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© APA/HANS PUNZ
Im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen hat das Rote Kreuz ein Feldspital für 40 Personen eingerichtet.
 
Gesundheitspolitik 14. September 2015

Die idealen Opfer

Flüchtlinge in Notunterkünften sind anfällig für Influenza und sollten geimpft werden.

Die Grippesaison werde Tausende Flüchtlinge in Europa hart treffen, wenn diese nicht durchgeimpft würden, warnen Experten.

Seinesgleichen geschieht dieser Tage in Europa: Menschen campieren im Freien vor dem Belgrader Bahnhof, schlafen auf Kartondeckeln vor dem Erstaufnahmezentrum im niederösterreichischen Traiskirchen oder betteln auf der griechischen Insel Lesbos darum, wenigstens die Toiletten in den Gasthäusern benutzen zu dürfen. Und die wirklichen Probleme kommen noch.

Die saisonale Influenza steht in den Startlöchern. Die Zahl der Todesopfer infolge von Grippe wird in Deutschland auf jährlich bis 20.000 zu geschätzt. Eine Public Health-Analyse des Instituts für Sozialmedizin der MedUni Wien aus dem Jahr 2011 kam für Österreich auf eine Zahl von 1.500 Todesfällen infolge von Influenzakomplikationen. Belastbares statistisches Material gibt es nicht auf Knopfdruck. Begründung: Als Todesursache wird oft nicht die Influenza selbst, sondern damit einhergehende Komplikation wie bakterielle Pneumonie oder Herz-Kreislauf-Versagen angegeben. Menschen, die in Zelten oder auf nackter Erde auf engem Raum zusammen leben müssen sind besonders gefährdet, warnt die deutsche Gesellschaft für Virologie.

Optimaler Impfzeitpunkt

Entscheidend für einen guten Schutz sei der Zeitpunkt der Impfung, sagt Prof. Dr. Thomas Mertens, Präsident der Virologen-Vereinigung. Möglichst viele Flüchtlinge sollten daher Ende Oktober oder Anfang November eine Influenza-Impfung erhalten. Gleichzeitig ruft die Gesellschaft medizinisches Personal dazu, konsequent auf den eigenen Impfschutz zu achten. Denn damit schützen sie nicht nur sich selbst, sondern auch immungeschwächte Patienten, heißt es. „Viele Flüchtlinge leben auf engstem Raum in Erstaufnahmeeinrichtungen. Zudem sind sie meist nach langer Flucht schwach und krank. Das sind optimale Voraussetzungen für das Influenza-Virus, sich schnell auszubreiten“, sagt Prof. Dr. Hans-Dieter Klenk, Träger der Robert-Koch-Medaille von der Universität Marburg.

In Österreich ist von Impfplanung, zumindest öffentlich, nichts zu hören. Die Wiener Ärztekammer gab bekannt, dass der Gesundheitszustand der Flüchtlinge in Österreich bis dato relativ gut sei. Die zu behandelnden Erkrankungen seien meist Erkältungskrankheiten und Hautaffektionen. Das Auftreten von schweren Infektionskrankheiten, z. B. Tuberkulose, sei nur in Einzelfällen beobachtet worden, sagt der Chef der Kammer Dr. Thomas Szekeres. Zusätzliches Ärztepersonal werde in Traiskirchen übrigens nicht benötigt: „Wir wurden darüber informiert, dass diese Organisationen (Anm.: Lagerärzte, Ärzte ohne Grenzen, Caritas, Diakonie, Arbeitersamariter, Rotes Kreuz und Freiwillige) derzeit genug Ärzte haben. Sollte sich die Situation ändern, werden wir einen Aufruf starten.“

MB/GfV/ÄK Wien, Ärzte Woche 38/2015

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