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© Martin Burger
Von den rund 200.000 experimentellen Tierversuchen im Jahr wurden 87 Prozent mit Nagern gemacht.
© Martin Burger

Dr. Christiana Winding-Zavadil und ihr 40 g schwerer „Bock“.

 
Gesundheitspolitik 19. Oktober 2015

Kampf mit dem Totschläger: der ewige Streit um Tierversuche

Die Vetmed Uni wirbt um Verständnis für Tierversuche und möchte so hitzige Debatten eindämmen.

200.000 Tiere werden jährlich für tierexperimentelle Zwecke genutzt. Die Forschungsergebnisse dienen der Entwicklung neuer Therapien für Herz- oder Krebspatienten. Doch es gibt auch andere Zahlen: 95 Prozent aller Tierforschungen schlagen fehl und 5.000 Tiere lassen ihr Leben im Dienste der Wissenschaft. Die Fronten zwischen Tierrechtsaktivisten und Forschern sind verhärtet. Vetmed-Tierethiker Herwig Grimm vermittelt.

1,5 Millionen Unterzeichner einer Petition wollen, dass in der EU Tierversuche verboten werden. Die Folgen in Österreich sind vorerst überschaubar. Im Salzburger Fernseh-Studio wird gestritten. Die Servus TV-Diskussionssendung „Talk im Hangar 7“ vom 25. September bringt die erwarteten „Sager“. Der deutsche Tierrechtsaktivist und Publizist Friedrich Mülln sagt: „95 Prozent aller Tierversuche scheitern. Die Substanzen, die als Hoffnungsträger rauskommen, scheitern am Menschen, in den klinischen Studien, am Kranken und am gesunden Menschen.“ Der prominente österreichische Tierrechtsaktivist Martin Balluch stellt die Sinnhaftigkeit von Tierversuchen grundsätzlich in Frage: „Es gibt eine ganze Palette von vollkommen irrelevanten Erkenntnissen aus Tierversuchen, die momentan stattfinden und warum sträubt sich die Tierversuchsindustrie dagegen, eine wirklich scharfe Trennlinien zu ziehen und diese Versuche auszuscheiden, die den Kriterien nicht genügen.“

Aber was ist eine relevante Erkenntnis und kann ein Grundlagenforscher dies im Vorfeld eines Experiments überhaupt erkennen? An der Veterinärmedizinischen Universität in Wien ist man jedenfalls alarmiert, man fühlte man sich in seiner wissenschaftlichen Freiheit beschnitten und reagiert nach dem Motto: Da müssen wir jetzt einiges richtig stellen, das emotionale Thema zu versachlichen.

Anlass für eine hitzige mediale Debatte, die man gern einfangen würde, bevor sie ausbricht, könnte der in Vorbereitung befindliche Kriterienkatalog bei Tierversuchen bieten. Plangemäß soll diese gesetzlich vorgeschriebene Schaden-Nutzen-Analyse am 1. Jänner 2016 in Kraft treten und erstmals eine einheitliche Grundlage für die Bewilligung oder Abweisung eines Tierversuchs durch die Behörde bieten. Wobei: Abgelehnt wird in Österreich kaum ein Antrag, sagt Barbara Weitgruber vom Wissenschaftsministerium, das für Bewilligungen von Tierversuchen an Hochschulen zuständig ist, höchstens zurückgezogen. Der Leiter der Abteilung für die Ethik der Mensch-Tier-Beziehungen, Prof. Dr. Herwig Grimm, hat am Kriterienkatalog mitgewirkt. Ein Prophet ist er nicht: „Man wird sehen.“

Wie es sich für emotional geführte Debatten gehört, sind auch die Experten mitunter mehr geladen als sachlich. Was so schlecht wäre an einer Welt ohne Tierversuche, wie sie der US-amerikanische Philosoph und radikale Tierrechtler Tom Regan forderte? „Ich kann ihnen sagen, dass wir ohne Tierversuche kein Problem mit Diabetikern hätten, die meisten wären tot“, meint Prof. Dr. Thomas Rülicke vom Institut für Labortierkunde. Quasi ein Totschlagargument, mit dem jede Debatte über moralisch gerechtfertigte oder verwerfliche Tierexperimente endet.

