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Alte und neue Formen der Landwirtschaft: Bäuerin in Indien und Labormitarbeiter von Bayer CropScience.
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Was macht Hühner glücklich? Gegensätze in der Nutztierhaltung in Indien (Bangaruswami Soundararajan Vorstandsvorsitzender eines Hühner-Konzerns) und bei den Herrmannsdorfer Langwerkstätten in Glonn, Deutschland.

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Was macht Hühner glücklich? Gegensätze in der Nutztierhaltung in Indien (Bangaruswami Soundararajan Vorstandsvorsitzender eines Hühner-Konzerns) und bei den Herrmannsdorfer Langwerkstätten in Glonn, Deutschland.

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Spekulation mit den Grundlagen unserer Existenz: Agrar-Rohstoff Börse in Chicago (li.) und Saatgutbank in Indien.

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Spekulation mit den Grundlagen unserer Existenz: Agrar-Rohstoff Börse in Chicago (li.) und Saatgutbank in Indien.

 
Gesundheitspolitik 8. Juni 2015

Wir machen uns vom Acker

Im Westen wird die Nahrungsmittelproduktion vom Land in sterile Labors verlagert.

Ein neuer Dokumentarfilm von Valentin Thurn zeigt zwei Welten: So rasant sich die Produktivität der Industrieländer steigert, mit der Effizienz der Kleinbauern in Afrika und Südasien können selbst die großen Konzerne und ihr Hybridsaatgut noch nicht mithalten.

Der Mann mit der Fliege ist jetzt richtig wütend: „Sind sie genauso blöd wie die Politiker?“ Doch Valentin Thurn ist weder das eine noch das andere. Der Filmemacher hat gut recherchiert und treibt den Händler mit Agrar-Rohstoffen an der Chicagoer Börse und Gründer des milliardenschweren Quantum Fonds mit seinem hartnäckigen Nachbohren zur Verzweiflung. Nach Drehschluss räumt er zwar ein, dass Rogers nicht ganz unrecht habe. Wenn dieser sage, die Preise an der Börse würden kräftig steigen müssen, weil die Bauern nur dann genügend Nahrungsmittel produzieren könnten, habe der Börsianer grundsätzlich recht. Aber das sei eben nur die halbe Wahrheit. Denn in der Realität schwanken die Preise und das sei fatal für Millionen Kleinbauern.

Thurn ist ein schlauer Filmemacher, der sein Handwerk versteht: „Guru“ Rogers hat er vor den Dreharbeiten zu „10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?“, seinem neuen Dokumentarfilm, schon einmal interviewt. Das sagt er aber im Film nicht dazu, sondern lässt das weißhaarige Zornbinkerl so richtig auflaufen. Die Szenen mit Rogers, gedreht an der Chicagoer Warenbörse, ist ein Blick ins Zentrum des Lebensmittelhandels westlicher Prägung. Sie soll eines zeigen: Selbst hier, wo mit Nahrung als abstrakten Größen spekuliert wird, gibt es nicht die eine befriedigende Antwort auf die Frage, die der Film stellt. Eine der drängendsten Fragen überhaupt: Fast eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern, viele andere leben in verschwenderischem Überfluss. Die wachsende Weltbevölkerung macht es erforderlich, mehr Nahrung zu produzieren.

Aber wie soll das gehen, ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören? Die konventionelle und hoch technisierte Landwirtschaft stellt den Umweltschutz vor große Probleme. Ackerbau und Viehzucht heizen die Erderwärmung an, die Landwirtschaft ist der größte Verbraucher von Süßwasser, ein gewaltiger Umweltverschmutzer und Vernichter der ökologisch wichtigen Artenvielfalt.

