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Volle Ambulanz: „Ich glaube schon lange, dass die freie Arztwahl eine Schimäre ist“, sagt Experte Auer.
 
Gesundheitspolitik 18. August 2015

Rückkehr der Ideenlosigkeit

Der Zustrom in die Ambulanzen muss eingeschränkt werden, darüber sind sich Experten und Politiker einig. Aber wie? Die vom Verfassungsgerichtshof gekippte Ambulanzgebühr könnte ein Comeback feiern.

Ärztekammer-Vertreter aus allen Bundesländern denken derzeit besonders laut über Möglichkeiten nach, Patientenströme effizienter durch das Versorgungssystem zu lotsen. Die politischen Vorgaben durch die Gesundheitsreform sehen die Entlastung der Ambulanzen und weniger Krankenhaustage vor.

Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser (SPÖ) und die Gesundheitssprecher der beiden Regierungsparteien wollen den stationären Bereich entlasten, indem Patienten verstärkt die niedergelassenen, billigeren Angebote konsultieren. Wenn es aber um Vorschläge geht, wie solche Maßnahmen ganz konkret aussehen könnten, werden Politiker ganz schnell ganz ruhig. Man setzt lieber auf Freiwilligkeit und die Verlockungen guter Angebote als auf verpflichtende oder gar einschränkende Lenkungsmaßnahmen wie etwa Ambulanzgebühren. Zu frisch sind für viele wohl noch die Erinnerungen an die politischen Fehlversuche.

Über die Zurückhaltung der Politik wusste auch der oberste Gesundheitsbeamte, Dr. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Bundesministerium für Gesundheit, aus eigener Erfahrung zu berichten: „Ich glaube schon lange, dass die freie Arztwahl eine Schimäre ist“, sagte Auer am Tag der Allgemeinmedizin, „aber sie ist offensichtlich ein politisches Selbstverständnis. Immer, wenn ich das kritisch hinterfrage, kriege ich von allen Seiten die Watschen.“ Das gelte im Übrigen nicht nur für Politiker aller Couleurs, sondern auch für die ärztliche Standesvertretung.

16 Millionen Ambulanzbesuche

Die Frage nach verbindlichen Lenkungsmaßnahmen kumuliert und reibt sich am heftigsten an den Ambulanzgebühren in den Spitälern. Mit jeder neuen internationalen Statistik, die wieder einmal die horrend hohen Ambulanzfrequenzen und Krankenhausaufenthalte in Österreich dokumentiert, wie die Daten der OECD Health Statistics 2014, scheinen sich die Reihen der Ambulanzgebühren-Verweigerer sukzessive aufzuweichen. Aktuellstes Beispiel dafür ist der Vorstoß des Salzburger Spitalsreferenten Christian Stöckl (ÖVP), der sich für die Einführung von Ambulanzgebühren ausgesprochen hat.

Sein Vorschlag wird von der Bundeskurie Angestellte Ärzte der Österreichischen Ärztekammer positiv aufgenommen. „Wir begrüßen den Umstand, dass die Politik endlich auf diese angespannte Situation reagiert und eine mögliche Lösung anbietet“, sagt der stellvertretende Bundeskurienobmann Karlheinz Kornhäusl. „Rein statistisch gesehen sucht jeder Österreicher zweimal jährlich eine Spitalsambulanz auf. Insgesamt verzeichnen wir 16 Millionen Ambulanzbesuche pro Jahr. Dabei könnte mehr als die Hälfte der Patienten in den Ordinationen versorgt werden.“ Um die Ambulanzen nachhaltig zu entlasten, seien verschiedene Maßnahmen denkbar, erläuterte Kornhäusl, die Ambulanzgebühr sei eine davon. „Man muss sich anschauen, was in der Praxis funktioniert. Wenn tatsächlich eine Ambulanzgebühr eingeführt wird, darf sie nicht mehr administrativen Aufwand verursachen, als sie Nutzen mit sich bringt.“

Zudem müsse man sicherstellen, dass die Ärzte in den Ordinationen die zusätzlichen Patienten auch versorgen können, ergänzte Kornhäusl: „Das würde den schon lange überfälligen Ausbau des niedergelassenen Bereichs sowie die Aufwertung des Hausarztes erfordern.“

Geschäftsmodelle hinterfragen

Auch Auer setzt sich für einen solchen Ausbau ein, schlägt aber einen anderen Weg als die Kammer vor. Alleine mit „more of the same“ werde das nicht zu erreichen sein, meinte Auer in Anspielung an die Forderung der Ärztekammer nach zusätzlichen 1.000 Hausärzte-Kassenstellen. Es brauche dazu vielmehr eine „Vielfalt der Organisationsformen und ein Überdenken der Vertragssysteme“. Auch Hauptverbandschef Peter McDonald wisse längst, dass die „heutigen Vertragsformen mit Kassenverträgen nicht zukunftsfähig sind“.

