zur Navigation zum Inhalt
© Comstock/Getty Images/Thinkstock

 

 

 

Dr. Arthur Wechselberger Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Pharmig/Pio Pichler

Dr. Jan Oliver Huber Generalsekretär der Pharmig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© priv.

Dr. Christoph Dachs Präsident der Ges. für Allgemein- und Familienmedizin

 
Gesundheitspolitik 25. August 2015

Umbruch: Reden wird nicht mehr versilbert

Das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline hat für 2016 eine „drastische Änderung in der Zusammenarbeit mit den Ärzten“ angekündigt und hofft, dass andere Unternehmen der Initiative folgen.

Müssen sich Ärzte zukünftig also auf weitgehendere Änderungen im Umgang mit Kongresseinladungen der Pharmaindustrie für Mediziner und Vergütungen für Referenten einstellen? Änderungen, die über den neuen Verhaltenskodex der Pharmig „Transparenz schafft Vertrauen“ hinausgehen? Geht es nach GlaxoSmithKline, dann ist das beschlossene Sache. Bereits 2013 hatte der britische Pharmahersteller ein neues Geschäftsmodell für „Vertriebs- und Marketingpraktiken zur Stärkung des Patientenfokus“ angekündigt, das nun offensichtlich mit Jänner 2016 zur Umsetzung gelangt.

So will GlaxoSmithKline auf externe Ärzte als Vortragende bei gesponserten Veranstaltungen verzichten und stattdessen „medizinische Mitarbeiter des Herstellers“ zu Wort kommen lassen. Außerdem sollen „direkte Zahlungen sowie jede andere Form einer geldwerten Leistung“ an Health Care Professionals (HCP), die für das Unternehmen sprechen, beendet und Umsatzbeteiligungen für Außendienstler gänzlich gestrichen werden. Ärzte, die für Kooperationen finanzielle Mittel erhalten, müssen einer namentlichen Veröffentlichung zustimmen, andernfalls wird die Kooperation zumindest zeitweise ausgesetzt. Ebenso wird es keine persönlichen Einladungen und Kostenübernahmen für Ärzte zu Kongressen mehr geben.

Im Gegenzug sollen dafür Einladungspakete an sogenannte „unabhängige Dritte“ zur internen Verteilung abgegeben werden, etwa an Universitäten oder Fachgesellschaften. Und es werden „neue Wege für das Informationsangebot“ an HCPs eingeschlagen, auch digitale.

Patienten profitieren

„Der Name des Arztes wird nur genannt, wenn der Arzt zustimmt.“

Pharmaforschung erfolgt heute aufgrund der hohen Komplexität häufig an Medizinuniversitäten und in Form von multizentrischen Studien in Kliniken. Die Mitarbeit und Expertise von Ärzten sind dabei für die Entwicklung neuer Arzneimittel unabdingbar. Die Patienten profitieren von dieser Kooperation, denn mit den Mitteln der öffentlichen Hand allein wäre eine solche Spitzenforschung in Österreich nicht möglich.

Die Kooperation beschränkt sich aber nicht auf Forschung und Entwicklung, sondern betrifft auch die Weitergabe von Wissen an die Ärzteschaft und den Austausch praktischer Erfahrungen aus der Anwendung pharmazeutischer Produkte. Sollte es dabei zu Honorarzahlungen oder anderen Zuwendungen der Industrie an Ärzte kommen, so sind Pharmafirmen ab 2016 verpflichtet, diese Zahlungen zu veröffentlichen. Der volle Name des Arztes wird jedoch nur dann genannt, wenn der Arzt zustimmt. Tut er das nicht, sind die Honorare pauschal zu deklarieren. Es bleibt abzuwarten, wie hoch der Anteil derer sein wird, die von der Pauschalvariante Gebrauch machen. Erst dann kann man, wenn nötig, über eine weitere Verschärfung der Transparenzregeln sprechen.

Die Österreichische Ärztekammer ist jedenfalls bestrebt, dafür zu sorgen, dass Mediziner in der Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie unabhängig agieren können, dass es transparente Regeln gibt und diese auch eingehalten werden. Grundlage dafür ist die ÖÄK-Verordnung zum „Ärztlichen Verhaltenskodex“, die 2014 novelliert wurde und für alle Ärzte bindend ist. Auch der Verband der pharmazeutischen Industrie, die Pharmig, hat für ihren Wirkungsbereich ein Reglement erstellt, das in Bezug auf die Kooperation mit Medizinern inhaltlich dem ÖÄK-Kodex entspricht.

Beide Regelwerke verfolgen denselben Zweck: Patienten müssen darauf vertrauen können, dass Ärzte diagnostische und therapeutische Entscheidungen unabhängig, nur auf Basis des Stands der medizinischen Wissenschaft, der ärztlichen Erfahrung und der individuellen Bedürfnisse des Patienten treffen. Selbstverständlich steht es jeder Pharmafirma frei, im Rahmen ihrer Corporate Governance zusätzliche Regeln aufzustellen.