Auch Valentin Thurn hat nicht die eine Antwort, aber viele. „Und es wäre auch falsch, wenn man die Sehnsucht nach einfachen großen Lösungen schürt. Es ist falsch, wenn man sagt, der Weltmarkt löst das Problem, genau das macht uns anfällig. Es sind die vielen kleinen Lösungen, die das System stabilisieren.“

Thurn, der rastlose Dokumentarfilmer: Er besucht Jes Tarp, Vorstandsvorsitzenden der Aslan Group, die Soja-Farmen in der Ukraine und in Afrika betreibt. Er geht mit ihm über dessen Felder in Mosambik. Die müssen nach einem schweren Regen mit der Hand bearbeitet werden. Tarp weist in Gutsherren-Manier einen Arbeiter zurecht, der dem Unkraut nicht gewachsen zu sein scheint. „Was der da macht, ist völlig sinnlos.“ Und macht vor, wie man eine Staude samt Wurzeln aus dem Boden zieht. Thurn dazu: „Das ist der Stolz von jemanden. Der soll ungebrochen sein. Es ist ja auch eine unternehmerische Leistung, die er erbringt. Gleichzeitig hat er aber einen ökologischen blinden Fleck.“ Der Fleck ist recht groß: Als Tarp auf ein Stück Urwald zeigt und sagt: „Sehen sie, so hat es früher hier ausgesehen“, um dann – die Kamera schwenkt auf die Soja-Monokultur – sein Werk zu preisen: „Und so sieht es jetzt hier aus“. Zumindest hat der Großgrundbesitzer für seine Farm niemanden enteignet, kein Kleinbauer hat sein Land verloren.

Thurn will‘s wissen: Was bringen die großtechnischen Lösungen am Ende des Tages für die Welternährung? Sein Fazit: „Wir können noch so viel erzeugen, wenn es zu teuer ist, bringt das nichts.“

Im Film gezeigt werden: Salat, der ohne Tageslicht und ohne Erde in der japanischen Pflanzenfabrik Spread Inc. angebaut wird. Trotz hoher Energiekosten für künstliches Licht, arbeitet Fabriksbesitzer Shinji Inada rentabel, weil er neunmal im Jahr ernten kann. Ebenfalls auf dem Präsentierteller serviert werden Hamburger, die aus künstlichem Fleischgewebe bestehen. Dieses Faschierte aus dem so genannten „Cultured Beef Project“, das in Maastricht produziert wird, hat Thurn beeindruckt: „Zuerst war da ein gewisser Ekel, aber wenn die das wirklich schaffen, das auf ein Preisniveau zu drücken wie normales Fleisch, dann wird es das im Supermarkt geben in 20 Jahren.“ Aber eine Lösung für die Welternährung sei das nicht, vielleicht für uns hier, „das ist kapitalintensiv, das wird in Afrika oder Südasien den Kleinbauern und Armen, die dort drei Viertel der Bevölkerung ausmachen, nichts nützen“.

Dort brauche es angepasste Lösungen, wie etwa Insektenfarmen. Die Kleinbauern seien das Rückgrat der Welternährung. „Sie ernähren zwei Drittel der Menschheit, das muss man kapieren.“ In Europa sei regionale Landwirtschaft gut für den Erhalt der Kulturlandschaft in der Dritten Welt sei sie hingegen lebensnotwendig.

Die neuen Unabhängigen

Kleinbauern holen im Durchschnitt mehr aus dem Hektar Land heraus als Großfarmen. Das liegt an billigen, in großer Zahl verfügbaren manuellen Arbeitskräften, sagt Thurn. Sie wirtschaften nahezu ökologisch, aber mit dem Unterschied, dass durch den Einsatz ihrer Hände auch kleinste Unterschiede im Relief und der Bodenbeschaffung beim Anbau berücksichtigt werden, während große Landmaschinen nur in einem groben Raster fahren können. Einer dieser Effizienzweltmeister ist Fanny Nanjiwa Likalawe. Die Gemüsebäuerin lebt in Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt, das unter den Schwankungen der Weltmarktpreise leidet. Ein deutsches Entwicklungshilfeprojekt verhalf ihrem Dorf zu sauberem Trinkwasser und unterstützte sie dabei, sich weiter von den Erzeugnissen ihrer Felder ernähren zu können. „Früher hatten wir 10 bis 15 Familien, die an Hunger litten. Unsere Unabhängigkeit hat das verändert.“ Das Schöne an Fanny ist ihre üppige Figur. „Sie sah nicht immer so aus“, meint Thurn. Wenn man Ernährungssicherheit in einem Land wie Malawi anstrebe, dürfe man das Thema Gesundheit nicht ausblenden. Menschen, die ständig Durchfall haben, brauche auch mehr Kalorien. Fannys von Frauen dominierte Gemeinde erhielt von den deutschen Entwicklungshelfern keine Solarbrunnen, sondern sie bauten klassische Ziehbrunnen, die man von Hand bedienen muss. Den Lehm für ihre Tonöfen findet sie hinterm Haus. Die Schablonen, um die Kochstellen vorzuformen, erhielten sie als Einstandsgeschenk von Thurns Filmcrew.

Aber wird es überhaupt so schlimm wie befürchtet? Es gibt Prognosen, die besagen, dass es im weltweiten Schnitt bergab geht mit der Geburtenrate, was eine stabilisierende Wirkung auf das Bevölkerungswachstum habe. Davon will Thurn nichts wissen: „Nach 2050 wird die Prognose unscharf, aber die Mütter von morgen sind ja schon geboren, es wird sich zwischen 9,5 und 10,5 einpendeln.“

Und ist die Weltbevölkerung erst einmal annähernd im zweistelligen Milliardenbereich angekommen, ist es zu spät sich über Lösungen Gedanken zu machen.

Die gute Nachricht lautet: Wir wissen jetzt schon, was zu tun wäre. National Geographic brachte im Vorjahr über einen 5-Punkte-Plan heraus, der alle satt machen soll:

• Ende der Flächenvernichtung: Wo heute Wald gerodet wird, nützt dies nur sehr selten den 850 Millionen Menschen auf der Welt, die Hunger leiden. Auf vielen neuen Flächen werden Rinder für die wachsende Nachfrage nach Fleisch gezüchtet – oder das Soja für ihre Mast. Andernorts wird abgeholzt für Palmölplantagen, zur Gewinnung von Biosprit und für Kosmetika. Weitere Entwaldung zu vermeiden hat höchste Priorität.

• Steigerung der Erträge: Die erste „Grüne Revolution“ zu Beginn der sechziger Jahre brachte verbesserte Getreidesorten, mehr Düngemittel, moderne Bewässerungsmethoden und Maschinen. Sie steigerte die landwirtschaftlichen Erträge vor allem in Asien und Lateinamerika, verursachte aber auch große Umweltschäden. In der zweiten Phase kann sich die Welt den übrigen, wenig produktiven Ackerflächen zuwenden, besonders in Afrika, Lateinamerika und Osteuropa. Hier klaffen zwischen realen Ernten und möglichen Erträgen gewaltige Lücken. Mithilfe verbesserter Anbaupraktiken sowie Verfahren aus der ökologischen Landwirtschaft kann man in diesen Regionen die Erträge um ein Mehrfaches steigern – ohne die ökologischen Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

• Effizientere und nachhaltige Nutzung von Wasser und Dünger: Die konventionelle Landwirtschaft macht heute große Fortschritte bei der Suche nach innovativen Wegen, Düngemittel und Pestizide sparsam und zielgerichtet auszubringen. Dabei helfen computergesteuerte Maschinen, die auf jeder Fläche die Erträge automatisch erfassen und die dazugehörige Position mit GPS abgleichen. So können maßgeschneiderte Düngermischungen exakt auf die jeweiligen Bodenbedingungen abgestimmt werden. In der Folge geraten auch weniger Chemikalien in umliegende Gewässer. Daneben wächst der ökologische Landbau. Er verbessert die Böden durch Gründüngung, das Aufbringen von Mulchmaterial und Kompost. Das spart Wasser und bewirkt eine natürliche Anreicherung mit Nährstoffen. Neue Bewässerungssysteme verschwenden zudem weniger Wasser; sie setzen auf zielgenaue Tropfbewässerung.

