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© Ärztekammer für Wien, Stefan Seelig.
Dr. Ruth Klüger erhielt den diesjährigen Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien. Er wird jährlich an eine „herausragende Persönlichkeit“ verliehen, die im Sinne des großen österreichischen Sprachwissenschaftler und Namensgebers des Preises „de
 
Gesundheitspolitik 8. Juli 2015

Ruth Klüger erhält Paul-Watzlawick-Ring

Autorin Ruth Klüger erzählt vom Umgang Österreichs mit der Nazivergangenheit.

Die in Wien geborene US-Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger erhielt den Paul-Watzlawick-Ehrenring 2015 der Ärztekammer für Wien. Im Ärzte-Woche-Interview spricht sie über das Vergessen und Erinnern und über das Verachten und Respektieren. Sie sagt, warum ihre aktuellen literarischen Heldinnen Einstein infrage stellen. Das Gespräch führte Volkmar Weilguni.

Der Watzlawick-Ehrenring der Wiener Ärztekammer ist nur die bislang letzte in einer langen Reihe von Auszeichnungen, die Ihnen das offizielle Österreich verliehen hat – unter anderem den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik, den Preis der Stadt Wien für Publizistik oder auch die Ehrendoktorwürde der Universität Wien. Was empfinden Sie, wenn die Stadt und das Land, in denen Ihnen in Ihrer Kindheit so viel Leid zugefügt wurde, Sie nun mit Ehrungen überhäufen?

Klüger:Die erste und für mich bedeutendste Ehrung war der von Ihnen nicht erwähnte Rauriser Literaturpreis, der mir zu meiner völligen Überraschung schon 1993, für meine damals erschienene Autobiografie „weiter leben“ zugesprochen wurde. Diese Anerkennung war für mich wie eine ausgestreckte Hand von einem Menschen, an dessen Freundschaft man schon längst nicht mehr glaubte. Alle folgenden Anerkennungen und Ehrungen haben die Freude darüber vertieft und bestätigt. Aber die Erste war die stärkste.

Österreich hat sich lange schwergetan, sich seiner Vergangenheit aktiv zu stellen. Erst 1991 hat der damalige Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky erstmals öffentlich von einer „kollektiven Verantwortung“ für die Verbrechen des Nationalsozialismus gesprochen. Wie haben Sie den Umgang des Landes mit seiner Vergangenheit erlebt?

Klüger: Da ich nicht in Österreich lebte, habe ich die Verdrängung der Nazizeit nur von fern beobachtet und nicht persönlich erlebt. Ich empfand Verachtung für eine Nation, die ihre Vergangenheit vergräbt, die sich dann langsam in Respekt wandelte, als eine neue Generation die Wahrheit aufzudecken begann.

Sie stammen aus einer Wiener Arztfamilie: Auch die ärztliche Standesvertretung hat lange gebraucht, um sich kritisch mit der aktiven Beteiligung zahlreicher Ärzte an den Verbrechen des Nazi-Regimes auseinanderzusetzen. Im Rahmen des vor Kurzem in Wien abgehaltenen internationalen Symposiums „Austrian Physicians and National Socialism“ hat der Präsident der Wiener Ärztekammer daher wörtlich vom „Unvermögen der Kammer“ gesprochen, „der Wahrheit ins Auge zu sehen“. Wie haben Sie das Verhalten der Ärzte und Ärztevertretung während – und dann auch nach – der Naziherrschaft erlebt?

Klüger: Mein Vater war zwar Arzt, aber ich habe ihn als Achtjährige zum letzten Mal gesehen. Danach war ich allein mit meiner Mutter, kann daher nicht sagen, dass ich in einem Ärztemilieu lebte. Während der Nazijahre war ich im KZ und nachher ausgewandert. Natürlich wusste jeder, dass es Naziärzte gab, darunter auch österreichische, vor denen auch, und vielleicht gerade, Kinder nicht sicher waren. Ich habe nicht viel darüber gegrübelt. Warum sollte das Medizinstudium mehr als andere Studiengänge zu einem höheren moralischen Wahrnehmungsvermögen führen? Die ganze Welt schien von einem bösartigen Wahnsinn befallen. Man musste nach vorn schauen und auf Rettung hoffen. Von der nichtjüdischen Umwelt war keine zu erwarten.

Stichwort „nach vorne schauen“: Kann ein Volk aus seiner Geschichte „etwas“ lernen?

Klüger: Jedes Volk lernt aus seiner Vergangenheit. Wir Menschen können ja gar nicht umhin, uns zu erinnern. Das Vergessen – Demenz und Alzheimer – halten wir mit Recht für schreckliche Krankheiten. Wer lernt, erinnert sich und umgekehrt. Die Frage ist nicht ob, sondern wie: Wie teilen wir das Erlebte ein? Wie beurteilen, feiern oder betrauern wir es? Was für Schlüsse ziehen wir daraus?

