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Dr. Wolfgang Foisner Ärztlicher Leiter Kurzentrum Bad Hofgastein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Christian Wiederer Ärztlicher Direktor Klinikum am Kurpark Baden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Herbert Melchart Ärztlicher Leiter Kurmittelhaus Bad Tatzmannsdorf

 
Gesundheitspolitik 31. August 2015

Im wilden Kuristan

Wie soll die Kur 2020 aussehen, die Frage hat Hauptverbandschef Peter McDonald aufgeworfen. Die ersten Antworten fielen erwartbar aus. Was meinen die Kurärzte selbst: Brauchen wir die Kur noch, kann man das Relikt aus dem 19. Jahrhundert „sanft weiterentwickeln“ oder muss man es „radikal reformieren“?

Um die Sinnhaftigkeit von Kuren ist – wieder einmal – eine Debatte entbrannt. Angezündet hat sie der Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Mag. Peter McDonald, der einer Modernisierung des heimischen Kurwesens das Wort redet Vor allem wie sich die Menschen nach der Kur verhalten, müsse ausführlich diskutiert werden, sagt er. Es könne schließlich nicht zielführend sein, wenn der „auskurierte“ Patient anschließend wieder in seinen alten, ungesunden Lebensstil zurückfällt und dann ein paar Jahre später aus demselben Grund neuerlich eine Kur beantragt. McDonald will erreichen, dass Kuren zukünftig vermehrt einen „bleibenden Effekt“ haben. Immerhin zahle die Versichertengemeinschaft für jede der in Österreich jährlich rund 120.000 genehmigten Kuren durchschnittlich 1.900 Euro.

Gründe für Kuren sind neben den klassischen Problemen mit dem Stütz-und Bewegungsapparat zunehmend auch psychische Belastungen am Arbeitsplatz. McDonald sagt, dass er nicht daran denke, die Kuren abzuschaffen, sondern diese reformieren möchte. Für Berufstätige zwischen 30 und 55 Jahren wurde eine „Kur neu“ mit Schwerpunkt auf Bewusstseinsbildung und Lebensstiländerung entwickelt.

Bewährt und absolut sinnvoll

„Lösung scheitert an Zuständigkeit, Datenschutz und Finanzierung.“

Die Kur als medizinische Behandlungsform ist in ihrer jetzigen Form eine bewährte Maßnahme, die absolut sinnvoll ist. Die Kur als einen subventionierten Quasiurlaub zu bezeichnen, ist sachlich falsch und gegenüber den vielen Personen abwertend, die auf der Kur eine Besserung ihrer Leiden erhalten.

Die heutzutage praktizierte und zwischen Sozialversicherung und Betrieben vertraglich vereinbarte medizinische Kur ist eine Kombination von Anwendungen der Physikalischen Medizin und dem Einsatz natürlicher Heilvorkommen. Zusätzlich wird Präventionswissen in Vorträgen und durch Selbsterleben vermittelt. Der stationäre Aufenthalt von drei Wochen am Kurort – mit Loslösung von häuslichen Pflichten – ist angemessen, diese Zeit braucht man für eine umfassende Behandlung. In die Kur muss man auch Regenerierung einbauen, um die Therapiereize verarbeiten zu können, außerdem liegt bei vielen Personen eine starke Erschöpfung vor.

Die aktuelle Diskussion in den Medien hinterfragt mit Recht die Weiterführung der auf der Kur erlernten Präventivmaßnahmen nach der Kur. Da gibt es eine organisatorische Schwäche: Die Patientinnen und Patienten sind auf sich selbst gestellt und so geraten viele der auf Kur erlernten Präventivmaßnahmen in Vergessenheit oder werden falsch gemacht.

In der Nachbetreuung könnte eine Verbesserung erreicht werden. Es bestehen seit Jahren Diskussionen und Überlegungen, wie es möglich wäre, die betroffenen Personen auch am Wohnort zu erreichen. Bisher ist eine Lösung an unklaren Zuständigkeiten, Datenschutz und Finanzierungsmodellen gescheitert.

Doch dies zu ändern kann nicht allein Aufgabe der Kurbetriebe sein. Hier muss das gesamte Sozialversicherungssystem unter Einbindung der Ärzteschaft zusammenarbeiten. Auch könnten die Kurinhalte noch ergänzt werden – beispielsweise im Bereich der psychischen Betreuung oder Patientenschulungen –, doch das ist eine finanzielle Frage.

Die medizinische Kur, das sei abschließend gesagt, ist sinnvoll und kann nicht durch ambulante Therapien und Maßnahmen ersetzt werden.

