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Dr. Sabine Oberhauser Gesundheitsministerin©

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Gesundheitspolitik 31. August 2015

Kleine Dinge bleiben vorerst klein

Forum Alpbach: Bei den Gesundheitsgesprächen wurden Kämpfer gegen Ungerechtigkeit ins Scheinwerferlicht gerückt. Ihre Pioniertaten wurden auf ihre Übertragbarkeit ins allgemeine Versorgungssystem geprüft.

Reden wir über Ungerechtigkeit! Die Gefahr, sich in Allgemeinplätzen und Grundsätzlichem zu verlieren, und ausschließlich zu diagnostizieren, statt nach wirkungsvollen Therapien zu suchen, ist enorm. In Alpbach versuchen die Organisatoren den umgekehrten Weg zu gehen: Es werden Projekte präsentiert und daraus politische Forderungen abgeleitet. Doch das Vorhaben bleibt im Ansatz stecken.

Welche Erkenntnisse lassen sich aus erfolgreicher Pionierarbeit gewinnen, und sich sinnvoll in die Regelversorgung überführen? Darüber wurde bei den Alpbacher Gesundheitsgespräche 2015 diskutiert.

Die Debatte wurde nach der „Storytelling-Methode“ geführt. Das bedeutet: Es wurden Probleme an konkreten Geschichten festgemacht. 300 internationale Initiativen hatten sie um eine Präsentation beworben, 30 davon schafften es ins Programm. Zusammengefasst in die vier Cluster „Chancengerechtigkeit & Prävention“, „Technologie & Innovation“, „Migration“ sowie „Umgang mit Krankheit und Tod“ spannten sie einen inhaltlich und geografisch breiten Bogen. Es ging um unbürokratische medizinische Versorgung Obdachloser in Linz, um kostenlose Versorgung Arbeitsloser in Athen, um die Prävention von jugendlicher Adipositas in Salzburg oder um ganzheitliche Sterbebegleitung am Land in Oberösterreich, um frei zugängliche psychische Grundversorgung in Dublin und um die partizipative Gestaltung eines urbanen Gesundheitssystems durch Bürgerbeteiligung in der US-Millionenstadt Columbus, Ohio.

All diesen Projekten gemeinsam war der Versuch, in ihrem jeweiligen Mikrokosmos Ungleichheiten zu verkleinern. Zudem sollten sie das Potenzial haben, als Role-Model zu wirken, also geeignet zu sein, um flächendeckend etabliert zu werden.

Die Pioniere selbst, die ihre Projekte in Alpbach persönlich präsentierten, beeindruckten die Teilnehmer durch ihren Enthusiasmus und ihr Engagement. Am liebsten hätte man ihnen allen – oder zumindest möglichst vielen von ihnen – die gebührende Wertschätzung entgegengebracht, ihnen aufmerksam zugehört, mit ihnen diskutiert. Leider ließ dies das Format der Veranstaltung nicht zu. Einer einzigen Geschichte durfte man schließlich folgen, sie analysieren und gemeinsam überlegen, welche Relevanz sich daraus für die Weiterentwicklung eines gerechteren und gleichzeitig effizienteren Gesundheitssystems in Österreich ableiten ließe bzw. welche politischen Voraussetzungen dafür zu schaffen wären.

Aus den Einzelergebnissen aller 30 Gruppen wurde die inhaltliche Essenz herausgefiltert, jedenfalls wurde das versucht, und in sechs gesundheitspolitische Forderungen übersetzt, die sie tags darauf den Ministerinnen Dr. Sabine Oberhauser (Gesundheit, SPÖ) und Dr. Sophie Karmasin (Familie, ÖVP) zu präsentieren. Die sechs Forderungen:

• Lösungen, die durch Patienten getragen werden: eine verstärkte Einbeziehung von Patienten in die Planung und Ausführung ihrer Behandlung; Stärkung der Eigenverantwortung durch ein Arzt-Patienten-Gespräch auf Augenhöhe bzw. die Förderung von technischen Hilfsmitteln wie Videodolmetsch oder Übersetzungshilfen;

• Patientenzentrierte Arbeitsweise: die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Sicht auf den Patienten unter Berücksichtigung physischer und psychischer, familiärer, sozialer, wirtschaftlicher und politischer Aspekte;

