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Mag. Ingo Raimon Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mag. Ingrid Reischl Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse

 
Gesundheitspolitik 8. Juli 2015

Sind „sauteure“ Medikamente ein Dammbruch?

Sollen Pharmafirmen einen möglichen volkswirtschaftlichen Nutzen neuer Medikamente mit einpreisen? Und wenn ja, gerät dann das Versicherungssystem ins Wanken? Ansichtssache.

„Wir stehen kurz vor der Zulassung neuer hochpreisiger Medikamente“, sagt die Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse. „Wir sind mit dem Hepatitis-C-Medikament (Anmerkung: Sovaldi®, siehe auch Standpunkte in der Ärzte Woche 5/2015) kalt erwischt worden. Wenn die Pharmaindustrie diese Strategie so weiterverfolgt, dann drängt sie damit die Versicherungen an den Rand der finanziellen Möglichkeiten und gefährdet die Versorgung der Patienten“, meint Ingrid Reischl und spricht von einem „Dammbruch“. Als gesundheitspolitische Gegenmaßnahme müssten daher verbindliche Regelungen für die Preisbildung von Medikamenten getroffen werden. Falls ein solches Reglement auf sozialpartnerschaftlicher Basis, sprich in direkten Gesprächen zwischen Sozialversicherung und Pharmawirtschaft, nicht zu erzielen sei, wären gesetzliche Maßnahmen zu treffen. Und zwar in Form von gesetzlich festgeschriebenen Rabatten. Am liebsten wären den Krankenversicherungen dabei gesamteuropäische Regelungen. Solche sind derzeit nicht in Sicht, weil die finanziellen Interessen der EU-Länder weit auseinander liegen (je nachdem, wie stark die Pharmaindustrie vertreten ist). Daher sei die heimische Gesundheitspolitik gefordert.

„Kosten, die heute für neue Medikamente ausgegeben werden, tragen morgen dazu bei, im Gesundheitswesen Geld zu sparen“, argumentiert hingegen die Pharmaindustrie. Der Preis eines neuen Arzneimittels orientiere sich am Vorteil, den es im Vergleich zu bisherigen Behandlungsmöglichkeiten bietet. Der Nutzen umfasse neben medizinischen Aspekten auch soziale und volkswirtschaftliche.

Medikamente nicht auf den Preis reduzieren

„Den Nutzen innovativer Arzneimittel anerkennen.“

Die Pharmaindustrie sieht sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, reiner Kostentreiber zu sein und lediglich hochpreisige Arzneimittel zu produzieren. Es wird der Industrie auch unterstellt, mit einer sogenannten neuen Preispolitik die Finanzierbarkeit des Systems zu gefährden. Fakt ist: Neue innovative Therapieoptionen sind mitunter günstiger als die bereits bestehenden Behandlungsmöglichkeiten – also der „Standard of Care“ –, wenn man die Kennzahl „Cost-per-Responder“ betrachtet. Die Entwicklung innovativer Therapien kostet jedoch auch Zeit und Geld. Sie deswegen auf ihren Preis bzw. die damit verbundenen Medikamentenkosten zu reduzieren, greift einfach zu kurz.

Der Preis eines neuen Arzneimittels orientiert sich in erster Linie an seinem Nutzen – sprich: am gesundheitsökonomischen Wert im Vergleich zu anderen bereits vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten. Im Rahmen umfassender Nutzenbewertungen wird ersichtlich, dass nicht nur möglichst wirksame und sichere Arzneien entwickelt werden, welche die Einnahme erleichtern, die Verträglichkeit verbessern und die Therapietreue erhöhen. Innovationen im Arzneimittelbereich führen auch zu Kosteneinsparungen im gesamten Gesundheitssystem, zu kürzeren Krankenstandzeiten, weniger Produktivitätsausfällen und zu Ersparnissen im Sozialbereich durch Vermeidung gesundheitsbedingter Pensionierungen.

Und wenngleich sie zurzeit medial zerrissen werden, sind es gerade auch die neuen Kombinationstherapien zur Behandlung von Hepatitis C (Genotyp 1), die einen derartigen gesamtwirtschaftlichen Nutzen haben. Und wenn man die Kosten der derzeitigen Therapien betrachtet, sind die neuen Behandlungsoptionen betreffend „Cost-per-Responder“ deutlich günstiger, als bereits bestehende Therapien.