Aktive Teilhabe der Kurgäste

„Erste Schritte sind getan, alle müssen aber umdenken.“

Urlaub auf Kosten der Sozialversicherung, Faulenzen, während die anderen arbeiten – diesen Ruf hat sich die Kur, nicht immer unberechtigt, aufgebaut. Der Ausgangspunkt einer Kur ist ein chronisches oder degeneratives Krankheitsbild. In diesem Fall muss man Maßnahmen ergreifen, die den Status quo bessern und ein Fortschreiten verzögern. Eine Kur, nach medizinischen Gesichtspunkten durchgeführt, ist auch durch die präventive Wirkung eine Investition in die Zukunft.

Erste Schritte in Richtung Effektivität und Nachhaltigkeit sind im Kurwesen getan. Aktive Gesundheitsvorsorge für den Stütz- und Bewegungsapparat und die Burnout-Vorsorge sind neue Kurformen, die Betroffene aktiver einbeziehen. Aus meiner Sicht müssen aber alle noch umdenken:

• Die Kurgäste müssen ihre Einstellung zur Kur optimieren und sich fragen: „Welcher Weg der Gesundheitsvorsorge ist für mich langfristig optimal?“ statt „Wie verbringe ich drei angenehme Wochen?“

• Die Zuweiser müssen in Kenntnis der Vorbefunde in einem vorbereitenden Gespräch, das von den Kassen entsprechend honoriert werden muss, die Selektion motivierter Kurpatienten vornehmen. Zusatzurlauber, die möglichst ohne persönlichen Einsatz eine schöne Zeit erleben möchten, sind nicht zuzuweisen.

• Die Sozialversicherung muss die aktive Teilhabe der Kurgäste an der Kur verlangen und Befreiungen vom Therapiebetrieb oder von der Anwesenheitspflicht mit Ausnahme von Erkrankungen und persönlichen Schicksalsschlägen kategorisch ablehnen.

• Neue Leistungsprofile müssen es Kurärzten ermöglichen, individuelle Wege in der Therapie und Prävention mit den Kurgästen zu erarbeiten.

• Die Kurzentren müssen entsprechend der Wichtigkeit des optimierten Einsatzes von Bewegung, Training, Therapie und Regeneration den Schwerpunkt auf die Physikalische Medizin legen.

Kurärzte und Therapeuten können so das spannende Feld der Kurmedizin abseits der strikten Leistungsvorgaben weiter entwickeln und individuelle Präventionsberatungen durchführen. Dadurch werden persönliche Präventionsprogramme die 08 / 15-Heimprogramme ablösen und die Kur wird für den Einzelnen nachhaltig.

Mehr Spielraum zulassen

„Auf ganze Patienten eingehen, nicht nur auf eine Indikation.“

Kein medizinisches Behandlungskonzept kann sich einer ständigen Weiterentwicklung verschließen, selbstverständlich auch nicht die Kur.

In den dreißig Jahren meiner kurärztlichen Tätigkeit haben sich die Inhalte der medizinischen Kur immer wieder verändert. In dieser Zeit hat sich die Behandlungsanzahl verdoppelt und Bewegungstherapie, Ernährungsschulung und psychologische Interventionen wurden immer wichtiger. Dieser Trend setzt sich mit der „Gesundheitsvorsorge Aktiv“ fort.

Mittlerweile kann ich auf Erfahrungen mit beiden der aktuell von der Sozialversicherung bezahlten und in ihren Inhalten unterschiedlichen Kurheilverfahren, nämlich dem herkömmlichen und mit dem erst das zweite Jahr als Pilotprojekt in Umsetzung begriffenen, „Gesundheitsvorsorge Aktiv“ genannten, zurückgreifen. Bei Letzterem haben Prävention, Edukation und aktive Therapien einen deutlich höheren Stellenwert, was ich als Arzt begrüße, von den Kurpatienten jedoch unterschiedlich beurteilt wird. Aber jene zu motivieren, für ihre Gesundheit mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, die das bis dahin nicht gemacht haben, ist nicht nur für die Kurmedizin eine besondere Herausforderung.

Was über Jahrzehnte gleich geblieben ist, ist die Dauer des Aufenthaltes von drei Wochen. Hier wäre zu überprüfen, ob die präventiven Maßnahmen wie Schulungen samt Einüben des Gelernten und die wichtige Motivationsarbeit nicht auch schon in kürzeren Aufenthalten erfolgreich vorgenommen werden könnten. Andererseits hat sich für die kurmedizinische Behandlung chronischer Leidenszustände die Dauer von drei Wochen bewährt.

Um eine besser auf das Individuum abgestimmte Medizin betreiben zu können, müsste der von der Sozialversicherung vorgegebene Rahmen wieder mehr Spielraum zulassen, denn wünschenswert wäre, auf den Patienten in seiner Gesamtheit und nicht wie derzeit nur auf eine bestimmte Indikation beschränkt eingehen zu können. Auch muss das Alter bei der Erstellung von Leistungsprofilen mehr Berücksichtigung finden, denn was für einen jungen Menschen gut ist, muss deswegen nicht auch für einen Achtzigjährigen passen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 36/2015

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