch während bewaffneter Konflikte oder anderer Notfälle sicherzustellen.

Im Rahmen der Initiative wurde ein Leitfaden für in Krisenregionen arbeitendes Gesundheitspersonal entwickelt ( www.icrc.org ). Im Vorwort schreibt Yves Daccord, Generaldirektor des Internationalen Roten Kreuzes: „Obgleich dieser Leitfaden für das in bewaffneten Konflikten und anderen Gewaltsituationen tätige Gesundheitspersonal bestimmt ist, ist sein eigentliches Thema letztlich die Gewalt, die sich gegen das Personal und die Einrichtungen des Gesundheitswesens richtet oder sie bedroht. Hierfür sind die Behörden und die bewaffneten Akteure zuständig. Sie tragen die Verantwortung dafür, dass die Verwundeten und Kranken gesucht, geborgen, geschützt und gepflegt werden. Und zu dieser Verantwortung gehört auch, dass die Sicherheit eines jeglichen Aspekts der Gesundheitsversorgung gewährleistet wird.“

Dass die Realität leider oft ganz anders aussieht, zeigen die in einem begleitenden Report gesammelten Fakten. Der Report recherchierte und dokumentierte Vorfälle in elf Ländern, die zwischen 2012 und 2014 stattfanden. In dieser Zeit wurden über 4.200 Menschen zu Opfern der Gewalt innerhalb der Gesundheitsversorgung, die Hälfte davon fand unmittelbar in oder rund um Gesundheitseinrichtungen statt. 600 Ärzte und anderes Gesundheitspersonal wurden dabei getötet oder verwundet.

Dabei wäre die medizinische Herausforderung im internationalen Hilfseinsatz schon herausfordernd und gefährlich genug. Einen guten Eindruck davon vermittelt das Buch „Acht Gräber – als Katastrophenhelfer im Ebola-Gebiet“ (ISBN 9783738623277) von Dr. Michael Kühnel-Rouchouze. Kühnel war nach zahlreichen Einsätzen unter anderem in Indonesien (Tsunami-Hilfe) oder Haiti (Erdbeben-Hilfe) zuletzt 2014 für das Rote Kreuz in Liberia und Sierra Leone im Kampf gegen die Ebola-Epidemie engagiert. Das Thema Sicherheit sei bei all diesen Einsätzen „allgegenwärtig“, erzählt der Allgemeinarzt und Tropenmediziner. Die Gründe dafür sind vielfältig , ob es die Gefahr einer Ansteckung mit dem Ebola-Virus ist, die Angst vor Nachbeben oder davor, plötzlich zwischen die bewaffneten Fronten zu geraten. Das „Grundbedürfnis nach Sicherheit“ sei oft nicht mehr abgedeckt, sagt Kühnel. „Da muss jeder für sich Strategien entwickeln, um damit umzugehen. Ich diskutiere zum Beispiel prinzipiell mit niemandem, der eine Waffe in der Hand hat.“

Der Stressfaktor sei immens, die psychische und physische Belastung ebenfalls. Eine oft unterschätze Gefahr sei zudem die aus einem massiven Bedürfnis zu helfen heraus entstehende Neigung, „zu wenig auf sich selbst zu achten, die Selbstvorsorge zu vernachlässigen. Gerade in Stresssituation ist die Psychohygiene aber essenziell, weil man sonst der Belastung auf Dauer nicht gewachsen ist. Ein kranker Arzt ist den Menschen jedenfalls keine Hilfe.“

Gleichzeitig sei die Arbeit im Hilfseinsatz aber unheimlich gewinnbringend und motivierend, so Kühnel. Sie trage daher einen „gewissen Suchtfaktor“ in sich. Neben der gründlichen Vorbereitung und Begleitung der Auslandseinsätze sind daher verpflichtende psychologische Nachbetreuungsangebote, wie sie beim Roten Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen Standards sind, unverzichtbar.

Was sind bei Ihren Noma-Operationseinsätzen die besonderen Herausforderungen?

Kubiena: Aus medizinischer Sicht sind die hochkomplexen Eingriffe in den nicht den westlichen Standards entsprechenden Krankenhäusern herausfordernd. Dazu kommen kulturelle und sprachliche Barrieren, Verletzungs- und Infektionsrisiken sowie die alltäglichen Gefahren, die Aufenthalte in politisch instabilen, manchmal terrorgefährdeten Gebieten mit sich bringen. Das verlangt von allen Teammitgliedern die Einhaltung festgelegter Regeln, um sich nicht selbst – und damit auch die Kollegen bzw. das gesamte Projekt – in Gefahr zu bringen.

Welche Voraussetzungen sollten Ärzte dafür mitbringen?

Kubiena: Psychische und körperliche Stabilität bzw. Belastbarkeit sind Voraussetzung. Hitze, Kälte, Stress, intensives Arbeitspensum, organisatorische, kulturelle und sprachliche Hürden, Ernährung, Gefahren oder das alltägliche Elend sind ständige Begleiter. Es muss uns Ärzten bewusst sein, dass es sich bei unserer Hilfe um eine „exemplarische“ Tätigkeit handelt, wo zwar jeder einzelne Patient zählt, sie aber vor dem Hintergrund einer oftmals unbeeinflussbaren Minderversorgung der breiten Masse stattfindet.

Wie kann man sich dafür vorbereiten?

Kubiena: Man muss sich mit Land und Leuten ebenso vertraut machen wie mit den Krankheitsbildern, die einen erwarten. Weitere vorab abzuklärende Fragen: Wie ist die Vor- und Nachbehandlung der Patienten organisiert?

Gibt es Ausschlusskriterien: Wer darf nicht behandelt werden? Was passiert im Sinne eines Komplikationsmanagements, wenn etwas passiert?

Außerdem sollte man sich im Vorfeld rechtzeitig um notwendige Impfungen und Prophylaxe kümmern und die körperliche Fitness trainieren.

Was gewinnt Sie als Arzt und Mensch durch solche Einsätze?

Kubiena:Einen Boost der Sinnhaftigkeit und Unmittelbarkeit, das „Gebrauchtwerden“; Kompetenzbewusstsein, das „Helfenkönnen“; ein Zugehörigkeitsgefühl, ein „Füreinander-da-Sein“ über alle Grenzen hinweg. Vor allem aber empfindet er Dankbarkeit.

Zur Person

Dr. Harald Kubiena

Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie im Wiener Krankenhaus Göttlicher Heiland, vertritt das NOMA Team Österreich nach außen. Noma ist eine bei Kleinkindern auftretende schwere Infektionskrankheit, die weite Teile des Gesichtes befällt, zu massiven Entstellungen führt und bei nicht rechtzeitiger Behandlung tödlich verläuft. Die NOMA Hilfe Österreich gibt Kindern in Niger durch wiederherstellende Operationen vor Ort wieder Hoffnung auf ein Leben.

Veranstaltungstipp

Do., 26.11.2015, 19:00 Uhr, Festsaal, KH Göttlicher Heiland, Dornbacherstraße 20-28, 1170 Wien

Seelengesichter

Unter dem Titel „Seelengesichter“ macht Dr. Harald Kubiena gemeinsam mit Burgschauspielerin Regina Fritsch mit Bildern, Musik-Sequenzen, Texten und Gedichten auf das Schicksal der an Noma erkrankten Kinder in Westafrika aufmerksam. Die Veranstaltung ist öffentlich.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 47/2015

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