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© Barbara Grabenbauer

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Dr. Maria Kletečka-Pulker Institut für Ethik und Recht in der Medizin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Herwig Lindner Präsident der Ärztekammer für Steiermark

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Petra Halwachs

DKS Ursula Frohner Österr. Gesundheits- und Krankenpflegeverband

 
Gesundheitspolitik 24. Juni 2015

Kommt die Impfpflicht für das Krankenhauspersonal?

„Mitarbeiter, die sich nicht impfen lassen wollen, haben in Spitälern nichts zu suchen“, sagt Arnold Pollak von der Bioethikkommission. Die Kommission fordert eine Impfpflicht für alle Beschäftigten.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die Bioethikkommission eine Stellungnahme zum Thema Impfen. Sie fachte damit die Debatte über die Sinnhaftigkeit einer Impfpflicht für besonders gefährdete Berufsgruppen im Gesundheitsbereich wieder an. Die Empfehlung der Kommission ist eindeutig – und entspricht in ihrer Klarheit eher einer Forderung als einer Empfehlung. Demnach hätten alle Mitarbeiter im Gesundheitswesen eine „ethische Verpflichtung, sich impfen zu lassen“.

Kommissionsmitglied Prof. Dr. Arnold Pollak, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der MedUni Wien, wird deutlich: Er forderte eine „gesetzliche Impfpflicht für alle Mitarbeiter in Spitälern und anderen Einrichtungen, die mit besonders vulnerablen Patienten befasst sind“. Pollak begründet seine Forderung damit, dass diese Personengruppen ein „erhebliches Gefährdungspotenzial“ für Patienten darstellen.

Pollak spricht sich außerdem für eine Impfpflicht für das Personal von Kindergärten und Schulen aus. Zahlreiche Kommissionsmitglieder sehen das ähnlich, eine entsprechende Forderung in der schriftlichen Stellungnahme findet sich dazu aber nicht. Das Ministerium will die Notwendigkeit einer Impfpflicht für Spitalsmitarbeiter prüfen und schließt Gesetzesinitiativen nicht aus. Die Stellungnahme der Kommission finden Sie online zum Download unter: https://www.bka.gv.at/ site/3458/default.aspx

Medizinrechtliche Herausforderung

„Bestimmte Impfungen als Berufsvoraussetzung festlegen.“

Das Thema Impfen ist nicht nur aus gesundheitspolitischer und ethischer Sicht spannend, sondern es stellen sich in diesem Zusammenhang auch viele medizinrechtliche Fragen. Etwa die, ob Eltern das Kindeswohl verletzen, wenn sie ihr Kind nicht impfen oder wie Schulärzte rechtmäßig aufklären können. Nicht zuletzt sind die haftungsrechtlichen Folgen bei möglichen Impfschäden relevant.

Besonders intensiv wird aber derzeit diskutiert, ob man möglicherweise wieder partiell eine Impfpflicht einführen soll. Es geht dabei immer um die Frage, mithilfe welcher Maßnahmen erreicht werden kann, dass die sogenannte Herdenimmunität hergestellt wird, die nicht nur zum Wohl der Gesellschaft, sondern letztendlich auch zum Wohl jedes Einzelnen ist.

Die Diskussion ist nicht neu. Bereits 1800 gab es Debatten, ob eine Impfpflicht eingeführt werden sollte. Und schon damals gab es Impfkritiker, die dieser Präventivmaßnahme aus unterschiedlichen Gründen sehr skeptisch gegenüberstanden. In Österreich hat man primär immer auf die Freiwilligkeit der zu impfenden Bevölkerung gesetzt und versucht durch Information und Aufklärung die Leute zu motivieren. Nur kurze Zeit gab es eine Pflichtimpfung für Pocken.

Meiner Ansicht nach sollte man Anreize schaffen, zum Beispiel finanzielle, um die Impfmotivation zu stärken, statt auf Sanktionen zu setzen. Entscheidend für den Erfolg sind letztendlich Aufklärung sowie Information, die nunmehr sehr intensiv vom Gesundheitsministerium betrieben wird. Ganz zentral ist hier freilich auch die Rolle der Schul- und Hausärzte.

Anders stellt sich die Situation bei Berufsgruppen dar, die mit schwer kranken und immun schwachen Personen arbeiten. In diesem Fall wäre es zulässig, bei neuen Mitarbeitern zu verlangen, dass sie bestimmte Impfungen haben müssen und diese als Berufsvoraussetzung festzulegen. Dies wäre im Sinne der Patientensicherheit empfehlenswert, da ich mir als kranker Patient oder Angehöriger, etwa eines schwer kranken Kindes, wünschen würde, dass von den betreuenden Mitarbeitern der Gesundheitsberufe keine gesundheitliche Gefahr ausgeht.

Unsere Großzügigkeit geht zu weit

„Ärzte-Mehrheit für eine komplette Impfpflicht.“

Dieser Tage gab es eine erfreuliche Meldung: In Amerika gelten die Röteln als ausgerottet. Unerfreulich ist diese Nachricht für Europa. Denn wir sind – auch in Österreich – noch weit weg von solchen Erfolgen. Nun gibt es auch in Amerika Kontroversen mit Impfgegnern. Aber es gibt eine klare Politik, Impfungen bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Gesundheitseinrichtungen genauso wie für Kinder in Schulen und Kindergärten durchzusetzen.

In Österreich fehlt es zwar nicht an klaren Aussagen, man denke nur an die Impfempfehlungen des Obersten Sanitätsrats. Es gibt großzügige Gratisimpfprogramme, aber eben auch eine sehr großzügige Haltung gegenüber Impfverweigerern, gespeist aus einer traditionell liberalen Grundhaltung, die ja grundsätzlich zu begrüßen ist.

Teil des Problems ist auch, dass die Kontroversen mit Impfgegnern medial meist als Duell eins gegen eins inszeniert werden und so die Tatsache verwischt wird, dass die überwiegende Mehrheit sehr genau weiß, wie hilfreich Impfen ist.

Aber wenn, wie kürzlich, eine ungeimpfte Schwesternschülerin an einer Kinderabteilung an Masern erkrankt und eine Notfallaktion auslöst, ist die Frage zu stellen, ob die Großzügigkeit nicht zu weit geht und der Schutz von Patienten – aber auch von Kolleginnen und Kollegen – nicht ein so wichtiges Menschenrecht ist und weniger zählt als die Freiheit, das Impfen zu verweigern.

Das Risiko, in Österreich von einem Terroristen getötet zu werden, ist weit geringer als das, unverschuldet eine gefährliche Infektionskrankheit zu bekommen oder sie zu verbreiten. Eine komplette Impfpflicht für Health Professionals sollte offen diskutiert werden. Die Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte ist dafür. Bis zum Abschluss der Diskussion, die in Österreich länger dauern kann (siehe Rauchverbote), wäre aber sicherzustellen, dass zumindest in sensiblen Bereichen wie Erstaufnahme, Infektions- und Kinderabteilungen, Intensivstationen etc. nur geimpftes Personal arbeitet. Dazu muss man jedenfalls keine europäische Grundphilosophie ändern, nur ein paar Dienstpläne.

Leistungsangebot und Vorbildwirkung anpassen

„Potenzielle Multiplikatoren für höhere Durchimpfungsrate.“

Rund um die Diskussion für eine verpflichtende Impfung aller Pflegepersonen gilt es zu definieren, für welche konkreten Impfungen dies einzuführen wäre. Ebenso ist eine Priorisierung der notwendigen Impfungen für das gesamte Gesundheitspersonal vorzunehmen. Gleichzeitig ist es erforderlich, für die jeweiligen Zielgruppen abgestimmte Informationen zur Aufklärung und als Teil der Überzeugungsarbeit sowie kostenlose Impfungen zur Verfügung zu stellen. Dies betrifft die Mitarbeiter der Pflegepraxis, aber auch in Ausbildung befindliche künftige Pflegepersonen, die durch ihre Praktika während ihrer Ausbildung direkten Patientenkontakt haben.

Die Bedeutung eines adäquaten Impfschutzes und notwendige Strategien, diese Informationen auch im Rahmen der Gesundheitsberatung für die Menschen zur Verfügung stellen zu können, sollten bereits in der Ausbildung für die Gesundheits- und Krankenpflege, also in den entsprechenden Curricula, verankert sein.

Aus Sicht der Krankenhausträger und Gesundheitseinrichtungen sind verpflichtende Kriterien für den Impfschutz der Mitarbeiter in Risikobereichen wie beispielsweise auf Frühgeborenen-Stationen oder im Intensivbereich zu erstellen, welche zwingend mit einer Tätigkeit in diesen Bereichen verbunden sind. Ein sehr geeigneter Ansatzpunkt wäre auch, Menschen im Rahmen der Primärversorgung – also flankierend zur derzeitigen Versorgung durch die Allgemeinmedizin – über die Notwendigkeit eines Impfschutzes zu informieren und in der Folge diesen auch zielgruppennahe, insbesondere für bildungsferne Schichten, Impfaktionen anzubieten. Zur Steigerung des Impfschutzes wären Gesundheits- und Krankenpflegepersonen prädestiniert, etwa bei schulpflichtigen Kindern im Rahmen der Schulgesundheit oder im Rahmen der Familiengesundheitspflege beratend und unterstützend diese präventive Gesundheitsmaßnahme umzusetzen.

Tatsache ist, dass die Gesundheitsberufe den enorm veränderten Gesellschaftsstrukturen insgesamt, insbesondere den Impfschutz betreffend, ihr Leistungsangebot und ihre Vorbildwirkung anzupassen haben.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 26/2015

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