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© Christian Müller
Auf der langen Reise ist Wien meist eine Zwischenstation, aber eine mit medizinischem Notdienst. / picture alliance
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Westbahnhof-Ambulanz: Aus dem Provisorium wird ein Dauerzustand. / picture alliance

 
Gesundheitspolitik 4. Oktober 2015

Die Kinderärzte vom Westbahnhof

Am Westbahnhof oder in Traiskirchen: Wiener Ärzte kümmern sich um erschöpfte Flüchtlinge.

Hunderte Ärzte arbeiten auf den Wiener Bahnhöfen ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Mittelfristig müssen diese Notdienste in die staatliche Grundversorgung überführt werden, sagt Kinderarzt Ferdinand Sator. Grund dafür: Wir stehen erst am Anfang der Flüchtlingswelle nach Mitteleuropa.

Bahnsteig 1 Wien-Westbahnhof. Ein Gewurl herrscht derzeit nur auf dem schmalen Asphaltband zwischen Ankunftshalle und Peron, in jener Zwischenwelt, in der man weder weg ist und schon gar nicht da ist. Hier drängen sich eine Hundertschaft gestrandeter Flüchtlinge, Übersetzer, ÖBB-Mitarbeiter, Fahrgäste. Eigentlich ein bunter Haufen, etwas exotischer als man es in Wien gewohnt ist. Und mittendrin steht Ferdinand Sator und überblickt die Szenerie. Er arbeitet hier. Unentgeltlich, drei Stunden die Woche. „Derzeit ist es ruhig.“

Rückblende. August 2015. Brütende Hitze, Tausende Flüchtlinge lagern in Traiskirchen unter freiem Himmel. Mit den Worten „Ich halt das nicht mehr aus, in Traiskirchen muss was g‘schehn“ aktivierte der Chef des Psychosozialen Dienstes, Dr. Georg Psota, seinen alten Freund, Ferdinand Sator und den Generalsekretär von Ärzte ohne Grenzen (MSF). „Wir durften nicht hinein, aber es hat so viel Staub im Innenministerium aufgewirbelt, das zehn Tage später eine offizielle Delegation empfangen wurde.“ Nach langem Hin und Her gestand das Innenministerium dem Roten Kreuz ein Feldspital zu, MSF darf im Lager bis heute nicht arbeiten. Während in und außerhalb des Erstaufnahmezentrums die Hilfsorganisationen aktiv wurden und mehr als 600 Patienten betreuten, spitzte sich die Lage in Ungarn zu. Zugweise kamen Flüchtlinge am Haupt- und Westbahnhof an.

„Wir haben uns bereit erklärt, in dem Chaos medizinische Hilfe zur Verfügung zu stellen, was am Anfang sehr schwierig war, weil keine Organisation darauf eingestellt war, dass auf einmal freiwillige Ärzte, Kinderärzte und Allgemeinmediziner, auftauchen“, sagt Dr. Ferdinand Sator, freiwilliger Helfer der ersten Stunde (siehe auch Interview auf dieser Seite). Die Wiener Rettung reagierte allerdings rasch und integrierte die Ärzte in ihr Dienstrad. Die Ärzte am Westbahnhof tragen sich in eine Doodle-Liste ein. Laut Ärztekammer umfasst die Liste der freiwilligen Ärzte 240 Namen (www.aekwien.at).

Die Triage passiert während der Fahrt im Zug. Der Schaffner ruft am Bahnhof an und gibt Auskunft über die Schwere der Fälle. Ärzte und Sanitäter können so am Bahnsteig gezielt den Waggon ansteuern, in dem sich ein krankes Kind befindet.

Als Folge des Menschen-Ansturms hat Ärzte ohne Grenzen am 1. September einen Leitfaden für Ärzte herausgegeben, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren wollen (medicalaidforrefugees.at). Die Bandbreite der Information reicht von der Vorbereitung auf einen Einsatz bis zu Impf-Empfehlungen für Freiwillige. Die Checkliste umfasst praktische Fragen, die der Ersthelfer beantworten muss: „Gibt es medizinische Notfälle, die sofort Hilfe benötigen (z. B. Geburt)“, „Wo befindet sich der nächste Ausgang?“, „Gibt es getrennte sanitäre Anlagen für Frauen und Männer?“, „Haben alle Flüchtlinge Zugang zu Wasser“.

Sator hat am Westbahnhof mit praktischen Problemen zu kämpfen: „Noch kann man mit dem Ansturm der Tausenden umgehen wie mit einem Notfall. Aber man wird sich darauf einstellen müssen, dass das ein längerer Prozess sein wird. Man wird eine nicht übertriebene, adäquate, staatliche medizinische Betreuung auf die Beine stellen müssen und diese Menschen in das Sozialversicherungswesen eingliedern müssen.“

Die Politik hat bislang keine Zeit gefunden, eine dauerhafte Hilfe für die Helfer vor Ort zu organisieren, die ihren Urlaub aufbrauchen: einen rechtlichen Anspruch auf Freistellung vom Dienstgeber gibt es nicht. Im Sozialministerium, im ÖGB und in der Wirtschaftskammer sieht man keinen Bedarf für eine Änderung, berichtet Ö1. Bis jetzt funktionierten die Vereinbarungen gut, einige Unternehmen gewähren ihren Mitarbeitern Sonderurlaub, um sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren.

Mögest du in interessanten Zeiten leben, zitierte der Kabarettist Florian Scheuba vor Kurzem ein möglicherweisechinesisches Sprichwort im Standard. In solchen Zeiten laufen die großen Figuren der Medien-Szene zu Hochform auf. Claus Kleber, der ZDF-Anchorman, „zerdrückte eine Träne beim Bericht über einen Busfahrer, der seine Fahrgäste in Englisch herzlich willkommen geheißen hatte. Diese mediale Vorführung der angemessenen Betroffenheit war freilich etwas vorschnell: Als man die Facebook-Seite des ,Helden’ prüfte, fand man eher Kritisches zur sozialstaatlichen Versorgung der Migranten.“ So die NZZ (22.9.) unter dem Titel „Berichterstattung als Stimmungsmacher“. Was uns das Schweizer Qualitätsblatt damit sagen will? Journalisten verlieren angesichts der Flüchtlingswelle mitunter ihre kritische Distanz.

Das kann, soll uns in der Ärzte Woche nicht, oder zumindest nicht oft, passieren. Daher lesen Sie in dieser Ausgabe die Flüchtlingsgeschichte nicht nur aus Helferperspektive: Die FPÖ ist eine Partei, die sich scharf gegen Zuwanderung positioniert hat. Ihr Chef, Heinz Christian Strache, vermeidet vor dem Wahlgang in Wien aber jede Zuspitzung: H. C. Strache im Video-Interview.

Martin Burger, Ärzte Woche 40/2015

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