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Michael Dressel, MAGeschäftsführer der Sucht- und Drogenkoordination Wien, Koordinator für Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien
© (2) Daniela Klemencic

Dr. Hans Haltmayer Ärztlicher Leiter der Suchthilfe Wien, Beauftragter für Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien

© Photographee.eu / fotolia.com
 
Gesundheitspolitik 31. August 2015

Wiens Suchtlösung

Expertenbericht: Seit mehr als 30 Jahren hat Wien eine Strategie der „Integrierten Sucht- und Drogenpolitik“.

Sucht ist kein Randproblem der Gesellschaft. Sie betrifft Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten. Die Stadt Wien geht seit über 30 Jahren den Weg der „Integrierten Sucht- und Drogenpolitik“. Abhängige Menschen werden nicht ausgegrenzt, sondern können sich auf das umfassende soziale und medizinische Netz der Stadt verlassen.

Grundlage für die „Integrierten Sucht- und Drogenpolitik“ in Wien ist ein konsistentes, integratives Strategiekonzept, das 1999 erneuert und 2013 nochmals ergänzt wurde. In die Strategie explizit inkludiert wurden – der Weiterentwicklung der Suchtforschung entsprechend – vor allem auch nicht substanzgebundene Formen der Abhängigkeitserkrankungen.

Das Dokument, welches über den Link im Infokasten zu finden ist, bildet die Grundlage für die Entwicklung der Maßnahmen und dafür, dass möglichst allen Betroffenen qualitätsgesicherte, evidenzbasierte und evaluierbare Angebote zur Verfügung stehen. Damit dies geleistet werden kann, wurde auch ein spezifisches Dokumentationssystem entwickelt, das die Erfolge messbar und darstellbar macht. So wird seit vielen Jahren nachweislich eine effiziente Versorgung sichergestellt. Ziel ist, dass Menschen mit einer Suchtproblematik sowohl objektiv als auch subjektiv gesünder und in das gesellschaftliche Leben integriert sind.

Abhängigkeitserkrankungen verlaufen in der Regel chronisch und sind, wenn sie über längere Zeit unbehandelt bleiben, mit teils erheblichen gesundheitlichen Problemen bis hin zu vorzeitiger Sterblichkeit verbunden. Auch wenn nur divergierende Prävalenzdaten vorliegen, so ist eines evident: Vor allem der problematische Konsum von Alkohol und die Zahl der an Alkoholismus erkrankten Menschen ist hoch.

Suchterkrankungen sind weder in Bezug auf ihre Entstehung noch auf ihre Behandlung als unikausal und eindimensional zu betrachten, sondern berühren nahezu alle Gesellschaftsbereiche und involvieren bei fachgerechter Behandlung die unterschiedlichsten Professionen. Dem medizinischen Sektor kommt bei der Behandlung naturgemäß eine besondere Bedeutung zu, allerdings sind ohne die mitverantwortliche Einbeziehung anderer Berufsgruppen, wie etwa diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegern, Psychologen sowie Sozialarbeitern, keine nachhaltigen Erfolge zu erzielen. Bei der ärztlichen Versorgung spielt der Fachbereich Psychiatrie zwar eine wichtige Rolle, jedoch ist eine sinnvolle Behandlung einer Suchterkrankung, die bei der Motivierung und Stabilisierung beginnt ohne die Einbeziehung zahlreicher anderer Fachdisziplinen und allen voran der Allgemeinmedizin nicht denkbar.

Infolge der Komplexität bei der Entstehung, Betreuung, Behandlung und Rehabilitation von Abhängigkeitserkrankungen ist eine koordinierte Steuerung von präventiven, kurativen und rehabilitativen Maßnahmen und Angeboten von großer Bedeutung. Insellösungen und Elfenbeintürme werden dieser wichtigen gesundheitspolitischen Aufgabe nicht gerecht und führen geradewegs in eine teure und sozial unausgewogene „Mehrklassenversorgung“ mit unterschiedlich gutem Zugang zum Behandlungssystem. Mehr Leid für die Betroffenen, bedingt durch eine „Drehtürbehandlung“, inklusive.

Mit der Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW) wurde deshalb in den letzten zehn Jahren eine schlanke, sparsame, effektive und effiziente Struktur aufgebaut und kontinuierlich weiterentwickelt, die es ermöglicht, die in der Sucht- und Drogenstrategie der Stadt Wien formulierten gesundheits- und sozialpolitische Ziele in qualitätsgesicherter Form umzusetzen.

Die Sucht- und Drogenkoordination Wien GmbH selbst ist dabei nicht auf operativer Ebene tätig, sondern koordiniert und steuert die Versorgung. Sie fungiert dabei auch als Kostenträger für einen großen Teil der auf operativer Ebene tätigen Leistungserbringer. Die enge organisatorische Verflechtung mit dem psychosozialen Dienst (PSD) und mit der Suchthilfe Wien (SHW) stellt sicher, dass sowohl die psychiatrische Kompetenz als auch der niederschwellige Ansatz in der Betreuung von Suchtkranken gewährleistet sind.

