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Friedrich von Bohlen Vorstandsvorsitzender der LION Bioscience AG
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Die Haube des Geräts „DIGNITANA“ dient der Kopfhautkühlung. Das verringert den Haarausfall bei der Chemo. alliance / dpa

 
Gesundheitspolitik 19. Oktober 2015

Die angesagte Revolution

Stellt die Präzisionsmedizin das Gesundheitssystem auf den Kopf? Es schaut ganz danach aus.

In vielen Zukunftsforen wird die „personalisierte Medizin“ als Hoffnungsträger gesehen – nicht selten zum Unmut der Ärzte, die gerne darauf hinweisen, dass sie seit jeher Tag für Tag in ihren Praxen und Krankenhäusern nichts anderes betreiben würden. Und womit? Mit Recht. Daher wird heute der Begriff „Präzisionsmedizin“ verwendet, wenn man den Veränderungen in der Medizin einen Namen geben will.

Zwei wesentliche Faktoren prägen die Präzisionsmedizin: die Digitalisierung sowie die molekularen Informationen, die immer schneller, günstiger und bald flächendeckend zur Verfügung stehen.

„Wir sind erst am Beginn einer weitreichenden digitalen Revolution“, sagte Dr. Friedrich von Bohlen und Halbach am Europäischen Gesundheitskongress aus. Der Geschäftsführer der „dievini Hopp BioTech Holding“ beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Zukunftsszenarien der Medizin.

Dr. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Bundesministerium für Gesundheit, bezeichnet das als einen „unumkehrbaren Trend“.

Auf der Tagung „E-Health: Chancen und Risiken für Patienten und Mitarbeitersicherheit“ der Österreichischen Plattform für Patientensicherheit sprach „Mr. E-Health“, wie Auer manchmal genannt wird, wörtlich von einer „Kulturrevolution“. Es sei völlig sinnlos darüber zu klagen, weil diese „findet statt“, quer durch das gesamte System, von der Verwaltung bis zur Qualitätssicherung, von der Behandlungsdaten-Übertragung über die epidemiologische Forschung bis hin zu immer unübersichtlicheren M-Health-Lösungen (Mobile Health).

Laut Auer ist der Sektor Gesundheit der „am schnellsten wachsende Bereich in der Welt der Apps. Da wird mir als Regulator manchmal ganz schummrig vor Augen, weil ich nicht weiß, wie wir Sicherheit einfangen können in einem Markt, der sich derartig gigantisch und explosionsartig entwickelt. Es fehlt uns als Staat noch die Fantasie, wie wir mit diesen Dingen umgehen.“

Molekulare Informationen

Der zweite Fortschritt ist die rasanten Zunahme an molekularen Informationen, die Entschlüsselung des „Code of Life“. Für von Bohlen und Halbach gab es seit der Erfindung des Mikroskops keinen vergleichbaren medizinischen Entwicklungsschritt.

Letztendlich seien nahezu alle Erkrankungen molekular, nicht nur die verschiedenen Krebsarten mit Hunderten unterschiedlichen Krebstypen, sondern auch Demenz. Und wenn „wir Krebs irgendwann unter Kontrolle haben werden, dann ist auch Demenz heilbar“, ist von Bohlen und Halbach überzeugt: „Es ist machbar. Ob in 20 oder 30 Jahren weiß heute niemand, aber es wird kommen.“ Die große Challenge liege für die Wissenschaft in einem nächsten Schritt darin, die biologische, chemische und medizinische „Sprache“ zu einer gemeinsamen zusammenzuführen.

Die Präzisionsmedizin werde jedenfalls langfristig zu Veränderungen, vor allem aber auch zu massiven Vorteilen für die unterschiedlichen Stakeholder im System führen. Molekulare Patientendaten bilden dabei die Basis für eine präzise individuelle Diagnostik mit vorhersehbar wirksamen und sicheren Therapieoptionen. „Die Patienten können damit besser und sicherer behandelt werden, zu jedem Zeitpunkt einer Erkrankung“, so die optimistische Einschätzung von Bohlen und Halbachs.

Pharmaunternehmen werden schneller, günstiger und besser neue Medikamente bzw. Therapien entwickeln können, weil die Therapeutika zukünftig am molekularen Profil einer Erkrankung ausgerichtet, besser stratifiziert und klinische Studien mit höheren Erfolgswahrscheinlichkeiten durchgeführt werden. Das werde die Versorgung verbessern, das therapeutische Spektrum – gerade auch in rationalen Kombinationsansätzen – erweitern, Ausfallkosten gescheiterter Studien reduzieren und klinische Studien beschleunigen, womit sich automatisch die Netto-Patentschutzzeit verlängert. All das zusammen wird „die Preise für Arzneimittel drastisch sinken lassen“, argumentierte von Bohlen und Halbach: „Die Logik ist so bestechend, der Trend wird nicht ausbleiben.“ Die Industrie werde das zwar nicht freiwillig machen, „aber der Druck wird groß genug sein“.

