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 Hutter

Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter Institut für Umwelthygiene, MedUni Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Lochmann

Prof. Dr. Helga Fritsch Rektorin, Medizinische Universität Innsbruck

 
Gesundheitspolitik 26. Oktober 2015

Umweltmediziner werden ins Ausgedinge geschickt

Die Umweltmedizin fristet in Österreich ein bescheidenes Dasein. Die Entscheidung der MedUni Innsbruck, die Sozial- und Umweltmedizin mit der Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie zu einem Department zusammenzulegen, scheint dies zu bestätigen.

Die Umweltmedizin wird durch die Integration in ein anderes Department an der MedUni Innsbruck geschwächt. Die Verantwortlichen dementieren allerdings einen Rückschlag für Forschung und Lehre.

Zum Hintergrund: Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts in Mainz sterben jährlich etwa 3,3 Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Luftverschmutzung. Sollten nicht weitreichende Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität ergriffen werden, drohe „eine Verdoppelung dieser Zahlen bis 2050“, schreiben die Forscher aus Deutschland, Zypern, den USA und Saudi Arabien im Fachblatt „Nature“.

Es ist bekannt, dass Luftschadstoffe wie Ozon oder Feinstaubpartikel gesundheitsschädlich sind. Sehr kleine Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer dringen tief in die Lunge ein und verursachen Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Lungenkrebs. Die Herkunft der Luftschadstoffe wurde in der Studie untersucht. Während der größte Teil der Todesfälle in Asien auf Emissionen zurückzuführen ist, verschmutzt in Europa die Landwirtschaft die Luft. Aus der Tierhaltung und über den Einsatz von Düngemitteln gelangen Vorläuferstoffe in die Luft, die zur Bildung von Feinstaub beitragen. In der EU führen Feinstaub und Ozon jährlich zu 180.000 Todesfällen.

Wofür bitte braucht es noch Umweltmedizin?

„Viele Mediziner haben überhaupt kein Interesse an einer umweltmedizinischen Gesundheitsvorsorge.“

Umweltmedizin? Was wird dort eigentlich gemacht? Ist das überhaupt Medizin? Für Umweltschutz sind doch andere zuständig. Also brauchen wir dann noch ein Forschungsinstitut? Wohl nicht. So oder ähnlich könnten die Gedankengänge gewesen sein, die dazu führten, dass die Umweltmedizin an der MedUni Innsbruck nun nicht mehr existiert.

Einige der wesentlichsten Arbeiten weltweit zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Lärm wurden am Institut für Sozialmedizin durchgeführt und in renommierten Journalen publiziert. Heute steht ja mehr denn je fest: Lärm und Luftschadstoffe führen zu gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen und kosten Leben. Allein bei Lärm sind es pro Jahr in der EU mehr als eine Million verlorener gesunder Jahre. Das sollte auch universitären Führungskräften nicht ganz unbekannt sein.

Ist es nicht ärztliche Aufgabe, die Bevölkerung vor solchen Einwirkungen weitestgehend zu schützen? Egal, um welche Umweltprobleme es geht, von Luftverschmutzung über Pestizide bis zu klimawandelbedingten Hitzewellen (über die in Wien geforscht wird): Sie betreffen die Gesundheit des Menschen. Aber sie betreffen auch mächtige Wirtschaftssektoren mit hohen Werbebudgets, etwa die Auto-, Mobilfunk- und chemische Industrie.

Umweltmediziner erscheinen daher nicht selten als Modernisierungsverweigerer, wenn sie auf die gesundheitlichen Folgen der mobilen Telekommunikation, vor allem für Kinder hinweisen. Oder als Spaßbremsen, die auch Ärzte verärgern, wenn sie zur Reduktion von Schadstoffemissionen Tempolimits für Pkws einfordern.

Mittlerweile bin ich daran gewöhnt, dass viele Mediziner keine Ahnung von und/oder kein Interesse an umweltmedizinischer Gesundheitsvorsorge haben. Vielleicht liegt es daran, dass die Ärzteschaft ja nicht unbedingt zu den sehr umweltbewussten Gruppen zählt. Vielleicht erscheint es manchen Ärzten auch als langweilige Tätigkeit, vorsorgend Leben zu retten, die sich nur schwer abbilden lassen?

