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FPÖ-Chef H.-C. Strache
© Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig

FPÖ-Chef H.-C. Strache ist „in erster Linie Patient“, Dr. Johannes Steinhart ÄK-Vizepräsident.

© Herbert Pfarrhofer/apa

Die Entscheidung Handkuss Ja/Nein fällt immer die Dame, durch ihre Handhaltung. Im Umgang mit Stenzel ist Strache galant – oder doch nur ein talentierter Tantentäuscher, wie das Nachrichtenmagazin „profil“ argwöhnt.

 
Gesundheitspolitik 28. September 2015

Video: H.C. Strache in der Ärztekammer

Heinz-Christian Strache durfte sich u. a. überlegen, wie er als Bürgermeister die Kassen sanieren würde.

Der wahlkämpfende Freiheitliche kritisierte beim Kandidaten-Check der Ärztekammer, dass die Regierung von der Flüchtlingswelle unvorbereitet getroffen wurde. Wäre das alte Heeresspital noch in Betrieb, sagt er, hätte man die Infrastruktur für Diagnosestraßen, um die Menschen medizinisch zu versorgen.

„Ich bin nicht der gesundheitspolitische Fachexperte, ich bin in erster Linie Patient.“ So stellte sich FPÖ-Obmann Heinz Christian Strache bei den Wiener Ärzten vor. Punktegewinn beim Publikum. Doch ein lockerer Plauderabend sollte der Kandidatencheck in der Ärztekammer dann doch nicht werden. Dafür sorgte schon Kurier-Innenpolitiker und Moderator Christian Böhmer. Der nahm die ebenso klare wie scharfe FPÖ-Position gegen Zuwanderung zum Anlass für folgende Frage zur Qualifikation der Menschen, die zu uns kommen: „Sollten wir die Anerkennung syrischer Ärzte und Schwestern vereinfachen?“ Ehrliche Frage, einfache Antwort: „Wir haben eine Rot-weiß-Rot-Karte. Da geht es nicht darum, ob jemand eine Asylberechtigung erhalten soll oder nicht. Wenn es wirklich gut ausgebildete Ärzte oder medizinische Fachkräfte gibt, dann kann er das heute sofort genehmigt bekommen.“ Für die Dauer der Anerkennung könnte man sicherstellen, dass derjenige als Dolmetscher tätig ist, „was vernünftig wäre. Was noch fehlt ist zu erkennen, dass die Flüchtlinge nicht von heute auf morgen auf uns zugekommen sind, sondern dass sich diese Entwicklung bereits seit 2013 abzeichnet“. So könnte man das nicht mehr in Betrieb befindliche Heeresspital heute für Diagnosestraßen nutzen, sagte Strache.

Zur Entlastung der Ambulanzen durch die geplanten kleinen PHC-Ärztezentren fällt Strache manches ein, das meiste davon steht auf seinen Karten, von denen er hier abliest, „denn da wurde ich von meinen Experten eingehend gebrieft“. „Der Entwurf zum PHC wird sehr sehr kritisch gesehen von unseren Fachleuten. Das ist wie ein DDR-System, dass da entwickelt werden soll, wo man den freien Beruf der Ärzte insofern abschaffen will, indem man staatliche Strukturen schafft, und so den Arzt in eine Situation bringt, ihn fast zu erpressen. Ich sage, wir lehnen das ab, wir wollen stattdessen den niedergelassenen Arzt stärken und bestehende Gruppenpraxen (100 in Wien, Anm.) festigen.“

Die Zwischenfrage von Ärztekammer-Vizepräsident Dr. Johannes Steinhart – die Frage, die er allen Kandidaten stellt: Ob sie nämlich den Gesamtvertrag mit dem Hauptverband beibehalten wollen –, bejaht der wahlkämpfende Freiheitliche. „Das stellt Transparenz sicher, während es Einzelverträge der Gebietskrankenkasse ermöglichen würden Parallelstrukturen aufzubauen gegen die Ärzteschaft.“ Den Entwurf zum PHC-Gesetz werde die FPÖ ablehnen. Die Möglichkeit des Einstiegs von Handelsketten in PHCs, sollten sich keine Ärzte für die Gründung eines solchen Zentrums finden, lehnen die Freiheitlichen ebenfalls ab.

Der Kammerflüsterer

„Der Hausarzt darf aber auf keinen Fall ersetzt oder abgeschafft werden, weil das einfach der Vertrauensarzt ist, den der Patient benötigt und den er sich wünscht, weil er nicht permanent den Arzt wechseln will.“

Strache weiß natürlich, was Kammerfunktionäre gern hören.

