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©  Martin Burger
Josef Probst zur aktuellen Flüchtlingswelle: „Es wäre doppelt wichtig, das Potenzial dieser Menschen zu nutzen.“(2)
 
Gesundheitspolitik 20. November 2015

„PHC-Zentren sind am Land kein Modell“

Aufeinander abgestimmte Öffnungszeiten hingegen schon, sagt Josef Probst, Generaldirektor des Hauptverbandes.

Dr. Josef Probst sagt im Ärzte Woche-Interview, warum er dennoch an das PHC-Konzept glaubt und die Steigerungsdynamik bei den Medikamentenkosten für „unerträglich“ hält.

Der PHC-Gesetzesentwurf der Regierung hat zu massiver Kritik und Drohungen der ÖÄK geführt, alle Verträge aufzulösen. Wie ernst nehmen Sie das?

Probst:Partner sollte man prinzipiell immer ernst nehmen. In meiner Funktion ist es ja nicht das erste Mal, dass die Ärztekammer reflexartig eine Abwehrposition einnimmt, wenn neue Entwicklungen umgesetzt werden sollen. Das war vor mehr als zehn Jahren bei der Einführung der E-Card nicht anders. Das Einzige, was in solchen Situationen hilft, ist das konstruktive Gespräch.

Gibt es derzeit eine Basis dafür?

Probst:Eine sachliche Gesprächsbasis hat immer vorhanden zu sein. Wenn wir über Primärversorgung sprechen, sind mir drei Punkte besonders wichtig. Erstens: Österreich ist heute innerhalb der europäischen Landkarte eines jener Länder, wo die Primärversorgung insgesamt schwach ausgeprägt ist, das ist ein Faktum. Es gibt eine ganze Reihe hochengagierter Ärzte, die täglich für ihre Patienten arbeiten – über 1.000 von ihnen zum Beispiel auch im Rahmen des Disease Management Programms Therapie Aktiv – Diabetes im Griff. Gleichzeitig muss aber schon die Frage erlaubt sein: Was ist eigentlich mit den anderen 3.000 bis 4.000 niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Internisten? Wenn eine systematische Betreuung von Diabetes-Patienten internationaler Standard ist, dann haben diese ein Recht darauf, egal, wo sie leben. Zweitens: Wenn ich mich heute nachmittag in den Finger schneide, muss ich erst recherchieren, welcher Arzt in der Nähe geöffnet hat und ob er solche Verletzungen überhaupt versorgt. Wenn ich dann drittens doch einen gefunden habe, muss ich nachfragen, wann er zusperrt, damit ich nicht unnötig hinfahre. Und weil ich das alles nicht will, wenn ich akut verletzt bin, gehe ich gleich in die Spitalsambulanz. Was ich damit meine: Die Primärversorgung braucht ein klares und einheitliches Aufgabenspektrum und dazu vernünftige Öffnungszeiten. Derzeit haben etwa in Niederösterreich 90 Prozent der Hausärzte nur vier Tage in der Woche offen. Da müssen wir servicemäßig wirklich umdenken und neue Organisationsformen aufbauen, die Patientenbedürfnisse besser abdecken können.

Was müssen diese Organisationsformen können?

Probst: Sie müssen ein verbindliches Leistungsspektrum anbieten, unter Einbeziehung anderer Gesundheitsberufe. Die Öffnungszeiten müssen deutlich ausgeweitet werden und sie sollen auch Bürger betreuen, die gar nicht krank sind, indem sie Präventionsleistungen wie zum Beispiel Impfungen anbieten. Kritiker des PHC-Konzepts sprechen immer von großen, anonymen Zentren, die entstehen werden. Das ist falsch. Nehmen sie das PHC-Pilotprojekt in Wien Mariahilf: Hier hat jeder Patient seinen persönliches Hausarzt. Er hat aber zusätzlich die Sicherheit, auch dann medizinisch betreut zu werden, wenn sein Hausarzt gerade nicht da ist. Was die Kritik der Ärzte am PHC-Konzept angeht, muss man differenzieren zwischen den Interessen der Ärzteschaft und jenen der Kammerfunktionäre. Ich bin im privaten Umfeld viel mit Ärzten beisammen, viele davon sehen die Welt ganz anders als die Kammer. Es gibt etwa in der Gesellschaft für Allgemeinmedizin eine ganze Reihe Hochinteressierter, die die Thematik ein bisschen dynamischer sehen. Was also die Einstellung der Ärzte gegenüber dem PHC-Konzept betrifft, bin ich eigentlich optimistisch, bei den Kammerfunktionären ist das Ganze schwieriger. Aber wir sind das Bohren harter Bretter ja gewohnt, wir werden das schon schaffen.

Es gibt Kritiker, die das vorliegende Modell zwar für den urbanen Bereich als sinnvoll erachten, für die ländliche Versorgung aber für ungeeignet oder unrealistisch ...

