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Gesundheitspolitik 8. Juni 2015

Kärnten ist überall

Die Belastung der Österreicher mit Industrie-Schadstoffen erreicht „ernst zu nehmende“ Dimensionen.

Skandale wie jener im Kärntner Görtschitztal machen deutlich, dass mehr Information über die Belastung der Österreicher mit Industriechemikalien nötig ist. Das Biomonitoring des Umweltbundesamtes erfasst Vergleichsdaten für Phthalate, Bisphenol A und HCB.

Das Land Kärnten stoppte vergangenen Mittwoch die Abbauarbeiten bei der Altlastendeponie der Donau Chemie in Brückl am Mittwoch per sofortige Verfügung gestoppt. Grund dafür sind laut HCB-Krisenkoordinator Albert Kreiner deutlich erhöhte Werte von Hexachlorbutadien (HCBD), die dort in der Luft gemessen wurden.

HCB ein Akronym, das in Kärnten jedes Kind kennt. Am 26. November 2014 wurde Hexachlorbenzol in Milch und Futtermittel von Betrieben im Kärntner Görtschitztal festgestellt. Im Jänner 2015 lagen dann die Ergebnisse der Blutuntersuchungen von Anrainern vor. Die Werte lagen bei zehn Proben über der tolerierten Tagesdosis. Ernährungspläne für die Betroffenen wurden ausgearbeitet. Die Wut der Bevölkerung entlud sich bei Informationsveranstaltungen. Vor allem die Sorge um die eigenen Kinder macht den Eltern zurecht Angst (siehe Interview „3 Fragen, 3 Antworten“).

Seither ist das Thema zwar medial etwas abgeflaut, hinter den Kulissen wird jedoch weiter gemessen und geforscht. Das Umweltbundesamt hat in einer umfangreichen Studie die Belastung der ÖsterreicherInnen mit einigen der meist verbreiteten Industriechemikalien, Phthalate und Bisphenol A, aber eben auch HCB, untersucht. Bei allen 600 Studienteilnehmern wurden Phthalate nachgewiesen. Nur wenige Personen sind mit Bisphenol A belastet. Insgesamt sind die gefundenen Konzentrationen geringer als im internationalen Vergleich. Erstmals wurden auch Referenzwerte für Österreich abgeleitet. Sie spiegeln die Belastung wider, die bei 95 Prozent der Bevölkerung vorliegt. In einer Untersuchung zu Hexachlorbenzol wurden im Rahmen der Untersuchung von fast 100 Personen erstmals Vergleichsdaten für Österreich bestimmt.

Insgesamt wurden 14 Stoffwechselprodukte der Substanz im Harn analysiert. Kinder sind die am stärksten belastete Gruppe; nur Monoethylphthalat ist bei Erwachsenen in wesentlich höheren Konzentrationen zu finden. Frauen weisen höhere Konzentrationen als Männer auf.

Bei den meisten Studienteilnehmern wurde nicht nur ein Stoffwechselprodukt, sondern gleich mehrere unterschiedliche nachgewiesen.

Über Bisphenol A und Phthalate

Nur wenige Studienteilnehmer (16 %) sind mit Bisphenol A belastet. Die Konzentration sinkt mit zunehmendem Alter. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind folgende: Phthalate werden als Weichmacher in Kunststoffen eingesetzt und gelten als höchst gesundheitsgefährdend. Sie beeinflussen das Hormonsystem und die Reproduktionsfähigkeit und können den Fötus im Mutterleib schädigen. Sie werden vorwiegend mit der Nahrung, aber auch über Luft und Haut aufgenommen. Bisphenol A wird u. a. für die Herstellung von Polykarbonaten, Epoxidharzen, Thermopapier und PVC verwendet. Die Substanz ist endokrin wirksam und beeinflusst das Hormonsystem und die Fruchtbarkeit. Studien zeigen Zusammenhänge mit u.a. kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes. Die Umweltbundesamt-Studie ist Teil der Dissertation „Human Biomonitoring of Phthalates and Bisphenol A Exposure in Austria“, deren Ergebnisse im International Journal of Hygiene and Environmental Health veröffentlicht wurde. Sie basiert auf der Datengrundlage des Instituts für Ernährungswissenschaften der Universität Wien im Rahmen der vom Gesundheitsministerium finanzierten Studie zum österreichischen Ernährungsbericht, und wurde durch ein Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie durch das BMFLUW finanziert.

Konzentrationen im Blutplasma

Bislang gab es nur spärliche Informationen über die Belastung der Österreicher. Im Rahmen der Untersuchung wurde basierend auf Mischproben die durchschnittlichen Konzentrationen im Blutplasma von 97 Männern und Frauen im Alter von 20 bis 69 Jahren aus zumeist ländlichen Regionen (mit Ausnahme des Krisenfalls Kärnten) ermittelt. Die Konzentrationen in der übrigen österreichischen Bevölkerung liegen zwischen 0,15 μg/l und 0,6 μg/l und nehmen mit steigendem Alter deutlich zu. Frauen sind tendenziell stärker belastet als Männer.

Vom Hexachlorbenzol

Hexachlorbenzol (HCB) wurde als Fungizid in der Landwirtschaft zur Saatgutbehandlung und in Holzschutzmitteln sowie als Zusatzstoff in PVC-Produkten und Klebstoffen eingesetzt. Zusätzlich kann die Substanz als Nebenprodukt in der Kunststoff- und Lösemittelherstellung entstehen. HCB ist ubiquitär verbreitet, persistent in der Umwelt und kann über die Nahrungskette akkumulieren. Die Aufnahme kann oral, dermal und über die Lunge erfolgen. Zusätzlich gelangt es über die Muttermilch in den Säugling. HCB ist ein potenzielles Kanzerogen.

Das Human-Biomonitoring

Human-Biomonitoring, ein Instrument der gesundheitsbezogenen Umweltbeobachtung, erfasst die Belastung des Menschen mit Umweltschadstoffen. Das Umweltbundesamt betreibt seit 2008 ein akkreditiertes Human-Biomonitoring-Labor und leitet die Plattform für Human-Biomonitoring.

Martin Burger, Ärzte Woche 24/2015

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