• Unterstützung von Open-Source-Technologien und -Prozessen: Förderung einer „Kultur der Neugier“ im Gesundheitswesen sowie der Institutionalisierung erfolgreicher Prototypen;

• Erstellung eines nationalen Aktionsplans Gesundheit zu Herausforderungen der nächsten zehn Jahre, um eine langfristige Planung und Gewichtung der politischen Aktionen zu gewährleisten;

• Verstetigung erfolgreicher Initiativen, die ein Defizit in der Versorgung abdecken, durch die Etablierung struktureller Fördermechanismen;

• Unterstützung von professionellen Partnern, die Dienstleistungen für Patienten zur Verfügung stellen, durch die finanzielle Förderung von kleinen Projekten und Freiwilligenarbeit bzw. die Miteinbeziehung von Laien, Semi- und Para-Professionellen.

In Anwesenheit der Ministerinnen wurde anschließend eine Gewichtung der Forderungen durch das Auditorium vorgenommen. Der höchste Stellenwert – oder auch die größte Dringlichkeit – wurde dabei den Forderungen zwei und fünf zugeordnet.

Da waren vielen der 400 Teilnehmer nicht nur die Eindrücke der Pionierleistungen vom Vortrag noch gedanklich sehr präsent, sondern auch die eindringlichen Worte von Dr. Klaus Vavrik, der die existenzielle Bedrohung der von ihm gegründeten Österreichischen Kinder- und Jugendliga beklagte. Die Kinder- und Jugendliga war 2007 angesichts 80.000 fehlender Therapieplätze als „Interessensverband der Kinder“ von Vavrik gegründet worden, um den Kindern „eine starke Stimme zu geben“. Als Pilotprojekt finanziell noch einigermaßen gut ausgestattet, kämpft sie nun trotz unbestrittener Erfolge – Beispiel Reha-Zentren für Kinder – ums finanzielle Überleben. Ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Projekten teilt. Der Übergang von der Pilot- in die Regelphase sollte für nachgewiesenermaßen erfolgreiche Projekte, so meinte das jedenfalls die Mehrheit der Alpbach-Teilnehmer, besser strukturiert und damit erleichtert werden. Nur so könne das enorme Potenzial solch engagierter Pionierleistungen nachhaltig für das Gesundheitssystem lukriert werden.

Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser zeigte sich mit der vorgenommenen Priorisierung durchaus einverstanden. „Das angenehme an Alpbach ist“, sagte Oberhauser in ihrer Replik, „dass man hier versucht, kleine Dinge groß werden zu lassen, statt gleich mit den großen Dingen zu beginnen.“ Sie bezog sich damit auf die Forderung nach einem Nationalen Aktionsplan Gesundheit, der im Publikumsvoting nicht die ganz große Unterstützung erhalten hatte. Papier sei schließlich geduldig, wie der gelernte Österreicher nur zu gut wisse.

Die Bundesministerin für Familie und Jugend Dr. Sophie Karmasin zeigte sich ebenfalls mit der Wahl des Auditoriums solidarisch. Auch sie hätte sich „persönlich für die Nummer fünf entschieden“, teilte sie dem Publikum mit. Viel Eigeninitiative würde derzeit jedenfalls verloren gehen, weil die Politik nicht die richtigen Werkzeuge zu Verfügung hätte, um die besten, erfolgreichsten, wissenschaftlich evaluierten Projekte systematisch herausfiltern zu können.

Den Auditoriumswunsch nach mehr Partizipation weiterdenkend, wandte sich Karmasin abschließend mit einem Vorschlag an die Programmgestalter der Gesundheitsgespräche: Partizipation mache nur dann Sinn, wenn sie über die eine Stunde der gemeinsamen Diskussion am Podium von Alpbach hinausgehen würde, meinte die Ministerin: „Daher wünsche ich mir für das nächste Jahr, dass zu Beginn der Gesundheitsgespräche 2016 ein Resümee gezogen wird, was aus den heurigen Ergebnissen geworden ist, welche davon auch politisch umgesetzt wurden.“ Nur so könne beantwortet werden, „ob sich die Partizipation, die Kreativität und das Engagement der anwesenden Experten auch tatsächlich ausgezahlt hat.“

Ein Wunsch übrigens, den die Ärzte Woche an dieser Stelle schon in den vergangenen Jahren mehrmals geäußert hat und sich daher gerne nochmals anschließt.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 36/2015

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