zur Navigation zum Inhalt
© picture alliance / dpa

 

 

 

 

 

 

 

 

© privat
© privat
Prim. Dr. Klaus Vavrik Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Uni Salzburg
© Uni Salzburg
Prof. Dr. Susanne Ring-Dimitriou Leiterin des Projekts SALTO

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© SUPRO
© SUPRO
Mag. Andreas Prenn Leiter der Werkstatt für Suchtprophylaxe

 
Gesundheitspolitik 14. September 2015

Selbstlose Lobbyisten für Kinderrechte

Es gibt sie noch: Die vorbildlichen Einzelkämpfer, die sich für Kinder und Jugendliche einsetzen. Die Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung lässt sie nicht kalt. Einige bangen um ihr Lebenswerk.

Sie starten mit nahezu grenzenlosem Enthusiasmus. Doch irgendwann geraten sie in die Mühlen der Bürokratie. Soziale Pionierarbeit funktioniert aber nur auf eigenes Risiko, die Gründer diverser Initiativen kämpfen hierzulande zwar mit großem Engagement, aber auch mit dementsprechend großen finanziellen Schwierigkeiten. Sie fühlen sich von Politik und öffentlicher Hand im Stich gelassen, wissen selten, ob und wie lange Mittel und Kraft reichen, um weiterzuarbeiten. Das ist ein Ergebnis der Gesundheitsgespräche beim Forum Alpbach. Wertvolle Ressourcen müssen investiert werden, um die vielfältigen bürokratischen Hürden zu überwinden. Und allzu oft bleibt das Gefühl, vom System nicht als Pionier, sondern bloß als lästiger Bittsteller wahrgenommen zu werden.

Pionier und Bittsteller – kaum ein anderer in der österreichischen Gesundheitslandschaft vereint seit Jahren diese beiden Attribute so konsequent in seiner Person wie Dr. Klaus Vavrik.

Mit seiner „Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit“ hat er nicht nur manches bewegt in diesem Land, sondern erhebt als umtriebiger „Lobbyist“ für die Schwächsten in unserer Gesellschaft seine Stimme überall dort, wo er gefragt wird – und vor allem auch dort, wo er nicht gefragt wird.

Jetzt kämpft Vavriks Liga trotz zahlreicher, nachweisbarer Erfolge und ebenso vieler noch unerledigter Aufgaben um ihr Überleben. Wer Vavrik kennt, der weiß, dass er diesen Kampf mit aller Vehemenz führen und wohl auch gewinnen kann.

Es bleibt so viel zu tun

„Kinder haben ein Recht auf bestmögliche Gesundheit.“

Im internationalen Ranking von OECD und UNICEF waren Österreichs Kinder und Jugendliche in den Bereichen Gesundheit und Risikoverhalten 2010 Schlusslicht Europas. Die höchste Raucher- und Gewalterfahrungsrate, hohe Zahlen bei Adipositas, Suiziden und Frühgeburten haben uns diesen Platz beschert. Mit unserem ersten „Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich“ haben wir diese Situation ins Bewusstsein der Bevölkerung und Politik gebracht.

Die Kinderliga ist ein 2007 gegründeter, berufsübergreifender Dachverband von mehr als 80 Fachgesellschaften und Organisationen, welchen die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein Anliegen ist. Sie stärkt die interdisziplinäre Vernetzung, zeigt Mängel in der Gesundheitsversorgung auf, bündelt Meinungen, erarbeitet Lösungsvorschläge und fordert politische und gesellschaftliche Verantwortung ein, um Entwicklungschancen und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Österreich zu verbessern ( www.kinderliga.at ).

Es gibt viel zu tun: Mehr Investition in Gesundheitsförderung und Prävention, verlässliche Daten über Gesundheit und Versorgungsbedarf von Kindern und Jugendlichen, mehr kostenfreie Therapieplätze für Kinder mit Entwicklungsstörungen; Kinderrehabilitation war bis vor Kurzem praktisch nicht existent und kommt nun hoffentlich bald auf den Weg. Und dass Armut Kinder in höherem Ausmaß trifft als die Durchschnittsbevölkerung, ist in einer Wohlstandsgesellschaft fatal.

Es ist viel gelungen: Kindergesundheits-Strategiepapiere von BMG und SV, regionale Versorgungsverbesserungen, viel Aufmerksamkeit und Bewusstseinsbildung, Kinderrechte in der Verfassung, aber auch Praxisprojekte, wie etwa die von uns vorangetriebene Einführung von „Frühen Hilfen“ als Unterstützung für junge Familien mit psychosozialen Belastungen, welche mithilfe der Vorsorgemittel 2016 österreichweit ausgerollt werden sollen.

Trotz dieser „Erfolgsstory“ ist die Kinderliga leider selbst in Not. Wachstum und Aktivitäten erfordern entsprechende Strukturen und finanzielle Ressourcen, welche langfristig durch öffentliche Mittel gesichert werden sollten. Wer uns dabei helfen kann, ist willkommen!

