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© Brigitte Herden

Prof. Dr. Alois Obwegeser Stv. Ärztlicher Direktor, LKH Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Sissi Furgler

Prim. Dr. Klaus Vander Ärztlicher Direktor Institut für Krankenhaushygiene

 
Gesundheitspolitik 18. August 2015

Spitäler sind sauber, aber offenbar nicht rein genug

Würde mehr Öffentlichkeit das Zurückdrängen von nosokomialen Infektionen und die Bekämpfung von resistenten Keimen unterstützen oder eher die Patienten verunsichern?

Laut Angaben der WHO gibt es weltweit pro Jahr mindestens 16 Millionen Patienten mit Spitalsinfektionen. Die Möglichkeiten, dass sich Patienten in medizinischen Einrichtungen noch zusätzlich Infektionen einhandeln, sind breit gestreut. Sie reichen von der Besiedelung von Kathetern mit Keimen über Wundinfektionen bei chirurgischen Eingriffen, die Übertragung von Spitalskeimen in Intensivstationen bei künstlicher Beatmung bis hin zum Handkontakt mit Pflegepersonal und Ärzten. „Allein mit dem Umstellen der Desinfektion vom Händewaschen mit Wasser durch die Anwendung von alkoholischen Desinfektionsmitteln in der Medizin retten wir jährlich acht Millionen Leben“, sagt Didier Pittet. Der Hygieneexperte der Universitätsklinik Genf hatte 2005 für die WHO das Programm „Clean Care is Safer Care“, ein Maßnahmenprogramm zur Zurückdrängung von nosokomialen Infektionen ins Leben gerufen.

Seither wird Pittet nicht müde, eine verpflichtende Meldung der Häufigkeit von Spitalsinfektionsraten über die Grenzen der einzelnen Kliniken hinaus zu fordern, landesweit oder am besten gleich über die Ländergrenzen hinaus, und diese Daten dann auch zu veröffentlichen.

Das Anliegen, die Öffentlichkeit über die Qualität von Gesundheitseinrichtungen zu informieren, ist auch in Österreich nicht neu, sagt Dr. Ojan Assadian, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Seit mehr als zehn Jahren werde in Expertenkreisen über das öffentliche Berichten von Qualitätsdaten im Gesundheitswesen – und speziell Daten über nosokomiale Infektionen – diskutiert.

Von Scheintransparenz profitiert niemand

Dr. Ojan Assadian: „Das Verstehen solcher Daten ist nicht trivial.“

Nun haben also die Expertendiskussionen über das öffentliche Berichten von Qualitätsdaten im Gesundheitswesen die öffentliche Wahrnehmung erreicht. Tatsächlich werden seit mehr als 15 Jahren in Österreich Qualitätsdaten über solche nosokomialen Infektionen kumulativ gesammelt, gegen die man effektive Maßnahmen zur Prävention kennt. Dies betrifft Katheter-assoziierte Harnwegsinfektionen, Katheter-assoziierte Sepsis, Beatmungs-assoziierte Pneumonie und postoperative Wundinfektionen. Ebenfalls liegen Meldungen über die Resistenzlage bestimmter epidemiologisch relevanter Erreger vor. Sämtliche für Österreich vorliegenden Daten können über die Website der ÖGKH (www.oegkh.ac.at) erreicht werden.

Die Unzulänglichkeit mit dem derzeitigen Meldesystem besteht vielmehr darin, dass Gesundheitseinrichtungen freiwillig in die jeweiligen Netzwerke melden oder für sich bestimmte Elemente (etwa nur Häufigkeit postoperativer Infektionen nach elektiven Hüftoperationen) herauspicken, die dann anonymisiert auf nationaler Ebenen erscheinen. Die Zuordnung zu einem Krankenhaus ist nicht möglich. Die ÖGKH fordert, dass zumindest Harnwegsinfektionen, Katheter-assoziierte Sepsis, postoperative Wundinfektionen sowie MRSA und 4MRGN auf Krankenhausebene einer nationalen zentralen Koordinationsstelle gesetzlich verpflichtend gemeldet werden müssen.

Ob solche Daten öffentlich dargestellt werden sollen? Die ÖGKH meint, dass Patienten das Recht haben, sich vor Beginn einer Behandlung ein Bild über nosokomiale Infektionen einer Gesundheitseinrichtung zu machen. Das Verstehen solcher Daten ist aber nicht trivial und kann leicht zu falschen Schlüssen führen. So sagt eine postoperative Wundinfektionsrate von 1,9 Prozent nach Herzeingriffen nichts darüber aus, ob eine Gesundheitseinrichtung alle Maßnahmen zur effektiven Senkung des Infektionsrisikos implementiert hat. Wenn eine öffentlich transparente Darstellung von Qualitätsdaten über nosokomiale Infektionen erfolgen soll, so muss diese mit einer fachlich korrekten und für Patienten verständlichen Interpretation einhergehen. Anderenfalls handelt es sich um Scheintransparenz, von der niemand profitiert.