Jüngstes Beispiel für die laufende Weiterentwicklung der Versorgungslandschaft für Suchtkranke ist das gemeinsam von der Wiener Gebietskrankenkasse, der Pensionsversicherungsanstalt und der Stadt Wien konzipierte und finanzierte Projekt „Alkohol 2020“, das einen Paradigmenwechsel in der Betreuung von Alkoholkranken einleitet. Dabei werden ambulante, stationäre, rehabilitative und integrationsfördernde Angebote zielgenau aufeinander abgestimmt.

Integration auf vier Säulen

Die strategische Ausrichtung der Wiener Sucht und Drogenpolitik beruht im Falle des Konsums illegaler Drogen auf dem Prinzip „Therapie statt Strafe“. Die beste ärztliche und therapeutische Behandlung einer Suchterkrankung nützt nichts, wenn nicht auch die Faktoren der sozialen und beruflichen Integration berücksichtigt werden. Eine (Re-)Integration in das Arbeitsleben, gesicherter Wohnraum und ein unterstützendes soziales Umfeld sind – neben Behandlung und Therapie – Schlüsselfaktoren für die Stabilisierung und Heilung einer Suchterkrankung. Marginalisierte Gruppen werden durch gezielte Maßnahmen und Angebote in das soziale und medizinische Netz der Stadt Wien eingegliedert und auf diese Weise ihre Ausgrenzung, die (wieder) zu einem „Absturz“ führen würde, verhindert.

Die Wiener Sucht- und Drogenstrategie 2013 basiert auf vier Säulen: • Prävention

• Beratung, Behandlung und Betreuung

• Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und soziale (Re)Integration

• Öffentlicher Raum und Sicherheit

Darüber hinaus gibt es Querschnittsthemen wie etwa Qualitätssicherung, Wissenschaft und Forschung, Dokumentation und Evaluation.

1. Prävention

Suchtprävention ist Teil der umfassenden Gesundheitsförderung und berücksichtigt dabei die unterschiedlichen Lebensbedingungen und individuellen Voraussetzungen der Menschen. Insbesondere Kinder und Jugendliche sollen früh mit suchtpräventiven Maßnahmen erreicht werden. Das Institut für Suchtprävention (ISP) der Sucht- und Drogenkoordination Wien bietet deshalb zahlreiche Bildungs- und Sensibilisierungsworkshops für Jugendliche und Multiplikatoren (Lehrer, Erzieher) an.

2. Beratung, Behandlung und Betreuung

Im Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerk ist eine Reihe von spezialisierten Einrichtungen tätig, die die unterschiedlichen Bedürfnisse der Suchtkranken abdecken. So stehen den Betroffenen Angebote in niederschwelligen Drogeneinrichtungen, in ambulanten oder in stationären Einrichtungen zur Verfügung. Verbindungsdienste wie CONTACT sorgen für das Nahtstellenmanagement zum Wiener Spitalswesen.

3. Arbeitsmarktpolitische und soziale (Re-)Integration

Die Bedeutung des geregelten Arbeitens geht weit über die materielle Existenzsicherung hinaus. Erwerbstätigkeit trägt zur umfassenden persönlichen Sinnstiftung bei und beeinflusst Dimensionen wie soziale Sicherheit und Integration, gesellschaftliche Anerkennung und Selbstbewusstsein. Das Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerk hat daher die grundlegende Aufgabe, den Kreislauf von Arbeitslosigkeit, Sucht und sozialer Desintegration zu durchbrechen und suchtkranke Menschen vor Arbeitslosigkeit zu bewahren. Um dies weitgehend zu ermöglichen, existiert eine enge Kooperation mit dem AMS Wien und dem Wiener ArbeitnehmerInnenförderungsfonds (waff).

4. Öffentlicher Raum und Sicherheit

Die Stadt Wien verfolgt das Ziel, ein sozial verträgliches Miteinander aller Menschen im öffentlichen Raum sowie im Gemeinwesen zu gewährleisten. Vertreibungen oder Wegweisungen von Personen oder Personengruppen aus dem öffentlichen Raum sind, wenn keine Gesetzesübertretungen begangen werden, rechtswidrig, stigmatisierend und stellen keine nachhaltige Lösung dar. Aufgabe ist es, suchtkranke Personen durch unterschiedliche Methoden und Ansätze der Sozialen Arbeit in das Wiener Sozialsystem zu integrieren und damit auch das subjektive Sicherheitsgefühl aller Bürger zu erhöhen.

Link zu Dokumenten

Dokumente zum Download:

• Wiener Sucht- und Drogenstrategie 2013

• Konzept Alkohol 2020

http://sdw.wien/dokumente/

Hans Haltmayer und Michael Dressel, Ärzte Woche 36/2015

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