Die Kammern abzuschaffen sei nie Ziel der Freiheitlichen gewesen, sagte er, sehr wohl sei man aber gegen den Kammerzwang. „Wenn eine Kammer eine gute Leistung bringt, wird man freiwillig beitreten.“ Eine Steilvorlage für den zweiten Vizepräsidenten in der Runde, Dr. Hermann Leitner. „Jeder weiß, dass man dann nicht mehr auf 100 Prozent Mitglieder kommen wird, nicht einmal auf 80 Prozent.“ Und nur wer annähernd 100 Prozent des Berufsstands vertrete, werde in der Realität ernst genommen.

Aus 21 mach 2

Böhmer forderte Strache auf, laut über die Kassenfusion nachzudenken, auf den Punkt gebracht: „Was ist ihr ideales Kassensystem? Sind Selbstbehalte gescheit?“ Wieder der Griff zur Karte. Diesmal aber nur kurz, die Antwort fast in freier Rede: „Wir sind grundsätzlich gegen Selbstbehalte, weil das kein Steuerungselement ist.“ Grundsätzlich. Aber wenn die Zahl der Kassen tatsächlich drastisch reduziert werden könne, „auf zwei oder drei“, dann könnten in einem dieser verbliebenen Systeme Selbstbehalte eingehoben werden, „dann wäre es eine freie Entscheidung des Versicherten“.

Strache ist Raucher („Man hörts“), raues Gelächter am Podium. Sollte ein Versuch, gesünder leben zu wollen, mit dem Rauchen aufzuhören, belohnt werden? „Der Ansatz ist falsch, dieser Bereich kommt zu kurz. Wir diskutieren über die tägliche Sporstunde und die gibt es bis heute nicht. Dort müsste man ansetzen, bei den Kleinen beginnen Bewusstsein zu schaffen.“ Bei den Erwachsenen sieht Strache das Problem der Überprüfbarkeit der Angaben.

Zweimal durchschnaufen muss Strache bei der Frage, die Leitner jedem politischen Gast stellt – Wie hältst du es mit den Ambulanzgebühren? –, denn darüber könne man diskutieren. „Es muss klar sein, dass Gesundheit etwas kostet, keine Frage, aber wir dürfen die Versorgung der Menschen, die ein Recht haben auf Gesundheit nicht privatwirtschaftlich organisieren.“ Kleine Beiträge zu verlangen, um sichtbar zu machen, dass man nicht wegen jeder Migräneattacke ins Krankenhaus fahren soll, würde die Bevölkerung sensibilisieren.

Das Bürgermeister-Quiz

Strache will Bürgermeister werden. In einem Standard-Interview bekräftigte er vor Kurzem, als nicht amtsführender Vizebürgermeister nicht zur Verfügung zu stehen. Diesen Part würde Johann Gudenus übernehmen. Steinhart hat da so ein Bild vor Augen, dass es Strache schafft und am Wahlabend tatsächlich als Nummer eins dasteht: „Dann haben sie das Problem der Wiener Gebietskrankenkasse, die defizitär ist, die Probleme hat die Versorgung aufrechtzuerhalten, haben sie sich überlegt, wie sie damit umgehen würden.“

Anführer zu sein ist nicht nur lustig. „Das ist eine interessante Frage. Wenn das eintrifft habe ich die Problematik, sofort einen Kassasturz machen zu müssen, um zu schauen: Wie schaut es wirklich aus mit der Budgetentwicklung, man hört von einer Verdoppelung der Stadtverschuldung neben der Gebietskrankenkasse.“ Im Jahresbudget der Stadt Wien komme er mit seinen Experten auf ein Drittel des Budgets, das allein für parteinahe Vereine reserviert sei, „und daher sehen wir ein großes Potenzial“. Er habe auch nicht vor, als Bürgermeister diese Förderungen auf Freiheitliche Vereine umzuschichten, sondern überhaupt zu streichen.

Der letzte Aschenbecher

Was erfuhr man noch? Karrieremäßiges: Zahntechniker Strache hätte, wäre er Arzt geworden, die Chirurgenlaufbahn eingeschlagen. Und Vorsatztechnisches: Am 12. Oktober will Strache mit dem Rauchen aufhören. Begründung: „Ich weiß, dass es mir nicht mehr gut tut. Weil ich einen chronischen Husten habe, den ich nicht noch verschlimmern will und ich nicht mit COPD enden möchte.“

Martin Burger, Ärzte Woche 40/2015

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