Der Watzlawick-Ehrenring 2015 steht nicht nur für den „Dialog zwischen Medizin und Ethik“, sondern betont auch den Stellenwert der Kommunikation in der Medizin – zu Recht?

Klüger: Ich spreche als Patientin: Die guten Ärzte hören zu, die weniger guten kommen mit vorgefassten Meinungen, die nicht unbedingt eine wissenschaftliche Basis haben.

Die Medizin bietet immer mehr Möglichkeiten, wird aber gleichzeitig immer kostenintensiver, für viele unleistbar. Droht in der Medizin die Zweiklassengesellschaft – oder ist sie längst Realität?

Klüger: Sie haben Recht, die Zweiklassengesellschaft in der Medizin ist schon da. Man kann nur hoffen und daran arbeiten, dass sie sich nicht weiter ausbreitet. Es geht ja nicht nur um das Wohlbefinden des Einzelnen, sondern die Gesellschaft als Ganzes kann es sich nicht leisten, unbehandelte Krankheiten in ihrer Mitte zu vernachlässigen.

Apropos Zweiklassenmedizin: Präsident Obama stößt mit seinem Versuch, die medizinische Versorgung für breitere Bevölkerungsschichten leistbar zu machen, auf massiven politischen Widerstand. Manche sprachen bereits von einem Scheitern des Projektes. Warum ist es so schwer, in den USA ein solidarisches Gesundheitssystem zu etablieren?

Klüger: Als politisch engagierte Amerikanerin muss ich festhalten: Obama ist mit seinem Gesundheitsprogramm keineswegs gescheitert. Elf Millionen (!) bisher nicht versicherte Mitbürger können sich jetzt die Krankheitsversicherung leisten. Auch darf der Versicherte die Versicherung behalten, also „mitnehmen“, wenn er eine andere Stelle annimmt. Kinder können bis zum Alter von 26 bei ihren Eltern versichert bleiben. Die Krankenversicherung kann einem bereits Erkrankten nicht verweigert werden – usw. Das alles dank des Affordable Care Act (ACA). Zwar gibt es da noch viel zu verbessern, aber unter der richtigen Regierung werden diese Verbesserungen in den nächsten Jahren stattfinden. Die USA haben aus historischen Gründen immer schon größere Schwierigkeiten mit ihrem sozialen Netz gehabt als andere Länder. Aber nach und nach kam Social Security, Medicare und jetzt eben die Gesundheitsreform, der ACA. Das ist eine Großtat, kein Scheitern!

Gibt es Parallelen zwischen Literatur und moderner Medizin?

Klüger: Es gibt wenige Schriftsteller, die auch Ärzte waren. Im Deutschen sind wohl die bekanntesten Schiller, Schnitzler und Döblin. Bei allen fällt auf, wie sehr und mit wie viel Verständnis sie die körperliche Existenz der Menschen nie aus dem Auge verlieren und die idealistischen Aspirationen in die natürlichen Grenzen einschränken. !

Abschließend noch eine Frage zu Ihrem literarischen Werk: Womit setzen Sie sich aktuell auseinander?

Klüger: Ich versuche gerade, einen begonnenen Roman fertig zu schreiben. Er handelt von Ordnung und Zufall und von drei Frauen, die gerne in Las Vegas Roulette, Black-Jack und das Würfelspiel „Craps“ spielen. Einstein meinte ja, Gott würfle nicht. Meine Heldinnen finden dieses Diktum fraglich.

Der Paul-Watzlawick-Ehrenring wurde bislang fünfmal vergeben: an Peter L. Berger, Aleida Assmann, Rüdiger Safranski, Friedrich Achleitner und den kürzlich verstorbenen Einstein-Assistenten Walter Thirring.

Biografische Notizen

Dr. Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 als Tochter eines jüdischen Frauenarztes in Wien geboren. Ihr Vater und ihr Halbbruder wurden ermordet, sie selbst mit ihrer Mutter ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. 1945 gelang ihr noch vor Kriegsende die Flucht. 1947 emigrierte Ruth Klüger in die USA, studierte in New York und Berkeley Anglistik und Amerikanistik sowie Germanistik. Zwischen 1962 bis 1994 war sie als Universitätslehrerin an verschiedenen US-Universitäten tätig und lehrte im Rahmen von Gastprofessuren auch regelmäßig in Göttingen, Deutschland. Ihr besonderes Interesse galt feministischen Themen. So veröffentlichte sie etwa literaturwissenschaftliche Betrachtungen wie „Frauen lesen anders“, oder „Was Frauen schreiben“.

Ihre Wiener Jugend und die Grauen des Holocaust beschreibt sie in ihrer 1992 erschienenen Autobiografie „weiter leben“, ihre späten Erinnerungen in „unterwegs verloren“ (2008). Heute lebt Ruth Klüger in Südkalifornien.

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