Um ärztliche Netzwerke „bottom up“ aufzubauen, brauche es neben „engagierten Basisversorgern auch die Unterstützung und Motivation der Stakeholder“, meinte auch Dr. Christoph Dachs, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Für ihn bedeute Vernetzung „klare Strukturen, kurze Wege sowie Behandlungs- und Kosteneffizienz im Sinne des ,Best point of service’“. Als ein zukunftsweisendes Beispiel nannte Dachs „Styriamed.net“, ein von der Ärztekammer für die Steiermark initiiertes Netzwerk von niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Fachärzten, aber auch Spitalsärzten.

Für Auer geht es auch darum, das niedergelassene Versorgungssystem insgesamt „organisationsstärker“ zu machen. Er appellierte in diesem Sinn an die Kammerfunktionäre und Hausarztvertreter, ihr „Geschäftsmodell kritisch zu hinterfragen“. Denn ein Teil der Patienten geht an der Allgemeinmedizin vorbei direkt in die Spitalsambulanzen, obwohl sie aus medizinischer Sicht durchaus von den Hausärzten versorgt werden könnten. „Ich jedenfalls frage mich manchmal, ob sie ihr Marktpotenzial wirklich ausnutzen.“

Würde nur ein Viertel der 16 Millionen Frequenzen, die jährlich in den Spitalsambulanzen stattfinden, in den niedergelassenen Bereich wechseln, könnten von diesem 100 Millionen Euro Marktpotenzial zusätzlich lukriert werden. Und volkswirtschaftlich wäre es ohnehin sinnvoll. „Ich bitte Sie, helfen Sie uns allen, ihr Geschäftsmodell zu optimieren, weil das systemrelevant ist!“, fordert Auer die Ärztevertreter auf.

Optimieren hieße auch, „das zu machen, was Sie können“, erläuterte Auer. Das tun sie aber nicht immer. So sei es etwa bedauerlich, dass Diabetiker bei Allgemeinmedizinern landen, die kein Disease Management Programm anbieten. „Das hat etwas mit dem Geschäftsmodell zu tun.“

Gesundheitsversorgung sei aber vor allem Infrastruktur, forderte Auer dazu auf, bereits ausverhandelte, zur Verfügung stehende EU-Mittel zur Verbesserung eben jener Infrastruktur zu lukrieren: „Es hat uns einige Mühe gekostet, Gelder aus dem Programm der EU-Kommission zur ländlichen Entwicklung zu uns zu lotsen. Diese sollen nicht nur in die Landwirtschaft fließen.“ 20 Millionen lägen bis 2020 „zum Abholen“ bereit.

Ärzte als Unternehmer

Die Bedeutung der niedergelassenen Ärzte als Unternehmer meint ÄK-Präsident Dr. Artur Wechselberger. Sie würden einen Mehrwert für die Gesellschaft stiften, indem sie „Kunden-, also Patientenbedürfnisse befriedigen, das ,Unternehmen Ordination’ wirtschaftlich verantwortungsvoll und erfolgreich führen, Arbeitsplätze schaffen, Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter ermöglichen, Innovationen umsetzen, Aufträge vergeben und so zum Wohl der Gesellschaft tätig sind.“ Das ginge verloren, gäbe es keine praxisführenden Ärzte mehr, sagt Wechselberger.

Der Chef des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger, Mag. Peter McDonald, stimmt soweit mit Wechselberger überein, dass unternehmerisches Denken und gesellschaftliche Verantwortung einander nicht widersprächen. Leider wollten immer weniger junge Österreicher Unternehmer sein, suchten lieber die Absicherung und das Beamtentum. „Das sollte uns Sorgen bereiten.“ Eine kleine Spitze gegen die Kammer konnte er sich dann aber doch nicht verkneifen: „Ich verstehe nicht, dass eine Standesvertretung von Unternehmern derart gewerkschaftlich argumentiert und agiert.“

Den wiederholten Vorwurf der Kammer, die Sozialversicherung verhindere mit ihrer Blockade-Strategie notwendige Weiterentwicklungen, weist McDonald wenig überraschend zurück und gibt „klares Bekenntnis ab, dass wir einen Wandel brauchen. Denn unsere wichtigste Aufgabe ist es, das Gesundheitswesen für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts weiterzuentwickeln“, sagt McDonald. Außerdem erneuert er die „ehrliche Einladung“ an die Österreichische Ärztekammer zur Dialog-Klausur. „Wir werden gemeinsam innovative Lösungen finden, um Kosten effizienter zu gestalten, sodass die medizinischen Bedürfnisse der Patienten finanziert werden können.“ Er appelliere an die „soziale Verantwortung der Ärzte. Denn wir können nicht mehr ausgeben als wir einnehmen“.

Was wird jetzt aus der Ambulanzgebühr? So schnell wird sie nicht kommen. Aus dem Büro von Oberhauser war zu vernehmen, dass sie diese Maßnahme derzeit ablehne.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 29/34/2015

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