• Die Welt kann im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen ernähren, wenn wir nicht so viele pflanzliche Produkte an Tiere verfüttern. Nur gut die Hälfte aller weltweit produzierten pflanzlichen Kalorien essen wir direkt, mehr als ein Drittel dient als Futter für Rinder, Schweine und Hühner, knapp ein Zehntel wird zu Biokraftstoff und Industrieprodukten verarbeitet. Von 100 Kalorien aus Tierfutter kommen über Milch nur 40 Kalorien beim Menschen an, bei Eiern gerade mal 22. Bei der Produktion von Hühnerfleisch bleiben von 100 eingesetzten Kalorien zwölf für den Menschen übrig, beim Schweinefleisch sind es zehn, beim Rind gerade noch drei. Wenn wir weniger Fleisch essen, wird das große Mengen an Nahrung freisetzen. Wegen des Nachholbedarfs von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern ist es sinnvoll, das Essverhalten zunächst in Ländern zu korrigieren, in denen fleischreiche Kost seit langem der Standard ist, also auch bei uns.

• Stopp der Verschwendung und Vernichtung genießbarer Lebensmittel: In Wien wird täglich mehr Brot weggeworfen als die Stadt Graz verzehrt, 157.000 Tonnen Lebensmittel landen in Österreich jährlich im Müll. Weltweit gehen etwa ein Viertel aller erzeugten Nahrungskalorien verloren oder landen auf dem Mist, ehe sie konsumiert werden können. In reichen Ländern geht die Verschwendung zu großen Teilen auf das Konto von Supermärkten, Restaurants und Haushalten, in armen Ländern sind Mängel bei Lagerung und Transport vom Erzeuger zum Markt die Ursache großer Verluste. Frankreich hat eine viel beachtete Pionierleistung erbracht: Hier müssen Supermärkte abgelaufene Waren spenden, kompostieren oder zu Tierfutter verarbeiten.

Es geht um die Wurst

Richtige Männer essen viel Fleisch. Trotzdem hat McDonald‘s ein Problem. Nicht der 75. Geburtstag der Fast-Food-Kette ist gemeint, sondern der aktuelle Geschäftsrückgang der Traditionsmarke. In den USA wurden im vergangenen Quartal 15 Prozent weniger Umsatz gemacht. Auch in Europa, Asien und im Hoffnungsmarkt Russland sinken die Umsätze. Wer gehofft hat, dass der Menschheit so allmählich die Lust an der Faschierten-Semmel vergeht, täuscht sich. Burger ist mittlerweile ein ganz normales Lebensmittel, das allerorts angeboten wird.

Prognose

Die Bevölkerungsexplosion ist abgesagt, berichtet das Wissenschaftsmagazin „Terra Mater“. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Kindersterblichkeit sinkt. Die Folge: Es sind weniger Kinder nötig, um sicherzustellen, dass es einige bis ins Erwachsenenalter schaffen. Mehr Frauen im Job sind ein zweiter Grund. Die Geburten fänden immer später statt, weil viele Frauen ihre Karrieren vorantreiben. Der Zugang zur Verhütung ist leichter geworden, Kindersegen ist keine Unvermeidlichkeit mehr, die Wunschfamilie wird zur Regel. Besser gebildete Frauen gehen arbeiten oder wollen arbeiten gehen, verlangen Verhütung und bevorzugen kleine Familiengrößen. Alles zusammen ergibt eine sinkende Geburtenrate. Die Weltbevölkerung bleibt gleich.

Martin Burger, Ärzte Woche 24/2015

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