Mediziner sind offensichtlich a priori klinisch kurativ verhaftet, die Minderbeachtung präventiv orientierter Fächer nur eine Folge dieser Eindimensionalität. Für die Schließung des Instituts verantwortlich waren allerdings vor allem Nicht-Kliniker. Auf der Homepage des nun aufgelösten Innsbrucker Instituts findet sich nach wie vor ein Zitat von Rudolf Virchow: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft.“ Also hat Medizin auch andere Zeiten erlebt. Damals. Nun ist Medizin überwiegend eine biomedizinisch technisch orientierte Wissenschaft, die an großen Problemen unserer Zeit oft vorbeiforscht. Umweltmedizin als eine umfassende biopsychosoziokulturelle Fachrichtung scheint in dieses Konzept nicht mehr hineinzupassen. Die Arbeit wird immer mehr (Stichworte Klimaerwärmung, Industriechemikalien, Nanopartikel, Mobilfunk, Umweltgerechtigkeit), die Stellen werden (auch in Wien) immer weniger. Wer wird die Arbeit in Zukunft machen?

Die Umwelthygiene als Präventivmedizin integriert

„Sozialmedizin breiter aufstellen, um Public Health-Forschung und -Lehre nachhaltig zu fördern.“

Die Herausforderungen moderner gesellschaftlicher Zusammenhänge stellen die Medizin vor neue Aufgaben. So hat sich auch die Medizinische Universität Innsbruck diesen zu stellen und sich für zukünftige Ausrichtungen zu positionieren.

Eine besondere Herausforderung ist das Themengebiet, das sich unter „Public Health“ subsumieren lässt.

Seit Jahrzehnten haben Sozialmedizinerinnen und Sozialmediziner entscheidend zur Entwicklung und Modernisierung von Public Health beigetragen und so eine Basis gebildet, welche sich der neuen Herausforderungen im Gesundheits- und Sozialbereich annimmt.

Die Bekenntnis, diese zu meistern, wurde von der Medizinischen Universität Innsbruck wie folgt festgehalten: „Durch ihre Tätigkeit leistet die MUI einen Beitrag zur Bewältigung zentraler Herausforderungen in unserer Gesellschaft – im Besonderen in der Erhaltung von physischer, psychischer und sozialer Gesundheit und Wohlbefinden, der Prävention und Behandlung von Krankheiten sowie in den Herausforderungen durch die Veränderung der Altersstruktur der Gesellschaft.“

(Anmerkung: Aus dem Entwicklungsplan der Medizinischen Universität Innsbruck, 2016-2021, S.6; in: Mitteilungsblatt der Medizinischen Universität Innsbruck, ausgegeben am 21. Mai 2015).

Public Health beschäftigt sich mit physischen, psychischen und sozialen Bedingungen einer Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass dieses Fachgebiet als Multidisziplin gesehen werden muss, die eine Vielzahl von wissenschaftlichen Einzeldisziplinen umfasst und in der interdisziplinär gearbeitet wird.

So arbeiten die Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie, bei der auch die Umwelthygiene als Präventivmedizin integriert ist, und die Sozialmedizin seit vielen Jahren eng zusammen.

Dies ist insofern abgebildet, als diese Fächer ein gemeinsames Department darstellen. Was als Sozialmedizin bezeichnet wird, wird nun an der Medizinischen Universität Innsbruck breiter aufgestellt, um Public Health-Forschung und -Lehre auch nachhaltig zu fördern.

In diesem Sinn waren und sind Umstrukturierungen notwendig. Insofern macht es Sinn, Public Health in die Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie zu integrieren und mit einem ausgewiesenen Experten im Bereich Public Health auszustatten.

Im Oktober wurde dafür ein Facharzt für Public Health an der Sektion aufgenommen.

Darüber hinaus steht die Lehre nicht nur in der bisherigen Qualität zur Verfügung, sondern es werden an der Medizinischen Universität Innsbruck Lehrveranstaltungen und Praktika angeboten, die sich in ihrer fachlichen Ausrichtung breiter in Richtung Public Health verändern, um so auch zukünftig den Herausforderungen einer modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 43/2015

  • Frau FRAU renate stockmann, 15.12.2015 um 12:33:

    „Wichtiges THEMA in UNSERER UM-WELT.....Sehe und hoffe, dass sich trotz allen Widerständen das BEWUSSTSEIN ändern wird und auch muss...nicht nur seitens der Poliitk und Pharmaindustrie ganz speziell auch von den Medizinern. Vielleicht müsste so mancher Ignorant erst mal selbst davon betroffen sein. Respekt und Danke vor den "ANDERSDENKENDEN" und demnach Handelnden. BITTE NICHT AUFGEBEN...
    Herzliche Grüsse von einer betroffenen in D lebenden WIENERIN!“

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