Gemeinsam viel bewegen

„Kinder brauchen Unterstützung, für einen aktiven Lebensstil.“

Entgegen der Entwicklung bei Erwachsenen steigt die Häufigkeit für krankhaftes Übergewicht im Kindesalter in Europa weiter an. In Österreich sind aktuell jedes siebente Mädchen und jeder fünfte Bub unter sechs Jahren davon betroffen. Auch die Hoffnung, dass mit dem Wachstum der Babyspeck verschwindet, muss vor dem Hintergrund der Evidenzen, dass mindestens 70 Prozent der übergewichtigen und adipösen Vorschulkinder das über der Norm liegende Körpergewicht in die Jugend mitnehmen, aufgegeben werden. Menschen mit Übergewicht werden nach wie vor im Alltag diskriminiert, haben unabhängig von ihrem Bildungsniveau schlechtere Jobaussichten, verlassen früher den Arbeitsmarkt und weisen ein hohes Risiko für Komorbiditäten auf.

Insbesondere die interpersonelle Umwelt von Kindern kann auf das multifaktorielle Geschehen hinsichtlich der Entstehung von Adipositas Einfluss nehmen und einen gesundheitswirksamen Lebensstil fördern – aber auch verhindern. Genau hier setzt das Projekt SALTO („SALzburg Together against Obesity“) an und versucht in der „Lebenswelt Kindergarten“ gemeinsam mit den Kindergartenpädagoginnen und Erziehungsberechtigten Situationen zu schaffen, die ein gesundes Ernährungs- und Bewegungsverhalten von vier- bis sechsjährigen Mädchen und Buben, unabhängig von Gewicht, Herkunft und familiärem Hintergrund, ermöglichen. Aufgrund der banalen, aber so eindringlichen Erkenntnis, dass Kinder in der Welt der Erwachsenen aufwachsen, erarbeitet SALTO Maßnahmen für Erwachsene, um ihre Kompetenzen zu stärken, gesundheitswirksame Aktivitäten in den Bereichen Bewegung/Sport und Ernährung im Alltag zu implementieren. Unterstützung sollen Eltern und Pädagoginnen auch von Initiativen in den jeweiligen Salzburger Gemeinden erfahren, die durch das mindestens drei Jahre dauernde Präventionsprogramm angeregt werden, um „gemeinsam viel zu bewegen“.

Ein gemeindebasiertes Projekt wie SALTO braucht die Unterstützung von vielen, eine verlässliche Finanzierung und gemeinsame Anstrengungen, um kindergerechte Aktivität und Nahrungsmittel im Alltag zu verankern und krankmachendes Übergewicht zu verhindern ( www.salto-salzburg.at).

Gesetzgeber sind gefordert

„Wir motivieren Jugendliche, sich selbst eine Meinung zu bilden.“

Die Schlagzeilen sind alarmierend: Bei der Anzahl der jugendlichen Raucher steht Österreich auf Platz eins und auch bei der Anzahl der rauchenden Erwachsenen belegen wir eine Spitzenposition. Deshalb hat die SUPRO – Werkstatt für Suchtprophylaxe das 3-Stufen-Präventionsprogramm „Niko-Teen“ entwickelt. Jugendliche werden dabei informiert, sensibilisiert und motiviert, ihr eigenes Konsumverhalten zu überdenken.

Der Einstieg ist ein Mitmachparcours, bei dem viele Informationen und Hintergrundwissen auf interaktive und abwechslungsreiche Weise präsentiert werden. Den zweiten Baustein bildet eine Fortbildung für Lehrkräfte inklusive Unterrichtsmaterialien, welche sie im Rahmen ihres Unterrichts eigenständig durchführen. Komplettiert wird dies durch einen Schülerworkshop und einen Elternvortrag. Die letzte, optionale Stufe ist der Gruppenkurs „Free Your Mind“ für bereits rauchende Jugendliche, die ihren Konsum reduzieren oder beenden möchten. Die Projektbausteine sind standardisiert, ganzheitlich und nachhaltig und basieren auf modernen Lerntheorien. Dieses aufeinander abgestimmte Maßnahmenpaket wird für alle Vorarlberger Schulen ab der siebenten Schulstufe, Lehrbetriebe, die offene Jugendarbeit und Jugendbeschäftigungsprojekte seit Anfang 2014 erfolgreich durchgeführt.

Um nachhaltige Suchtprävention betreiben zu können, braucht es Strukturänderungen, bei denen die Gesetzgebung und die Verantwortlichen gefordert sind. Ein Negativbeispiel der letzten Jahre ist die „rauchfreie Gastronomie“. Hier ist es nicht nachvollziehbar, warum es Jahre und etliche Überarbeitungen brauchte, um eine klare Regelung zu finden, vor allem da andere europäische Länder dies schon seit Jahren umsetzen und die positiven Auswirkungen, wie der Rückgang der Herzinfarktrate, eindeutig erwiesen sind. Um Suchtprävention langfristig und nachhaltig betreiben zu können braucht es finanzielle Sicherheit. Hier wäre es sinnvoll, wenn aus den Tabakeinnahmen ein Prozentsatz für Prävention, Beratung und Therapie zweckgewidmet würde. Dieses Modell wird in anderen europäischen Ländern erfolgreich umgesetzt und ist auch für Glücksspiel und Alkohol anwendbar (www.supro.at ).

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 38/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben