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© ÄK Steiermark

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Dr. Herwig Lindner Präsident der Ärztekammer Steiermark

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Christoph Schweighofer Allgemeinmediziner in Kapfenberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Teresa Rothwangl

Mag. Christopher Drexler Steirischer Landesrat für Gesundheit

 
Gesundheitspolitik 26. Oktober 2015

In den Ländern schafft die Kammer Tatsachen

Das „Styriamed.net“ ist als Ergänzung – gemeint ist damit eigentlich: als die bessere Alternative – für die zentral gesteuerten Primärversorgungspläne des Bundes angelegt.

„Styriamed.net“ startete 2009 mit zwei Netzwerken in den Bezirken Hartberg und Leibnitz. Inzwischen haben sich landesweit zehn Netzwerke in zehn der insgesamt 13 Bezirke etabliert. Neben 356 Arztpraxen – davon 209 niedergelassene Allgemeinmediziner – sind auch 15 Spitäler integriert. In den Netzwerken werden aktuell knapp 750.000 Patienten betreut, das sind über 60 Prozent der steirischen Bevölkerung. Laut einer 2012 durchgeführten Evaluierung fühlen sich 75 Prozent der befragten Patienten im Netzwerk besser betreut, 60 Prozent der befragten Ärzte sehen eine Verbesserung des Patientenmanagements und 50 Prozent eine verbesserte Kommunikation unter den Ärzten. „Das sei „aus der Ärzteschaft heraus gewachsen, weil sie das für ihre tägliche Arbeit brauchen“, erklärt Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer. „Wir Ärzte wissen am besten, dass die Zusammenarbeit verbessert werden muss. Daher sei man damals auch Treiber der Gruppenpraxen gewesen, wir mussten dann aber mitansehen, dass die Politik ein völlig untaugliches Gruppenpraxengesetz verabschiedet hat.“ Das sei deshalb heute totes Recht.

Styriamed.net jedenfalls werde „beispielgebend für ganz Österreich sein“, ist Wechselberger überzeugt. „Die Idee wird sich flächendeckend ausbreiten. Im Burgenland haben wir ein vergleichbares Modell bereits in Entwicklung (Anmerkung: „Pannoniamed.net“), für Tirol gibt es ebenfalls bereits entsprechende Beschlüsse, weitere Bundesländer werden folgen. Das geschieht, das wird gemacht. Die Politik aber will ein Gesetz schaffen, das etwas regelt, was ohnehin läuft.“

Ein Zwischenziel ist erreicht

„Was wir am dringendsten brauchen, ist die Patientennähe.“

Dass eine sinnvolle und qualitätssteigernde Reform aus dem System heraus gelingen kann, haben wir mit unserem Styriamed.net bewiesen. Eine Systemreform hingegen, die von oben nach unten angeordnet wird, funktioniert niemals, weil dabei die Probleme der Menschen, die sie betrifft, zu wenig beachtet werden. Wir sind für eine Stärkung der Primärversorgung, das ist selbstverständlich, weil sie die Grundlage unserer ärztlichen Tätigkeit ist. Wir wollen eine Verbesserung des an sich guten Systems. Daran arbeiten wir täglich.

Als eines der wesentlichen Verbesserungspotenziale haben wir schon vor vielen Jahren die fehlende Vernetzung zwischen den niedergelassenen Ärzten einerseits, vor allem aber zwischen niedergelassenen Ärzten, Spitälern und andere Gesundheitsberufen erkannt. Schon 2005 hatten wir im Rahmen des Reformpools ein entsprechendes Projekt eingereicht, das damals aber von der Politik nicht verstanden und abgelehnt wurde.

Das Konzept von Styriamed.net ist darauf ausgerichtet, die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen unter mehreren Dächern zu verbessern. Zu Beginn mussten wir als Ärztekammer viel Zeit und Geld investieren, um die ersten beiden Netzwerke Hartberg und Leibnitz aufzubauen. Mittlerweile laufen die Netzwerke praktisch von selbst – und erfreuen sich großer Zufriedenheit seitens der Patienten und Ärzte gleichermaßen. Das hat auch eine wissenschaftliche Evaluierung eindeutig belegt. Damit haben wir ein Zwischenziel erreicht.

In einem nächsten Schritt geht es jetzt darum, das Netzwerk für andere Gesundheitsberufe zu öffnen. Die Netzwerk-Ärzte selbst haben angeregt, auch Therapie und Pflege zu integrieren. Da sind wir inzwischen schon sehr weit am Weg.

Styriamed.net ist aus dem Bedürfnis der Ärzte gewachsen, die medizinische Versorgung ihrer Patienten zu verbessern. Diese Verbesserung kostet noch dazu den Staat keinen zusätzlichen Cent. Die Netzwerkkosten übernehmen die Ärzte selbst, die Qualitätszirkel absolvieren sie in ihrer Freizeit. Styriamed.net zeigt: Wir wollen – und wir können es, wenn man uns nur lässt.