Aber auch Regulatoren und Versicherer werden von der Präzisionsmedizin langfristig profitieren, prophezeite von Bohlen und Halbach. Studiendesigns, zulassungsrelevante Informationen, Kombinationstherapien und sogenannte „off-label uses“ könnten auf Basis molekularer Informationen besser bewertet und reguliert werden. Arzneimittelsicherheit könne Mechanismus-basiert und nicht nur wie bisher Observations-basiert verstanden und verbessert werden. In Zukunft werde es keine Zulassung mehr ohne rational begründete molekulare Diagnostik (Biomarker) geben.

Die Versicherer wiederum werden Aufwand/Nutzen-Betrachtungen besser bewerten. Die zunehmend rational begründeten Kombinationstherapien werden zu einer Differenzierung und Neugestaltung der Preisfindung für Arzneimittel bzw. Therapieschemata führen.

Bessere Wirksamkeit, höhere Sicherheit und geringere Fehlmedikation werden zu kürzeren Behandlungs- und Liegezeiten führen. Neben den Arzneimittelpreisen selbst werden damit die fallspezifischen Behandlungskosten sinken, meinte von Bohlen und Halbach. Auf der anderen Seite wird es dafür aber mehr „Fälle geben, weil Krankheiten wie beispielsweise Krebs quasi chronisch behandelbar werden und auch dadurch das Überleben deutlich ansteigen wird“.

Neue medizinische Berufsbilder

In einer „Integrations- und Interpretationsmedizin“, wie die Präzisionsmedizin aufgrund der unglaublichen Datenmengen eine ist, werden sich zudem neue Zuständigkeiten ergeben und neue Berufsbilder entwickeln.

Die Pathologie zum Beispiel wird massiv an Bedeutung gewinnen, dazu könnten sich langfristig zweierlei Arztrollen parallel entwickeln, skizzierte von Bohlen und Halbach: „Jene Ärzte, die Millionen Seiten an Computerdaten analysieren und auswerten und jene, die dann die ausgewerteten Daten in 20 Minuten mit den Patienten besprechen und gemeinsame Therapieentscheidungen treffen.“

Wobei der Begriff „gemeinsam“ an Bedeutung gewinnt, denn auch das Arzt-Patienten-Verhältnis wird sich dramatisch verändern. „Die Diskussion Arzt-Patient wird nicht mehr ‚Nord-Süd‘ laufen, sondern im Dialog“, erklärte von Bohlen und Halbach.

„Der Patient wird immer mehr zum Consumer. Darauf werden sich Ärzte zunehmend einstellen müssen.“

Der smarte Patient

Der Patient hält im Smartphone seine Krankenakte und viele zusätzliche individuelle Gesundheits-, Krankheits- und Lebensstil-Informationen bereit, die für eine Diagnose und Therapieauswahl wichtig sind. Die Vernetzung dieser Systeme, also auch der mobilen Systeme der Patienten, wird demnach zum „Driver“ einer demokratisierten Medizin.

„Mit dem Paradigmenwechsel von einer Observations- und zellulär-basierten IT-gestützten zu einer IT-zentrierten wissenschaftlich-molekular begründeten Medizin kommt es auch zu einem Wechsel von einer hierarchisch gewachsenen und organisierten Medizin zu einer digitalisierten und demokratischen Medizin, in der der Patient genauso gut informiert sein kann und wird wie der behandelnde Arzt.“

Auch Sektionschef Auer weiß über das sich verändernde Rollenbild der Patienten zur allzu gut Bescheid. Umso wichtiger sei es für die Regulatoren, den Patienten Autonomie zu geben, um über die eigenen Daten verfügen zu können. „Die Menschen haben das Recht zu wissen, was mit ihren persönlichen Gesundheitsdaten geschieht, wer wann welche Daten einsieht. Dank ELGA wird Österreich eines der ersten Länder überhaupt sein, das seinen Bürgern diese Daten zur Verfügung stellen kann.“

Dabei gehe es aber zuallererst immer um das „Menschenrecht, diese Daten bestmöglich vor Missbrauch zu schützten“, fügte Auer an. „Das ist mein Credo. Und das ist auch die Philosophie und der Atem, der aus dem ELGA-Gesetz wehen soll.“

Über eine absolut notwendige Regulierung hinaus werde es aber auch eine Parallelwelt geben, malt von Bohlen und Halbach ein Abschlussbild, in der „vor allem jüngere Consumer ihre molekularen Profile Facebook-like halten und sharen werden“.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 43/2015

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