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© ÄKNÖ
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Dr. Christoph Reisner, MSc
Präsident der Ärztekammer für NÖ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Keinath
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Dr. Sigrid Pilz
Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwältin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Foto Wilke
© Foto Wilke
Mag. Christoph Sauermann
Geschäftsführer mediclass Gesundheitsclub GmbH

 
Gesundheitspolitik 1. Juni 2015

Zweiklassenmedizin

Gesundheit als gutes Geschäft.

Der Anteil der Wahlärzte steigt kontinuierlich, privatmedizinische Einrichtungen boomen, Zusatzversicherungen ebenso. Eine Wartelisten-Vorreihung gibt es, aber nur gegen Bezahlung. Die Zweiklassen-Medizin ist keine Erfindung unserer Zeit, aber sie schreitet ungebremst voran.

Für die Wiener Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely existiert die Zweiklassenmedizin nicht. Auf Fragen der Ärzte Woche reagiert sie unwirsch, so als würde sie persönlich angegriffen. „Das, was wir in Österreich an Egalität im Gesundheitswesen haben, das gibt es in keinem anderen Land der Welt, egal wie reich oder wie arm es ist“, lautet der Standardsatz der Politikerin. Die Situation, in einem Staat zu leben, wo jeder, der wirklich krank ist, in ein öffentliches Spital gehen kann, sei laut Wehsely nichts Selbstverständliches, sondern ein hoher Wert, den es zu verteidigen gelte. Das Angebot der Redaktion, ihren Standpunkt in Form eines Kommentars mit Fakten zu begründen, lehnte Wehsely allerdings dankend ab.

Für den Stv. Landeshauptmann von NÖ, Mag. Wolfgang Sobotka, haben Ungleichbehandlungen, die nicht medizinisch indiziert sind, in den von ihm verantworteten öffentlichen Einrichtungen keinen Platz. Bei Verfehlungen handle es sich in Niederösterreich nicht um Systemfehler, sondern um „bedauerliche Einzelfälle“. Unglücklich sei er mit der Qualitätsselbstkontrolle im niedergelassenen Bereich. „Die ÖQMed ist dafür leider nicht ideal, da würde ich mir eine unabhängige Prüfstelle wünschen“, meint Sobotka.

Die Zweiklassenmedizin ist hausgemacht

„Rationierungen, Limitierungen und Zugangsbeschränkungen greifen um sich.“

Die Zweiklassenmedizin ist keine Tendenz der Jetztzeit, es hat sie schon immer gegeben, bereits in Zeiten des Hochadels, in der Adelige ihren Leibarzt hatten. Die heutige Zweiklassenmedizin ist von der Politik hausgemacht und daher gehe ich davon aus, dass die Entwicklung gewollt ist. So gibt es künstlich erzeugte Wartezeiten etwa durch Limitierung der Honorierung der Leistungen bei Kassenärzten und Engpässe bei Planoperationen aufgrund zu geringer Kapazitäten. Die Frage ist, warum nicht ausreichend Kapazität zur Verfügung gestellt wird. Die bereits enorme, immer noch steigende Anzahl der Wahlärzte ist lediglich eine Antwort auf die Limitierung seitens der Politik. Die Bevölkerung hat einen Bedarf an Leistungen aus einer Pflichtversicherung, der vom System nicht mehr ausreichend gedeckt wird. Aus Sicht der Ärzte ist der Vorteil einer Wahlarztpraxis, dass jede Leistung honoriert wird und betriebswirtschaftlich kalkuliert werden kann. Es können also auch Leistungen angeboten werden, die im Kassensystem nicht oder kaum vorhanden sind. So wird etwa das ärztliche Gespräch in der Kassenmedizin nur limitiert und unzureichend hoch honoriert, daher in einer Kassenpraxis auch nicht angeboten oder durchgeführt.

Wahlärzte können ihre Rahmenbedingungen selbst bestimmen und sind zufrieden, wie eine Umfrage der NÖ Ärztekammer im Jahr 2013 bestätigt hat. Die Attraktivität einer Wahlarztpraxis aus Sicht der Ärzteschaft einerseits und die Haltung der Politik zur medizinischen Versorgung anderseits werden in den kommenden Jahren für eine weitere Verbreiterung des Angebots im Bereich der „Zweiklassenmedizin“ sorgen. Aus meiner Sicht ist das nicht verwunderlich: Wir haben demografisch bedingt einen wachsenden Versorgungsbedarf. Der Einsatz der finanziellen Mittel soll unter dem Stichwort „Kostendämpfungspfad“ reduziert werden. Und wenn dann zu guter Letzt fragwürdige Ideen weltfremder Politiker, wie etwa Primärversorgungszentren, umgesetzt werden, darf man sich nicht wundern, wenn irgendwann Rationierungen, Limitierungen und Zugangsbeschränkungen zur Kassenmedizin weiter um sich greifen.