Regan hat sich genauso wenig durchgesetzt wie die gegensätzliche Lehrmeinung, dass nur paktfähige Lebewesen quasi sakrosankt sind, also nur Menschen. Durchgesetzt hat sich ein Mittelweg. Eine ethisch fundierte Güterabwägung, die als Entscheidungsgrundlage dient, ob der erwartete Nutzen des Tierversuchs den Schaden übersteigt oder nicht. Keine triviale Entscheidung, denn das Tier hat ja selbst nichts von dem ihm zugefügten Leid. Es hat auch nichts davon, dass die Tierexperimentatoren eine Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Schweregraden des Eingriffs machen. Es hat ja keine Wahl, ob an ihm ein Schwanzspitzenbiopsie (geringfügige Belastung, ca. 120.000 Tiere pro Jahr in Österreich oder 57 % aller Versuche), eine Laparotomie (mittelschwerer Eingriff, ca. 63.000 Tiere, 30 %), oder eine Xenotransplantation (schwere Belastung, betrifft ca. 21.000 Tiere, 30 %) durchgeführt wird. Rund 5.000 Tiere (3 %) im Jahr bezahlen ihren unfreiwilligen Einsatz für die Forschung mit dem Leben.

Seit der Veröffentlichung von Claude Bernards Einführung in das Studium der experimentellen Medizin 1865 gehören Tierversuche zur medizinischen Praxis. 1939 führen der Pathologe Howard Florey und der Biochemiker Ernst Chain Versuche mit Mäusen durch. Sie infizieren die Tiere mit Streptokokken und impften eine Gruppe danach mit dem 1928 entdeckten Penicillin. Die Placebo-Gruppe stirbt, die geimpften Tiere überleben. Dabei haben die Forscher Glück, hätten sie Meerschweinchen genommen, wären alle Tiere eingegangen. Wohlgemerkt: Glück hatten eigentlich nur die Menschen.

Aus diesen Erfahrungen entsteht das mechanistische Modell der Tierversuche, das in vitro- und in vivo-Modellversuche mit Tierspezies aus zwei unterschiedlichen Klassen vorsieht. Diesen präklinischen Studien folgen klinische Studien.

Die Menschheit verdankt den Tieren viel. Herzpatienten mit Histaminintoleranz überleben heute den Einsatz von Fremdgewebe ohne allergischen Schock dank des sogenannten „Tissue Engineering“, das an Schafen getestet wurde. „Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Wir können nur testen“, erläutert Thomas Rülicke. 1980 gewann George Snell den Medizin-Nobelpreis. Er hatte durch Studien mit Inzuchtmäusen die im immunologischen Grundlagen der Transplantationsmedizin entdeckt. 1996 bekommt Rolf Zinkernagel den Nobelpreis, weil er erklären konnte, wie das Immunsystem virusinfizierte Zellen erkennt.

Er baut dabei auf Snells Erkenntnissen auf. Zinkernagels Nachnachnachnachnachnachnachnachnachnachnachnachnachnachnachnachnachfolger Thomas Südhof sagt in die Servus TV-Diskussionsrunde: „Es gibt keine Alternativen zu Tierversuchen.“ Weder in der Krebs- noch in der Demenz-Forschung. Die Pharmakologin Veronika Sexl erläutert das am Beispiel der Medikamente, die es dem Immunsystem ermöglichen, die Krebszellen wieder zu erkennen. „Die Medikamente sind der Hammer.“

Dass das Immunsystem eine mächtige Waffe gegen Tumore ist, erkannte Paul Ehrlich 1909. Die Versuche mit Mausstämmen entlarvten den Mechanismus. „Der Tumor lockt das Immunsystem an und versucht es gleichzeitig lahmzulegen.“ Für die Tumorzelle ist das überlebenswichtig, denn die natürlichen Killerzellen pumpen ihn sonst mit zytotoxischen Substanzen voll.

Der Weg der Erkenntnis ist mit Mausleichen gepflastert. Den Tieren werden Melanomzellen injiziert. Die Killerzellen erkennen die Tumorzellen, Krebs wird zu einer chronischen Erkrankung. „Manche Mäuse überleben bis zu einem Jahr“, sagt Sexl. Davor muss ein molekularer Schalter umgelegt werden, die natürlichen Killerzellen werden gleichsam „scharf gemacht. Das funktioniert nicht nur bei Haut-, sondern auch bei Brustkrebs“. Interessant sind Tierversuche auch für die 7.000 sogenannten „seltenen Krankheiten“.

Wenn nur ein Fall auf 10.000 Patienten kommt, sind Investitionen für die Pharmaindustrie uninteressant, sagt Rülicke. Zur Erforschung der Schmetterlingskrankheit werden Tierversuche mit Schweregrad 3 an Mäusen durchgeführt.

Sexls Fazit: „Wir brauchen auch in Zukunft Mäuse.“

Martin Burger, Ärzte Woche 43/2015

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