Vertrauen durch Transparenz

„Vorträge von Ärzten bleiben Teil unserer Kooperation.“

Wir begrüßen grundsätzlich alle Maßnahmen, die ein Mehr an Transparenz bedeuten. Dazu bekennt sich die gesamte Pharmabranche und diesen Weg verfolgen wir als Pharmig seit gut einem Jahr mit unserer Initiative „Transparenz schafft Vertrauen“. Unser Ziel dabei ist es, das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Gesundheitswesen zu stärken und das Verständnis für die gemeinsame Zusammenarbeit von Ärzten und pharmazeutischen Unternehmen zu fördern. Denn klar ist, dass diese Zusammenarbeit zum Wohle der Patienten geschieht und dass damit die Versorgung mit zeitgemäßen und hoch qualitativen medikamentösen Therapien sichergestellt werden kann.

Unseren Verhaltenskodex haben wir vor etwa einem Jahr adaptiert. Die pharmazeutischen Unternehmen in Österreich richten sich nach diesem Kodex und nach den Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes, wobei manche dieser Unternehmen sich noch zusätzliche interne Regeln gegeben haben, wie es etwa bei GlaxoSmithKline der Fall ist.

Mit den neuen Regelungen sorgen wir dafür, dass die Zusammenarbeit von Industrie und Fachkreisen völlig transparent und nachvollziehbar ist – egal, ob es sich dabei um die Teilnahme oder die Vortragstätigkeit eines Arztes bei einem von einem pharmazeutischen Unternehmen veranstalteten Kongress handelt, ob es um die Mitwirkung von Ärzten bei Forschungs- und Entwicklungsaufträgen geht oder auch um Spenden und Förderungen. Vorträge von Ärzten werden auch in Zukunft Teil unserer Kooperation bleiben, denn es geht bei Fortbildungsveranstaltungen nicht nur alleine um die Darstellung und Leistungsfähigkeit eines pharmazeutischen Produktes, sondern auch um das Teilen des Wissens und der Erfahrung des einzelnen Behandelnden aus seinem klinischen Alltag und aus der Arbeit mit Patienten.

Die Zusammenarbeit der Industrie mit Fachkreisen ist eine Notwendigkeit und eine beiderseitige Bereicherung. Schließlich ist eine erfolgreiche Erforschung von Arzneimitteln ohne eine solche Kooperation nicht denkbar. Mit der Einhaltung der Transparenzbestimmungen zeigen die Unternehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung.

Einige offene Fragen

„Offenlegung ist vorgesehen, wird aber erst teilweise umgesetzt.“

Viele der von GSK angeführten Veränderungen wurden im System schon umgesetzt. Jede Aktivität, die das Streben nach unabhängigem Urteil erleichtert und damit die Patientensicherheit erhöht, ist im Sinne der Fachgesellschaft und wird von uns ausdrücklich begrüßt. Allerdings stellen sich uns angesichts der Vorhaben von GSK Fragen:

• Wie soll sichergestellt werden, dass „medizinische Mitarbeiter der Hersteller… als Vortragende“ bei gesponserten Veranstaltern die Objektivität der Darstellung wahren?

• Können wir davon ausgehen, dass solche Veranstaltungen im Sinne der Transparenz auch als Marketingaktivitäten deklariert werden, also nicht unter dem Titel „ärztliche Fortbildung“ zu sehen sind?

• Zum GSK-Vorhaben: „Wir werden mit unbezahlten externen Experten zusammenarbeiten, damit diese ihre klinische Erfahrung und das Wissen über ihr Fachgebiet mit ihren KollegInnen teilen, wenn kein interner medizinischer Experte, … verfügbar ist.“ Wie kann die Objektivität und Unabhängigkeit eines solchen, von GSK bezahlten, Experten sichergestellt werden?

• Wie soll in diesen Punkten die Kongruenz mit den DFP-Richtlinien gesichert und überprüft werden?

• Ist das Bekenntnis der GSK zur Unterstützung medizinischer Fortbildung, in Zusammenschau mit der angekündigten Zusammenarbeit mit unabhängigen Dritten, als Bereitschaft zu einer Poolfinanzierung zu sehen, die tatsächlich die Unabhängigkeit erhöhen würde?

Ein solcher Schritt erschiene der ÖGAM in der Tat als wegweisend und beispielgebend, setzt aber die Kooperation anderer pharmazeutischer Unternehmen voraus.

Die Offenlegung von konkurrierenden Interessen ist international derzeit schon vorgesehen, in Österreich allerdings erst teilweise umgesetzt. Auch andere Aspekte wie Direktzahlungen, Kongresseinladungen und andere Zuwendungen sind bereits geregelt. Eine durchgängigere, unaufgeregte Umsetzung begrüßen wir, ebenso wie das grundsätzliche Bekenntnis zur Fortbildungsverantwortung durch die Industrie. Deren Ergänzung durch den öffentlichen Sektor, in dessen ureigenstem Interesse eine unabhängige, qualitätsvolle Medizin liegt, würden wir uns dringend wünschen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 35/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben