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ÄK-Präsident Artur Wechselberger in München (1.v.r.): „Ökonomisierung, auf die Arzt-Patienten-Beziehung heruntergebrochen, zerstört das Vertrauensverhältnis.“
© Hemant Mehta / Getty Images / Thinkstock
 
Gesundheitspolitik 12. Oktober 2015

Kapitulationsbedingungen

Die Licht- und Schattenseiten der schönen neuen Medizinwelt, eine Tagung macht sie deutlich.

Die Bayerische Staatsministerin Huml brachte es beim jüngsten Gesundheitskongress in München auf den Punkt: Die Medizin kapituliert vor den wirtschaftlichen Vorgaben. Das Zusammenleben der kaufmännischen und ärztlichen Leiter von Spitälern ist geprägt von Misstrauen. Der Vorwurf an die Manager: Sie zerstören das Arzt-Patienten-Verhältnis. Gute Nachrichten kommen hingegen aus dem Norden Europas: In Dänemark wird massiv ins Gesundheitssystem investiert, in neue Spitäler und Primärversorgungszentren.

Fast 800 Teilnehmer waren in die bayrische Hauptstadt gekommen. In ihrer Grußbotschaft zeigte Staatsministerin Melanie Huml Verständnis für „die Sorge vieler Menschen, dass die Medizin vor wirtschaftlichen Vorgaben kapituliert und die Patientenfürsorge ins Hintertreffen gerät“. Dem müsse die Politik aktiv gegensteuern. Huml argumentierte damit im Sinne der beiden Eröffnungsredner Bernd Hontschik und Jens Deerberg-Wittram, die bei aller Kontroverse über Sinn und Unsinn der zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen beide ebenfalls vehement eine stärkere Ausrichtung des Versorgungssystems in Richtung Patientenorientierung forderten (s.S.2).

Der kroatische Gesundheitsminister Sinisa Varga unternahm anschließend den mutigen Versuch, einen Vorausblick auf das Jahr 2070 zu werfen. Er berief sich dabei auf OECD-Daten, wonach zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zehn bis zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheitsausgaben verwendet werden müssten, wie dies heute der Fall ist, sondern 46 Prozent (Deutschland), 50 Prozent (in der Schweiz) oder gar 65 Prozent in den Vereinigten Staaten. Die Gesundheitssysteme würden zu „Opfern ihres eigenen Erfolgs“ lautete die Diagnose Vargas. Das erfordere völlig neue Ansätze, um das System am Leben zu halten. Kroatien habe daher 2015 einen Nationalen Reformplan verabschiedet, der folgende Schlagwörter enthält: verstärkte Kostenkontrolle in den öffentlichen Spitälern, ein landesweit einheitliches Spitalskonzept, Intensivierung der zentralen Steuerung, Stärkung der Primärversorgung sowie eine strategische Personalplanung, um drohende personelle Engpässe zu entschärfen. Außerdem sollen bereits etablierte E-Health-Lösungen weiter ausgebaut werden. Kroatien hat seit 2011 eine flächendeckende E-Medikation, seit 2013 elektronische Wartelisten. Bis Ende 2015 soll ein ELGA-vergleichbares System umgesetzt sein, das allen Gesundheitsanbietern die wesentlichen Patientendaten elektronisch zur Verfügung stellt.

Das Kaffeesudlesen

Ärztekammerpräsident Dr. Artur Wechselberger, der gemeinsam mit Familienministerin Dr. Sophie Karmasin am Eröffnungspodium saß, hielt eine solche Prognose für 2070 für „Kaffeesudlesen“. Die dafür angenommene lineare Entwicklung sei viel zu simpel gedacht.

Der Sparzwang

Die Ökonomie habe laut Wechselberger im Gesundheitswesen nur dort ihre Berechtigung, wo sie helfen kann, die beschränkt zur Verfügung stehenden Mittel mit größtmöglicher Effizienz zu verteilen. „Wir erwarten aber nicht, dass sie uns sagt, wie viel Geld wir insgesamt zur Verfügung haben“, spielte Wechselberger auf die Bindung des Anstiegs der öffentlichen Gesundheitsausgaben an das nominelle Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in Österreich an. Natürlich würden die Ausgaben für Gesundheit steigen, aber das sei auch in Ordnung, wenn die Bevölkerung, also der Souverän, diese Leistungen haben wolle und auch bereit sei, entsprechend Geld dafür auszugeben.

Der Arzt als Vertreter eines freien Berufes müsse jedenfalls die Chance haben, diesen Beruf unbeeinflusst auszuüben, so Wechselberger. „Das ist die Grundvoraussetzung um ein Umfeld zu schaffen, in dem Ärzte auch weiterhin bereit sind, ihr Herzblut einzubringen.“ Wenn man Ökonomisierung bis auf die Arzt-Patienten-Beziehung herunterbricht, dann „zerstört man das Vertrauensverhältnis“.

Unterstützung erhielt Wechselberger von Bernd Hontschik. Auch für den niedergelassenen Chirurgen ist die Arzt-Patienten-Beziehung „das Zentrum unserer Arbeit. Davon weiß die Ökonomie aber nichts und will es auch gar nicht wissen. Wenn der Patient nur mehr Mittel zum Zweck ist, dann steht der Zweck im Vordergrund und nicht der Patient.“ Ärztliche Arbeit könne zum Beispiel darin bestehen, einem Patienten eine halbe Stunde lang zuzuhören, mit ihm zu sprechen und nach einem Weg zu suchen. Das Ergebnis könne dann auch sein, „dass es am besten ist, nichts zu tun. Wie aber soll ich einem Betriebswirtschaftler erklären, dass es die höchste ärztliche Kunst sein kann, nichts zu tun?“

Wie in Österreich und Kroatien steht auch in Deutschland das Jahr 2015 im Zeichen großer Gesundheitsreformen. Acht entsprechende Gesetze wurden bereits im deutschen Bundestag beschlossen oder sind in Begutachtung. Dazu zählen das Hospiz- und Palliativgesetz, ein Telemedizingesetz, das Versorgungsstärkungsgesetz, eine Krankenhausstrukturreform sowie ein Präventionsgesetz.

Die Reform

Was ein wahrhaft radikaler Reformansatz ist, demonstrierte Nanna Skovgaard vom dänischen Gesundheitsministerium. Dänemark ist dabei, eine völlig neue Krankenhausstruktur aufzubauen — während in Wien weiterhin erfolglos nach einem Ärzteteam für das zweite PHC beim Donauspital gefahndet wird. Aktuell wird erörtert, ob zwei oder drei Ärzte ein PHC leiten sollen.

Statt der 40 existierenden Kliniken entstehen in Dänemark 21 strategisch geplante, moderne Versorgungszentren, die zum Teil neu gebaut werden. Dazu werden sowohl Primärversorgung als auch Notfallsysteme massiv ausgebaut, ebenso die telemedizinischen Angebote.

Das dänische Reformpaket wird 5,5 Milliarden Euro verschlingen. Die Ziele, die damit verbunden sind: Die ambulante Versorgung soll um 50 Prozent gesteigert werden, die Anzahl der Krankenhausbetten jedoch um 20 Prozent reduziert und die durchschnittliche Belagsdauer auf drei Tage gesenkt werden.

Das war für österreichische Ohren doch eher ungewohnt.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 42/2015

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