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© Pharmig/Pilo Pichler

Dr. Jan Oliver Huber Generalsekretär der Pharmig

 
Gesundheitspolitik 10. Juni 2015

Tierliebe in Zeiten medizinischer Durchbrüche

Die medizinische Forschung ist noch immer auf Tierversuche angewiesen. Das gefährdet den wissenschaftlichen Fortschritt, meint der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“.

Die „Gesellschaft für Virologie“ vertritt als wissenschaftliche Fachvertretung mehr als 1.000 Ärzte, Tierärzte und Naturwissenschaftler in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aus Anlass einer Debatte über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Tierversuchen in der medizinischen Versorgung im EU-Parlament, plädierte Virologen-Präsident Dr. Thomas Mertens für die Beibehaltung.

Anlass war eine Petition zur kompletten Abschaffung von Tierversuchen. Ein solches Vorhaben hätte „katastrophale Folgen für die Forschung in Europa, die Patientenbehandlung und Prophylaxe weltweit sowie für die Volkswirtschaft“, schrieb Mertens in einem offenen Brief an die Abgeordneten. Die großen Erfolge der jüngeren Vergangenheit bei Therapeutika und Impfstoffen wären ohne Tierversuche nicht möglich gewesen, sagt Mertens. Derzeit vollziehe sich allerdings „offensichtlich ein gesellschaftlicher und politischer Abwägungsprozess, in dem entschieden werden müsse, ob wir in Zukunft großen Seuchen mithilfe der biomedizinischen Forschung entgegentreten, oder ob wir den Tierschutz höher gewichten als das Leben und die Gesundheit von Millionen Menschen.“

Die „Ärzte Woche“ fragte bei den Befürwortern und den Gegnern von medizinischen Tierversuchen nach. Hauptargument gegen Tierversuche ist die unzureichende Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen, sagt Dr. Eva Kristina Bee, Vorstandsmitglied von „Ärzte gegen Tierversuche e. V.“ in Deutschland. Die Misserfolgsquote liege laut US-Arzneimittelbehörde FDA bei 92 Prozent.

Unzureichende Übertragbarkeit

„Aspirin und Penicillin hätten es nicht auf den Markt geschafft“

Tierversuche sind aus medizinischen und ethischen Gründen abzulehnen. Die tatsächlichen Ursachen menschlicher Erkrankungen können durch Tierexperimente nicht sinnvoll erforscht werden.

Diese Ansicht teilen auch die Initiatoren der europäischen Bürgerinitiative „Stop Vivisection“. Sie begründen ihre Initiative mit der Erkenntnis, dass tierversuchsfreie Testmethoden – im Gegensatz zum Tierversuch – für den Menschen relevante Ergebnisse liefern. Tierversuche müssen daher abgeschafft werden. Europaweit beteiligten sich über 1,15 Millionen Bürger an dieser Initiative mit dem Ziel, die EU-Tierversuchsrichtlinie zu novellieren.

Ein Grund für das Scheitern des Tierversuchs ist die unzureichende Übertragbarkeit von Ergebnissen auf den Menschen. Laut US-Arzneimittelbehörde FDA versagen 92 Prozent aller im Tierversuch „erfolgreich“ getesteten potenziellen Arzneien in den nachfolgenden klinischen Studien. Selbst nach Marktzulassung müssen bis zu 50 Prozent der Medikamente mit Warnhinweisen versehen oder ganz zurückgezogen werden. Umgekehrt fallen viele Substanzen im Tierversuch durch, die möglicherweise einen Nutzen für den Menschen haben. So zum Beispiel das Aspirin und das Penicillin; beides Substanzen, die es nicht auf den Markt geschafft hätten, wären sie in der heutigen Zeit mit – der scheinbaren – Hilfe von Tierversuchen entwickelt worden.

Der Tierversuch ist eine doppelt unethische Methode: Tiere werden zu Messinstrumenten degradiert, Menschen werden Therapien vorenthalten. Ein Paradigmenwechsel hin zu anwendungsorientierter, tierversuchsfreier Forschung ist erforderlich. Potenzielle Wirkstoffe können an Zellsystemen oder Mikroorganismen getestet werden. In Computersimulationen – die auf Daten basieren, die beim Menschen gewonnenen wurden – kann die Verstoffwechselung einer Substanz im menschlichen Körper detailliert dargestellt werden. Auf Bio-Chips werden – wie in einem künstlichen „Mini-Menschen“ – Auswirkungen auf bestimmte Organe oder mögliche schädliche Auswirkungen erforscht. Die Kombination solcher Verfahren liefert aussagekräftige Ergebnisse für die Behandlung von Krankheiten beim Menschen.