Unlautere Angebote

„Privatspital würde zu weiterer Privatisierung der Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit führen.“

In jüngster Zeit verzeichnet die WPPA einen besorgniserregenden Anstieg an Beschwerden, die die Wartezeit auf Operationen, insbesondere orthopädische, betreffen. Den schmerzgeplagten Patienten werden Operationswartezeiten bis zu 1,5 Jahren in Aussicht gestellt. Einige Betroffene protestieren empört und erhalten von manchen Ärzten ein unlauteres Angebot: Durch das Aufsuchen der Privatordination des Spitalsarztes und entsprechende Honorierung kann für das Wiener Fonds-Spital eine deutliche Verkürzung der Wartezeit zugesagt werden. Die völlige Intransparenz der Wartelisten ermöglicht diese Zusage sogar in Fächern, für die gesetzlich ein Wartelistenmanagement vorgeschrieben ist (Orthopädie, Augen, Neurochirurgie).

In Einzelfällen wird Patienten der Allgemeinklasse angeboten, die Operation als Privatleistung durchführen zu lassen. Manche erbitten sich von Familie und Freunden Geld, um Gesamtkosten von mehr als 7.000 Euro für die zeitnahe Behandlung finanzieren zu können. Betreffende Ärzte zur Verantwortung zu ziehen, fällt schwer, denn Korruption ist ein Heimlichkeitsdelikt, von dem Geber und Nehmer zu Lasten Dritter (Allgemeinheit) profitieren. Und weil sich beide Seiten strafbar machen, wollen auch Patienten, die sich über diese Praktiken beschweren, den Namen der Ärzte nicht nennen. Außerdem ist ja vielleicht in zwei Jahren die andere Hüfte zu operieren, da werden Arzt und Spital ja wieder gebraucht.

Korruption ist das eine, die ganz legale Flucht aus dem solidarischen Gesundheitswesen das andere: So erleben die Privatspitäler im Moment einen fragwürdigen Boom, jetzt wird sogar erwogen, einen Privatbetreiber auf dem Gelände des AKH ein Spital bauen zu lassen, was zu einer weiteren Privatisierung der Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit führen würde. Sollte Wien tatsächlich den Bau eines Privatspitals auf dem AKH-Gelände zulassen, dann muss dieses Spital in öffentlichem Besitz bleiben und vom AKH selbst betrieben werde. Die rechtlich mögliche 25%-Quote an Sonderklasse könnte in diesem Spital erfüllt werden, der fällige Infrastrukturbeitrag und die vorgeschriebene Honorarbeteiligung an nachgeordnete Ärzte würden für mehr Gerechtigkeit im System sorgen.

Sparpotenzial höher als Kosten

„Wer schnelle Diagnosen haben möchte, kommt an privaten Angeboten nicht vorbei.“

Mittlerweile kennt fast jeder Patient die Schwierigkeit der Arztsuche, Terminorganisation, Pünktlichkeit oder die Dauer des Arztgespräches. Und dieses Problem ist in den letzten Monaten im niedergelassenen Bereich aufgrund der drastischen Veränderungen in den Spitälern durch Arbeitszeitreduktion und signifikante Sparmaßnahmen noch einmal massiv gestiegen und wird in Zukunft noch deutlich mehr steigen. Das betrifft nicht nur den „Kassenbereich“, sondern auch den „Wahlarztbereich“.

Das öffentliche Angebot an Gesundheitsdienstleistungen steht allen offen. Wer aber schnellere Diagnosen und damit einen schnelleren Therapiebeginn haben möchte, kommt an privaten Angeboten nicht vorbei, die damit eine wichtige Versorgungslücke schließen. Da geht es vor allem um die Terminplanung und Koordination zwischen Ärzten verschiedener Fachrichtungen.

Neue öffentliche Angebote wie PHCs sollen dem Patienten in der Organisation seiner Gesundheit helfen und sind ein richtiger Schritt in die Zukunft. Die Weiterentwicklung sind aber private Gesundheitszentren wie mediclass, wo neben der Allgemeinmedizin auch ein breites Spektrum an Fachärzten, Komplementär- und Therapieangeboten zur Verfügung stehen. Diese haben große Vorteile für Ärzte und Patienten. Einerseits kann durch die zentrale Organisation der Arzt kostenmäßig und in seinem administrativen Aufwand entlastet werden und er hat damit mehr Zeit für Patienten. Andererseits wird dem Patienten die mühsame Organisation seiner Gesundheit abgenommen.

Gerade für Unternehmen sind moderne Gesundheitszentren eine perfekte Lösung zum Thema Gesundheitsmanagement, Fehlzeiten-Kosten-Reduktion und Mitarbeiterbindung. Die Kosteneinsparung aufgrund der Reduktion von Fehlzeiten durch kurzfristige Arzttermine, sinkende Krankenstandstage und aufgrund eines Gesundheits-Checks an Präventionspotenzialen zu Burnout- und Krankheitsrisiken ist deutlich höher als die Kosten für den Zugang zu solchen Zentren. Zusätzlich sind die Kosten für das Unternehmen steuerlich absetzbar und für Mitarbeiter kein zu versteuernder Sachbezug.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 23/2015

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