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© william87 / Getty Images / iStock
Wenn schon Selfie, dann bitte mit Einverständnis des Patienten. Was so klar scheint ist es nicht, wie ein Fall eines Anästhesisten aus Kärnten vor Augen führt.
 
Gesundheitspolitik 25. August 2015

Netiquette im Operationssaal

Die Ärztekammer für Steiermark hat „Leitlinien für eine verantwortungsvolle Nutzung der Neuen Medien“ publiziert. Die „Empfehlungen“ sollen potenzielle User im „Umgang mit einem spannenden Medium“ unterstützen.

Das Veröffentlichen von eigenen Beiträgen und persönlichen Bildern im World Wide Web, das Posten von Meinungen, Statements und kritischen Anmerkungen zum Zeitgeschehen in den Social Media – und die daraus entstehenden Folgen – bergen einiges an Brisanz für das Unternehmen Arztpraxis. Begriffe wie „Hass-Postings“ oder „Shit Storm“ zählen heute zum allgemeinen Sprachgebrauch. In Diskussionen über Mehrwert versus Gefahren einer exzessiven Nutzung solcher Medienkanäle geht es längst nicht mehr nur um gesellschaftspolitische und soziale Auswirkungen, sondern vermehrt um eine akzeptable Grenzziehung zwischen Meinungsfreiheit und Datenschutz, zwischen individueller Freiheit und Einschränkung von Persönlichkeitsrechten, zwischen Unschuldsvermutung und Vorverurteilung, zwischen Provokation und Verhetzung.

Mancher wird sich vielleicht noch an den Fall eines Kärntner Anästhesisten erinnern, der im November vergangenen Jahres ein Foto aus einem Operationssaal postete, um der Welt – angesichts der damals aktuellen Diskussionen um Arbeitszeiten und Gehaltsforderungen – zu beweisen, dass Ärzte auch in der Nacht arbeiten. „Es ist 0.30, nur für die, die glauben, wir schlafen in der Nacht“, lautete der Begleittext zum Foto. Darauf zu sehen war neben dem vierköpfigen OP-Team (jeder der Gruppe wendete der Kamera den Rücken zu) leider auch das Kind am OP-Tisch, intubiert, die Augen zugeklebt, betäubt – und klar „erkennbar“.

Der Arzt hatte die Persönlichkeitsrechte des kleinen Patienten mit dem Posting verletzt. In unmittelbarerer Folge kam nicht nur zu einem Aufschrei innerhalb der Web-Gemeinde, der postwendend auch von den sogenannten „klassischen Medien“ mit großen Schlagzeilen aufgegriffen wurden, sondern führte auch zu dienstrechtlichen Konsequenzen für den Arzt.

Die Nutzung der Social Media ist im ärztlichen Alltag längst Standard. Den Umgang damit haben sich viele Ärzte autodidaktisch angeeignet. Vieles davon entspricht dem eingelernten und tradierten Mediennutzungsverhalten, manches – wie Vokabular oder Reaktionsgeschwindigkeit – wurde an die schnelleren Zeiten angepasst. Vielleicht liegt es gerade an der hohen Reaktionsgeschwindigkeit, dass dabei das Innehalten und kritisches Hinterfragen des eigenen Tuns offensichtlich manchmal auf der Strecke bleiben.

Immer mehr Institutionen helfen daher heute mit entsprechenden Empfehlungen oder auch verbindlichen Richtlinien nach. Einigermaßen überraschend hatte es die sonst medial durchaus selbstbewusste und in vielen Kampagnen „gestählte“ Ärztevertretung bisher nicht der Mühe wert gefunden, ihren Mitgliedern solche Verhaltensregeln anzubieten.

Eine Länderorganisation – die Ärztekammer für Steiermark – ist nun dem Beispiel anderer großer Organisationen gefolgt und hat so genannte „Social Media Guidelines“ veröffentlicht. Auf Nachfrage der Ärzte Woche, was unter dem Begriff „Guidelines“ zu verstehen sei, sagte ein Sprecher: „Es handelt sich um Empfehlungen und Ratschläge für Ärztinnen und Ärzte, Funktionärinnen und Funktionäre sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ärztekammer“, also eher um Leit- denn um Richtlinien. Den letzteren Begriff würden Ärzte „auch nicht so gerne hören“.

Konkreten Anlass für die Initiative hätte es keinen gegeben, teilte die Kammer mit. Es handle sich dabei vielmehr um ein zeitgemäßes Serviceangebot, weil die Zahl der aktiven User auch unter den Mitgliedern stetig ansteigen würde. Mit den Usern steigen auch Unsicherheit und die Anzahl der Fragestellungen zu technischen, rechtlichen, aber vor allem auch ethischen Themen.

Der dynamische Prozess

Die Guidelines sollen hier Abhilfe schaffen, indem sie „bei der Orientierung und Nutzung helfen“, sagt der steirische Ärztekammerpräsident Dr. Herwig Lindner: „Immer mehr Ärzte sehen in Social Media Plattformen die Möglichkeit, unmittelbar zu informieren, für gesundheitspolitische Debatten, sind sie längst etabliert. Daher ist es wichtig, die Mechanismen bestmöglich zu nutzen, aber auch Fehler zu vermeiden.“

Deshalb wären in den Leitlinien sowohl Möglichkeiten als auch Risiken dargestellt. Sie dürften in diesem Sinne auch keinesfalls als „Abschreckung“ missinterpretiert werden, stellen Social Media doch eine sinnvolle Ergänzung herkömmlicher Medienkanäle dar, vorausgesetzt, sie werden verantwortungsvoll genutzt.

Die neuen Guidelines wurden vor dem Beschluss im Präsidium der Ärztekammer Steiermark intern breit diskutiert, unter anderem auch mit den ärztlichen Fachgesellschaften, versichert der Sprecher der Kammer. Fragen und Anregungen, die daraus entstanden sind, wurden nachträglich entsprechend eingearbeitet. Aber auch nach der Veröffentlichung des beschlossenen Textes soll der Dialog weitergehen. Die Social Media Guidelines der Ärztekammer für Steiermark enden mit der ausdrücklichen Einladung, Fragen zu stellen und Anregungen zu geben.

Neben den allgemeinen Leitlinien und den Empfehlungen für Ärzte hat die ÄK Steiermark auch spezielle Leitlinien für Mitarbeiter und Kammerfunktionäre erarbeitet. Sämtliche Leitlinien finden Sie im Detail unter: http://goo.gl/LhJIhp .

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 35/2015

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