Effiziente Überweisungen

„Ich bin als Hausarzt im Netzwerk wesentlich zufriedener.“

Durch das Netzwerk hat sich die Kommunikation zwischen den beteiligten Ärzten, vor allem zwischen den niedergelassenen und Spitalsärzten massiv verbessert. Alle Kollegen innerhalb eines Netzwerkes kennen einander persönlich. Dank der gemeinsamen Qualitätszirkel haben einerseits wir niedergelassenen Ärzte erfahren, welche Befunde im Krankenhaus in welcher Form gebraucht werden bzw. was die Patienten ins Spital mitbringen müssen, andererseits achten die Spitalsärzte bei ihren Befunden nun deutlich mehr auf konkrete Handlungsempfehlungen für Hausärzte.

Wir arbeiten innerhalb des Netzwerkes mit zwei wesentlichen Tools: der Überweisungstriage und der Hausarztabfrage.

Zum Überweisungsmanagement: Lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin sind eines der Hauptprobleme im niedergelassenen Bereich. Daher kennzeichnen wir bei einer Überweisung unserer Patienten die Dringlichkeit in drei Stufen: „ST“ bedeutet Soforttermin, in diesem Fall greifen wir auch zum Telefon und rufen den Kollegen direkt an, um ihm den Fall zu erklären. „KT“ steht für kurzfristiger Termin, er soll innerhalb von drei Tagen stattfinden.

Alle anderen Fälle, die keine Priorität haben, werden nicht gekennzeichnet. Die Kennzeichnung ermöglicht Fachärzten und Spitälern eine bessere, effizientere Terminkoordination. Vom Netzwerk profitieren damit nicht nur die Patienten selbst, sondern auch das gesamte Gesundheitssystem. Die Ressourcen werden optimal genützt, das ergibt größere Kosteneffizienz – und zwar ohne dass die Behandlungsqualität darunter leidet.

Zur Hausarztabfrage: Wenn der Hausarzt nicht zuweist, bekam er bisher auch keine Befundung. Der Vertrauensarzt sollte aber über alle Behandlungsschritte seiner Patienten informiert sein. Im Netzwerk werden alle Patienten daher vom Facharzt oder im Spital standardmäßig nach ihrem Hausarzt gefragt und dieser bekommt, die Zustimmung der Patienten selbstverständlich vorausgesetzt, automatisch alle Zuweisungen elektronisch zugesandt.

Das verbessert die Behandlungsqualität, weil die Therapie sofort beginnen kann und man fehlenden Befunden nicht nachlaufen muss.

Schwierige Ausgangslage

„Grundversorgung muss rund um die Uhr abgedeckt werden.“

Primary Health Care, PHC oder Primärversorgung als großer Meilenstein der österreichischen Gesundheitsreform ist ein emotional hoch diskutiertes Thema. Viele Für und Wider werden zwischen den verschiedenen Interessensvertretungen ausgetauscht und einander über Medien und diverse andere Kommunikationsmittel ausgerichtet.

Bis 1. Jänner 2016 hat jedes Bundesland ein Prozent der Wohnbevölkerung mittels PHC-Center zu versorgen. In der Steiermark arbeiten wir daher sehr intensiv und konzentriert daran, der Zeitvorgabe zu entsprechen und PHC-Pilotprojekte zu definieren. Die Ausgangslage ist mehr als schwierig, denn die Ausgestaltung der gesetzlichen Grundlagen stagniert, gleiches gilt für die Überlegungen, wie eine Finanzierung zu bewerkstelligen ist. Und oft ist man sich selbst in der Definition von „PHC“ uneinig.

Ich denke, dass sich Primärversorgung möglichst flexibel den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bevölkerung anpassen muss, daher sollte die rechtliche Ausgestaltung den Ländern auch einen breiten Gestaltungsraum bieten. Denn Primärversorgungszentren im urbanen Ballungsraum werden wohl andere Aufgaben zu übernehmen haben, als jene in einem peripheren Umfeld: In der Stadt geht es eben auch um eine Entlastung von Spitalsambulanzen, um flexiblere Öffnungszeiten und um einen einfach(er)en Zugang zum Gesundheitssystem. Am Land muss – gerade auch in Zeiten des drohenden, zum Teil sogar schon evidenten Landärzte-Mangels – die medizinische Grundversorgung rund um die Uhr abgedeckt werden. In diesem Zusammenhang ist „Styriamed.net“ sicherlich eine interessante Ergänzung vielleicht sogar Alternative, was die Ausgestaltung von flexiblen Lösungen betrifft und daher selbstverständlich auch im Fokus weiterer Überlegungen und Planungen des Landes Steiermark. Auch hier kann man wohl nicht von PHC im klassischen Sinne sprechen. Der Vernetzungsgedanke ist jedenfalls ein Merkmal, das wesentlich scheint. Ich meine daher, wir sollten uns nicht an Definitionen reiben, sondern auf flexible Lösungen hinarbeiten, die eine unkomplizierte und zufriedenstellende medizinische Versorgung für die Bevölkerung bietet.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 44/2015

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