International vereinheitlichtes Meldesystem

Prof. Dr. Alois Obwegeser: „Eine Veröffentlichung erfordert, dass die Daten erklärt werden.“

Ein System zur flächendeckenden Erfassung nosokomialer Infektionen ist absolut zu begrüßen. In den Tirolkliniken, allen voran am Landeskrankenhaus-Universitätskliniken Innsbruck, haben wir seit vielen Jahren ein umfassendes Monitoring-System etabliert, das vor allem von den Hygienebeauftragten betreut wird. Nosokomiale Infektionen werden regelmäßig an die Ärztliche Direktion gemeldet und besprochen. Dazu kommen ständig aktualisierte Leitlinien und laufende Schulungen. Ein eigenes Portal im Unternehmens-Intranet bietet jedem Mitarbeiter jederzeit die Möglichkeit, sich schnell über jegliche Art der nosokomialen Infektion, Infektionswege, Hygienemaßnahmen etc. zu informieren. Natürlich profitieren wir in diesem Zusammenhang von der engen Zusammenarbeit mit dem Institut für Hygiene der Medizinischen Universität Innsbruck.

Um die erhobenen Daten sinnvoll nutzen zu können, engagieren wir uns für ein internationales System, das den Rahmen für ein effektives Benchmarking bieten muss. Wir sammeln unsere Daten bereits seit vielen Jahren im nationalen Referenzzentrum in Deutschland (KISS). Ein verpflichtendes, international vereinheitlichtes Meldesystem sollte an ein bestehendes angelehnt sein. In unserem Fall wären bis auf eine Schnittstelle nach außen keine zusätzlichen Investitionen notwendig. Eine internationale Standardisierung der Meldesysteme würde dazu beitragen, dass die Daten international vergleichbar sind. Dann können die Zahlen auch ein Gradmesser für gesetzte Maßnahmen sein.

Das erfordert, dass die gewonnenen Daten transparent behandelt werden. Dazu zählt eine Veröffentlichung. Das Wissen über nosokomiale Infektionen ist in der Bevölkerung nicht sehr groß, beziehungsweise eingeschränkt auf immer wiederkehrende vereinzelte Berichte in der Presse, die eher Angst schüren als informieren. Information kann dem entgegenwirken. Eine Veröffentlichung der Daten erfordert aber, dass diese Daten kommentiert und erklärt werden. Nur so kann durch Information der herrschenden Verunsicherung in der Bevölkerung entgegengewirkt werden.

Der Teufel steckt im Detail, besonders im Föderalismus

Prim. Dr. Klaus Vander: „Intensive Abstimmung für Surveillance-Datensatz.“

Die formale Vorgabe für die Zusammenstellung der „Hygieneteams“ ist österreichweit geregelt durch das Kranken- und Kuranstalten Gesetz (§ 8a) sowie in der Steiermark durch das Steiermärkische Krankenanstaltengesetz (§ 26). Hierin wird klar definiert, dass jede bettenführende Krankenanstalt über ein Hygieneteam in Form eines Krankenhaushygienikers oder hygienebeauftragten Arztes, Hygienefachkräften sowie Multiplikatoren aus dem ärztlichen oder pflegerischen Umfeld verfügen muss. Aufgrund ihrer interdisziplinären Schnittstellenfunktion kommt den Hygienefachkräften eine besondere Rolle zu. Orientierungshilfen für die Bestimmung der erforderlichen Anzahl von Dienstposten wurden zahlreich publiziert, praktikable Anleitung zur Bedarfsevaluierung bietet PROHYG 2.0 des BMG als zukünftige Grundlage für einen Bundesqualitätsstandard. In der KAGes (Steiermärkische Krankenanstaltenges.m.b.H.) verfügen alle Krankenanstalten über Hygieneteams. Als Spezifikum der KAGes ist diesen Teams ein zentraler Krankenhaushygieniker als Stabsstelle fachlich vorangestellt. Auf diese Weise wird ein einheitlicher Standard in der Krankenhaushygiene ermöglicht.

Infektions-Surveillance ist eine Säule moderner Krankenhaushygiene, die Indikation zu ihrer Umsetzung wird sowohl durch Zielsteuerungsverträge als auch KAKuG und StKAG untermauert. In der KAGes kommt ein auf den Vorgaben des Centers for Disease Control basierendes Nosokomiales Infektions Surveillance System (NISS) zur Anwendung, in dessen Rahmen derzeit sowohl „device-assoziierte Infektionen“ auf Intensivstationen, als auch mit gewissen Indikatoroperationen assoziierte Wundinfektionen erfasst werden. Als Benchmark dienen die Daten des Deutschen Nationalen Referenzzentrums für Surveillance nosokomialer Infektionen (NRZ-Berlin). Parallel dazu finden intensive Abstimmungen hinsichtlich eines österreichweit einheitlichen Surveillance-Datensatzes statt. Ziel muss es sein, Datensätze zu generieren, die von Abteilungs- bis auf Bundesebene und europaweit eine einheitliche Erfassung und Interpretation von Infektionsdaten ermöglichen. Der Teufel steckt im Detail, insbesondere im Föderalismus sowohl der Länder als auch der einzelnen Träger.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 29/34/2015

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