Verantwortungsvoller Umgang

„Jeder Forscher möchte das 3R-Konzept erfüllen“

Tierversuche in der medizinischen Forschung bedeuten oft Tierleid. Sie sind andererseits essenzielle Grundlage für die Entwicklung neuer diagnostischer wie therapeutischer Strategien, deren Ziel eine Verbesserung der Lebensqualität und gegebenenfalls Verlängerung menschlichen Lebens darstellt. Gerade die Revolution in der Hämatologie & Onkologie der letzten beiden Jahrzehnte, die dazu geführt hat, dass viele Krebsarten ihren bedrohlichen Charakter verloren haben, wäre ohne präklinische Tierversuche undenkbar gewesen. Nichtsdestoweniger stellt sich die Frage, ob für diese beiden diametralen Standpunkte jemals ein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann.

Bereits die Griechen führten in der Antike Vivisektionen zu wissenschaftlichen Zwecken durch – erst im 19. Jahrhundert wurde Tieren Leidensfähigkeit attestiert und Betäubungen wurden verwendet. Seit damals hat sich sehr viel getan, was Ethik und Bedingungen von Tierversuchen betrifft. Stellt man heute diesbezüglich einen Forschungsantrag, gibt es Gesetze und Verordnungen, die eingehalten werden müssen. Dies wird genauestens vom BMWF wie auch von zuständigen Veterinären geprüft. Wissenschaftliches Personal, das Tierversuche durchführt, muss durch sogenannte FELASA (Federation of European Laboratory Animal Science Association) oder äquivalente Kurse geschult sein. Hier werden nicht nur gesetzliche Grundlagen, Tierkunde, Techniken und Tierhaltung vermittelt, es findet auch ein intensiver ethischer Diskurs statt. Jedem Forscher ist es ein Anliegen, das sogenannte 3R-Konzept nach Russell und Burch (1959) zu erfüllen: Minimierung von Schmerzen, Leid, Stress bzw. Steigerung des Wohlbefindens der Tiere (Refinement), Ersatzmethoden zu generieren und zu benutzen (Replacement) wie auch die Anzahl an Experimenten durch einen optimierten Forschungsansatz zu verringern (Reduction).

Trotzdem bleiben Tierversuche ein in der Gesellschaft intensiv und ambivalent diskutiertes Thema. Unter der Prämisse, dass Forschung eine tragende Säule für menschliches Wohlergehen darstellt, ist es unabdingbar, an verantwortungsvoll geplanten und durchgeführten Tierversuchen festzuhalten.

Für die Gesundheit der Menschen

„Drauf zu verzichten, lässt die Forschungssituation nicht zu“

Tierversuche in der medizinischen Forschung sind ein höchst sensibles Thema. Dabei geht es um ein Sowohl-als-auch: um den Tierschutz und um die gleichzeitige Weiterentwicklung der medizinischen Forschung, damit wir weiterhin und immer mehr Therapien zur Verfügung stellen können, die Krankheiten heilen oder zumindest die Lebensqualität von Kranken verbessern helfen.

Die pharmazeutische Industrie setzt sich ganz klar dafür ein, dass die Anzahl an Tierversuchen in der Erforschung und Entwicklung medizinischer Therapien so gering wie möglich gehalten wird – komplett darauf zu verzichten, das lässt die derzeitige Forschungssituation nicht zu. Nach wie vor ist es in gewissen Bereichen notwendig, Verfahren an Tieren zu erproben, um in weiterer Folge Menschen helfen zu können.

Parallel aber wird intensiv an Ersatzmethoden geforscht – und das durchaus mit Erfolg: Mittlerweile werden viele Substanzen in Zellkultursystemen erprobt oder in Computermodellen simuliert. Die Forschungstätigkeiten in diesem Bereich wurden in den letzten Jahren verstärkt, auch durch Anreize aus der pharmazeutischen Industrie in Form wissenschaftlicher Stipendien.

Um die Belastung für die in der Forschung eingesetzten Tiere so gering wie möglich zu halten, gab es in den letzten Jahren zahlreiche Verbesserungen, ob in einer adäquateren Haltung der Versuchstiere oder in der Verpflichtung, eigene Tierpflegekräfte anzustellen, die sich um die Bedürfnisse der Tiere kümmern.

Das sogenannte 3-R-Prinzip ist für die Institutionen und Organisationen, die Tierversuche durchführen, leitendes Motiv: vermeiden, verfeinern, vermindern (replace, refine, reduce), also wo immer möglich alternative Methoden einzusetzen, die Belastung für die Tiere so gering wie möglich zu halten und die Zahl an Tierversuchen insgesamt zu verringern.

Auch wenn es irritierend sein mag: Wir übernehmen Verantwortung, indem wir verhindern, dass Menschen einer Gefahr ausgesetzt werden, die vermieden werden kann. Darum sind Tierversuche auch gesetzlich vorgeschrieben, ehe Arzneimittel ihren Weg zu den Patienten finden dürfen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 24/2015

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