Innovative Medikamente können also langfristig zu einer Kostenreduktion führen. Das Problem dabei ist jedoch: Die für das heimische Gesundheitswesen charakteristische Trennung in einen extra- und intramuralen Bereich mit unterschiedlichen Finanzierungsquellen führt in vielen Fällen dazu, dass der Zahler einer Leistung – etwa die Sozialversicherungen – nicht zwingend auch der ökonomische Nutznießer ebendieser Leistung ist. Zu Letzteren zählen nicht nur die Leistungsempfänger selbst sowie medizinische Einrichtungen, sondern auch Selbsthilfegruppen und die Wirtschaft.

Das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie regt daher einen klaren Ausgleich zwischen Kostenträger und ökonomischem Nutznießer an. Vor allem aber braucht es den Schulterschluss aller Akteure – vom Gesundheitswesen über die politischen Entscheidungsträger bis hin zur Wirtschaft. Und es braucht ein klares Verständnis sowie die Bereitschaft, den gesamtwirtschaftlichen Nutzen innovativer Arzneimittel anzuerkennen.

Willkürlicher Preisbildung einen Riegel vorschieben

„Auswüchse sind nicht zu argumentieren.“

Die jüngsten Präparate zur Behandlung von Hepatitis C haben eine neue Ära bei der Preisgestaltung von Medikamenten eingeläutet. Und sie könnten zur Nagelprobe dafür werden, wie die Pharmaindustrie ihre Preise künftig generell festsetzt. Daher gibt es aus einer gesundheitspolitisch verantwortungsvollen Sicht nur ein Credo: Wehret den Anfängen. Es kann nicht sein, dass einzelne Firmen ihre Marktstellung dazu nutzen, Gesundheitssysteme ganzer Länder an die Grenzen ihrer Finanzierbarkeit zu treiben. Doch genau das passiert, wenn – wie im aktuellen Fall – exorbitant hohe Medikamentenpreise für die Behandlung einer nicht seltenen Erkrankung wie Hepatitis C verlangt werden. In Zahlen gesprochen: Im Zeitraum zwischen März 2014, als die neuen Therapien verfügbar wurden, und April 2015 summierten sich die Ausgaben allein bei der Wiener Gebietskrankenkasse auf 30,2 Millionen Euro. Im ersten Quartal dieses Jahres entfielen bereits sechs Prozent der gesamten Heilmittelkosten nur auf diese eine Gruppe. Der Anstieg beim Aufwand für Arzneimittel liegt mit rund 10,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bereits im zweistelligen Bereich, die Hepatitis-C-Therapien verursachen zwei Drittel des Zuwachses.

Derartige Auswüchse sind weder mit Forschungskosten noch dem vermeintlich volkswirtschaftlichen Nutzen zu argumentieren. Sie sind unethisch, treiben einen Keil in die Versichertengemeinschaft, stellen die solidarische Krankenversicherung vor eine Existenzfrage und gefährden damit die Versorgung der Patientinnen und Patienten.

Nachdem sich aktuell in der Krebstherapie ähnliche Trends ankündigen, drängt die Zeit, um der weiteren willkürlichen Preisbildung einen Riegel vorzuschieben. Derzeit hat die Sozialversicherung in diesem Punkt kaum Spielraum, wenn neue Arzneien einen wesentlichen Patientennutzen nachweisen können. Das muss sich ändern. Ansätze dazu gibt es genug: So sollte die Laufzeit für ein Arzneimittelpatent generell überdacht werden. Die derzeit üblichen zehn bis 20 Jahre sind mitunter viel zu hoch angesetzt. Zu überlegen wäre außerdem eine automatische Preissenkung bei Patentablauf. Weiters sollten hoch spezialisierte und teure Medikamente ausschließlich in den entsprechenden Fachambulanzen der Spitäler abgegeben werden. Zur Versorgung chronisch Kranker braucht es die von der Politik längst zugesagten rechtlichen Voraussetzungen, um der Sozialversicherung den direkten Medikamenteneinkauf zu ermöglichen. Anzudenken wären zudem gemeinsame Preisverhandlungen von niedergelassenem Bereich und Spitälern.

Zu guter Letzt darf auch über die geltende Verschreibepraxis nachgedacht werden: Was spricht eigentlich dagegen, dass auf einem Rezept der Wirkstoff – und nicht wie derzeit üblich der Produktname – vermerkt wird und in der Folge der Apotheker das günstigste Präparat mit eben diesem Wirkstoff abgibt?

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 28/2015

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