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Gesundheitspolitik 24. Juni 2015

„Ärzteausbildung neu“ startet jetzt

Ist der beabsichtigte Qualitätssprung für die Spitäler erreichbar oder bleibt alles beim Alten?

Alle Jungärzte, die ab sofort ihre Ausbildung beginnen, müssen ins neue Ausbildungsschema, auch wenn derzeit noch manche Details ungeklärt sind. Für die Krankenanstalten bringt die Umstellung eine große Herausforderung mit sich. Sie stellt hohe Ansprüche an die Strukturen der Häuser und an die Kapazitäten der Ausbilder. Turnusärzte sollen vor dem Missbrauch als billige Systemerhalter geschützt werden. Das ist zumindest das Ziel der Reform.

Es war eine „schwere Geburt“. Fünf Jahre dauerte die „Schwangerschaft“ immerhin, gespickt mit zahlreich auftretenden „Komplikationen“. Jetzt aber ist das Baby geboren, auch wenn es noch so manche Nachwehe zu behandeln gilt.

„Die Ärzteausbildung neu ist seit 1. Juni Fakt“, sagt Dr. Sylvia Türk, Leiterin der Abteilung für Qualität im Gesundheitssystem, Gesundheitssystemforschung im Gesundheitsministerium. „Die Baustelle wird jetzt zusammengeräumt.“ Somit müssen alle Ärzte, die nach dem 1. Juni 2015 in die Ärzteliste eingetragen wurden, in das neue Ausbildungsschema. Turnusärzte, die vor diesem Stichtag ihre Ausbildung begonnen haben, machen hingegen im alten System fertig, auf einen Wechsel ins neue Schema haben sie keinen Anspruch, es sei denn, der Arbeitgeber stimmt dem ausdrücklich zu.

Die rechtliche Basis für die Ärzteausbildung neu bilden drei Gesetzesnovellen bzw. Verordnungen: Die mit Jänner in Kraft getretene Novelle des Ärztegesetzes, die neue Ärzteausbildungsordnung sowie eine Verordnung der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) zur Festlegung der Sonderfächer und deren Ausbildungsinhalte sowie der Gestaltung der entsprechenden Rasterzeugnisse. Für Letztere sind derzeit noch einige inhaltliche Details offen. „Die letzte Änderung von Rasterzeugnissen liegt 20 Jahre zurück, entsprechend groß und umfassend ist der Anpassungsbedarf.“

Gemeinsame Basisausbildung

Dessen ungeachtet startet in diesen Tagen in Innsbruck im direkten Anschluss an den Studienabschluss die erste Basisausbildung neu. Sie dauert neun Monate und ist ab sofort Grundlage sowohl für die Ausbildung zum Allgemeinmediziner als auch zum Facharzt. „Alle wesentlichen medizinischen Ausbildungsfelder sind in die Basisausbildung integriert“, erläutert Türk. Zuletzt schaffte auch noch die Neurologie den Sprung in das verpflichtende Curriculum.

Für diese Basisausbildung wurde ein eigenes Rasterzeugnis erstellt, sie muss an allen Standard-, Schwerpunkt- und Zentralkrankenanstalten angeboten werden, ausgenommen sind Reha- und Sonderanstalten. Eine gesonderte Anerkennung als Ausbildungsstätte ist nicht erforderlich. Sämtliche Rechtsträger können somit sofort damit beginnen auszubilden. Die ÖÄK sei nun in der Pflicht, möglichst rasch bundesweit einheitliche Logbücher dafür zu erarbeiten, meint Türk, denn am Ende soll „nicht die Zeit entscheidend sein für die erfolgreiche Absolvierung der Ausbildung, sondern die Abarbeitung des Logbuches.“

Neue Basisausbildung im KAV

Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) setze sich schon seit geraumer Zeit mit den bevorstehenden Änderungen in der Ärzteausbildung auseinander, erläutert Dr. Michaela Rauschmeier vom Geschäftsbereich Medizinmanagement und Sofortmaßnahmen. „Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie wir den Ausbildungskreislauf optimal mit dem Managementkreislauf abstimmen können. Einige Maßnahmen wurden auch schon vorab implementiert. So gibt es bereits jetzt ein KAV-internes Logbuch für die Turnusärzte, das dann an das bundesweite angepasst werden soll, sobald dieses vorliegt. Die Logbücher werden elektronisch ausgewertet, die Ergebnisse an die Primarärzte zurückgespielt, um zu Reflexionen, Nachbesserungen und Adaptierungen beizutragen.