Probst: Das PHC-Zentrum ist kein Modell für das Land, da gebe ich Ihnen recht. Hier brauchen wir andere Formen der Zusammenarbeit. Was uns vorschwebt, sind Netzwerke, wo die Ärzte in der Umgebung ihre Öffnungszeiten aufeinander abstimmen, sodass zumindest eine der Praxen von früh bis spät offen hat, und wo die Ärzte weiteres Gesundheitspersonal zur Verfügung haben. Das müssen Krankenschwestern und Therapeuten sein, die für mehrere Allgemeinmediziner gemeinsam tätig sind.

Wäre das Modell Styriamed.net eine denkbare Alternative?

Probst: Grundsätzlich ist uns jede Organisationsform willkommen, die die Betreuung der Patienten verbessert. Und wenn sich hier Ärzte enger zusammenschließen und koordinieren, dann ist das toll. Was wir im Auge haben ist aber schon noch eine intensivere Form der Zusammenarbeit. Das eine soll aber bitte das andere nicht ausschließen. Beide Modelle haben ihre Berechtigung.

BMG-Sektionschef Auer hat vom Hauptverband verlangt, seine Honorarkataloge „ganz schnell und umfassend“ zu reformieren. Wird sich etwas bewegen?

Probst: Die bestehenden Honorarkataloge sind Instrumente, die in den einzelnen Bundesländern über die Zeit unterschiedlich gewachsen sind – immer übrigens im beiderseitigen Einvernehmen zwischen Kassen und Ärzten. Es stimmt, einiges davon gehört dringend überarbeitet. Wir gehen etwa davon aus, dass es für die neuen Organisationsformen in der Primärversorgung viel mehr Betreuungspauschalen geben muss als die Abrechnung von Einzelleistungen. Das Stricherlmachen bereitet den wenigsten Freude. Entscheidend dabei ist, dass wir die Honorarkataloge miteinander neu gestalten.

Themenwechsel: Mit ihrem Verordnungsentwurf einer Zwangsrabattierung bei Medikamentenpreisen hat die Gesundheitsministerin viel Staub aufgewirbelt. Nun ist gerade noch rechtzeitig doch eine Einigung erzielt worden. War das ein politisches Druckmittel, um die Pharmabranche zum Einlenken in einen freiwilligen Pharmarahmenvertrag zu zwingen?

Probst:Das Problem ist, dass wir in den vergangenen zwölf Monaten bei den Medikamentenkosten eine Steigerungsdynamik erlebt haben, die unverhältnismäßig, unvertretbar und – ich würde sogar sagen – unerträglich ist. Bei einer insgesamt zu erwartenden dreiprozentigen Beitragseinnahmensteigerung der sozialen Krankenversicherung sind Wachstumsraten bei den Medikamentenkosten von sechs oder gar acht Prozent, wie wir das zuletzt hatten, ökonomisch nicht aushaltbar. Da kommt das System in Schieflage. Wir haben dafür zu sorgen, diese Kostenentwicklung in den Griff zu bekommen. Deswegen haben wir schon frühzeitig aufgeschrien, dass hier dringend Gegensteuerungsmaßnahmen notwendig sind im Interesse der Versicherten, der Beitragszahler, der Dienstnehmer und Dienstgeber. Unsere oberste Priorität war dabei immer eine gemeinsame Verhandlungslösung. Wir haben als Sozialversicherung das System zu organisieren, sind dabei aber nicht autark. Wenn wir die Dinge nicht lösen können, dann sind wir verpflichtet, dies der Politik mitzuteilen. Das haben wir getan. Und diese hat mit dem Verordnungsentwurf ihre übergeordnete Verantwortung wahrgenommen. Das Problem dahinter sind einzelne Konzerne, die in unvertretbarer Weise mit beiden Händen in die steuer- oder beitragsfinanzierten Gesundheitssysteme greifen wollen, indem sie Mittel der Sozialversicherung lukrieren, ohne dafür Steuern zu zahlen. Nehmen wir das derzeit viel diskutierte Beispiel mit dem Hepatitis-C-Medikament (red. Anmerkung: Sovaldi): Das produzierende Unternehmen hat damit bei 24 Milliarden Dollar Umsatz 14 Milliarden Gewinn gemacht und steht auf der Liste jener Konzerne, die weltweit keine Steuern zahlen.

Das Gespräch führte Mag. Volkmar Weilguni.

Zur Person

Dr. Josef Probst, geboren 1954, arbeitete nach seinem Jus- Studium als Universitätsassistenz am Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Linz und wechselte 1982 in die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse. 1991 wurde er zum Stellvertretenden Generaldirektor in den Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger berufen. Seit 1. April ist Probst Generaldirektor des Hauptverbandes.

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