Die neue Basisausbildung sieht beim KAV zweimal drei Monate Innere Medizin in zwei verschiedenen Schwerpunkten sowie drei Monate Chirurgie vor. Begleitet wird das Programm von Vorträgen, eigenständigen Fallpräsentationen oder abteilungsinternen Fortbildungen, die zum Teil von den Jungärzten selbst erarbeitet werden sollen. Die Reform sei „wohl notwendig, damit sich das System erneuert und die Ausbildungsqualität massiv erhöht“, so Rauschmeier, es „stellt uns als Krankenhaus aber gleichzeitig vor große administrative und organisatorische Herausforderungen, die da zusätzlich zur Arbeitszeitneuregelung auf uns zurollen. Das wird ein schwieriger Prozess. Wir müssen das schaffen – und wir werden das auch schaffen, aber es wird noch einige Zeit für die Umstellung brauchen.“

Im Anschluss an die Basisausbildung steht für Fachärzte eine 63-monatige Facharztausbildung, für Allgemeinmediziner eine 33-monatige Ausbildung bestehend aus Spitalsturnus und Lehrpraxis auf dem Programm. Diese weiterführenden Module dürfen nur von dafür zertifizierten Ausbildungsstätten durchgeführt werden. Auch derzeit zugelassene Spitäler müssen um eine entsprechende Neuanerkennung ansuchen. Dafür ist ein schriftliches Ausbildungskonzept ebenso vorzulegen wie der Nachweis über die Durchführung der in § 15 Abs. 5 GuKG genannten Tätigkeiten durch den Pflegedienst. Damit sollen Turnusärzte zukünftig besser als bisher vor einem Missbrauch als billige Systemerhalter geschützt werden. Ob die vorgesehenen Maßnahmen am Papier dann in der Praxis aber auch greifen, werden wohl erst die geplanten Evaluierungen zeigen. Apropos Evaluierung: Die Anerkennungsbescheide können auch mit entsprechenden Auflagen versehen sein und sind auf sieben Jahre befristet. Danach ist eine Re-Zertifizierung erforderlich. Alle Träger müssen bis März 2016 bekanntgeben, welche Module sie wo ausbilden wollen, denn die Turnusärzte haben einen Rechtsanspruch darauf, schon während ihrer Basisausbildung zu erfahren, welche weiteren Möglichkeiten ihnen im Haus geboten werden.

Den Abschluss der Ausbildung zum Allgemeinmediziner bildet die sechsmonatige Lehrpraxis. Neben ihrer Finanzierung sorgte zuletzt vor allem ihr zeitlicher Umfang für heftige Debatten. Die Ärztekammer hat sich vehement für zwölf Monate ausgesprochen, musste sich aber schließlich – zumindest vorerst, wie Präsident Artur Wechselberger gerne betont – mit der Hälfte zufrieden geben. Im Bundesministerium hingegen sieht man keinen Bedarf für eine Verlängerung. „Wir haben niemanden gefunden, der zwölf Monate Lehrpraxis wollte“, meint Türk. Es gäbe lediglich „eine kleine Minderheit, die die Mehrheit traktiert“.

Führungsverhalten verbessern

Gehen wir der Frage nach, ob es mithilfe der Novelle tatsächlich zu einer nachhaltigen Qualitätssteigerung der Ärzteausbildung in Österreich kommt, dann sagt Dr. Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsges.m.b.H.: „Ich sehe in der Ärzteausbildung neu eine große Chance für uns.“ Er spricht von einer „Zäsur, die wir nützen müssen“.

Neben fachlichen, organisatorischen, personellen und finanziellen Verbesserungen gehe es um die emotionale Komponente, speziell um die Wertschätzung gegenüber Jungmedizinern. Die sogenannte „Generation Y“ sei zwar kritischer und selbstbewusster als frühere Generationen, würde aber Vertrauen, Wärme und einen entsprechenden Rückhalt am Arbeitsplatz brauchen. „Auf dieser Ebene müssen wir zukünftig noch deutlich mehr arbeiten, das bringt viel.“

Dr. Alexandra Kofler, Ärztliche Direktorin am Landeskrankenhaus-Universitätskliniken Innsbruck, ortet ein Führungsproblem. Das zeige sich an Abteilungen, die gut geführt werden, dort gäbe es weder ein Rekrutierungs- noch ein Qualitätsproblem in der Ausbildung. „Wenn die Jungärzte von ihrem Chef überzeugt sind, dann gehen sie mit ihm mit, wenn nicht, dann gehen sie woanders hin“, sagt Kofler und spricht von einem selbst produzierten „Pseudo-Ärztemangel“. Auf Führungskompetenz müsse mehr Wert gelegt werden, was sich auf die Ausbildungsqualität auswirken werde. „Wir müssen uns auf die geänderten Bedürfnisse und Gewohnheiten einstellen. Das erfordert eine andere Art der Führung.“ Kofler sieht die Ausbildungsordnung neu als „riesige Chance, gleichzeitig auch als gewaltige Herausforderung. Es ist die Frage, ob wir es unter den gegebenen Prämissen schaffen, diese Chance wahrzunehmen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 26/2015

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