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 © RapidEye / iStock
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Gesundheitspolitik 26. Mai 2015

Die Ambulanz als Nadelöhr

AKH-Ärzte rebellieren gegen Ausbildungszustände, Personalmangel und das Systemversagen.

Am Donnerstag, den 28. Mai, ist klar, ob der Frust der Wiener AKH-Ärzte groß genug ist für einen Streik. Die Mediziner sind über die Folgen der personellen Ausdünnung an ihrem Spital entrüstet, die Qualität der Patientenversorgung sinke. Gehaltseinbußen werden von den Jung-Ärzten hingegen akzeptiert.

Arzt müsste man sein. Denken sich vielleicht einige Lehrer, oder Journalisten. Würde ein Streit der zweiten oder dritten Gruppe in der Öffentlichkeit bestenfalls auf Unverständnis stoßen, darf ein Ärzteprotest mit hoher Zustimmung in der Bevölkerung rechnen. „Ärzte haben eine so außergewöhnliche Reputation, weil sie anderen Menschen helfen, dass ihnen eine große Sympathie entgegenschlägt. Eine Sympathie, die zunimmt je weiter wir von der Bildungsschicht in die Bevölkerung hineingehen.“ Das sagt der Salzburger Politikwissenschaftler Reinhard Heinisch (siehe das Interview auf Seite 28).

„Es wird ernst“, heißt es in einer Aussendung der Ärztekammer Wien, und die Standesvertretung macht ernst. Seit vergangenen Freitag wurde eine elektronische Abstimmung unter den Ärzten an Österreichs größtem Spital durchgeführt. Ob sich die Kollegen an einem Streik beteiligen? Alles andere als ein „Ja“ wäre eine Überraschung. Der Frust, vor allem bei den Jung-Ärzten Anfang 30, ist groß. Einer, der allerdings nicht genannt werden möchte, meinte gegenüber der Ärzte Woche: „Der Stress bei den Ärzten hat sich massiv erhöht und die Qualität der Patientenbetreuung hat sich im gleichen Maß massiv verschlechtert.“

Die Gründe dafür: Die Arbeitszeit am AKH wurde schon vor einem Jahren drastisch reduziert. Mit Folgen für den Routinedienst in den Ambulanzen, wie der Jungarzt bestätigt. Er gehe nach dem Nachtdienst (16 Uhr bis 8 Uhr Früh, Anm.) nach Hause und fehle dann im Routinedienst, der früher noch einmal bis 16 Uhr gedauert habe.

Ersetzt hätte man diese fehlenden Dienste nur in Einzelfällen. Das habe auch mit der schlechten wirtschaftlichen Gesamtsituation zu tun. Erklärung: Der überwiegende Teil der neuen Assistenzärzte ist über Drittmittel finanziert. Und diese Drittmittel-Ärzte, deren Posten mit Geldern aus Forschungsprojekten gezahlt werden, werden weniger. Eingespart wurde vor allem bei den Nachtdiensträdern. Unterm Strich bleibe in seiner Ambulanz ein Personalminus in der Nacht von 4 auf 3, bei gleichbleibender Bettenzahl.

Die größten Komplikationen verursache der Wegfall des psychiatrischen Außendienstrades (Bereitschaftsdienst). Es sei mehrmals vorgekommen, dass akut psychotische, teils fremdgefährliche Patienten bei ihm gelandet seien, er für diese Fälle aber keinen Psychiater bekommen habe. Patienten „auf gut Glück ruhig zu stellen“, entspreche nicht seinem Verständnis einer guten Behandlung. Weitere negative Folgen: Die Wartezeit in seiner Ambulanz habe sich verdoppelt bis verdreifacht, einige Leistungen würden im AKH gar nicht mehr angeboten.

Der Frust der Ärzte resultiere aus der chronischen Überforderung, einen Patientenstrom halt irgendwie bewältigen zu müssen. Die Ausbildung komme zu kurz, weil Neueinsteiger niemanden mehr vorfinden, den sie um Rat fragen können.

„Dieser Frust, nicht mehr gut arbeiten zu können und keine adäquate Ausbildung zu bekommen, der entlädt sich jetzt. Ums Geld geht es nicht, zumindest nicht bei den jungen Ärzten.“

Das überrascht zunächst. Denn die finanziellen Einbußen durch den Wegfall der langen und überlangen Dienstzeiten sind enorm, sie liegen zwischen 500 und 1000 Euro netto im Monat. In schlechten Monaten habe sich das Gehalt halbiert, sagt der Insider. „Den Jungen ist der finanzielle Bereich nicht so wichtig, kein Assistenzarzt bei uns hat das sogenannte ,opt out’ unterschrieben. Wir wollen nicht länger als 48 Stunden arbeiten und nehmen finanzielle Einbußen in Kauf, weil uns die Freizeit mehr Wert ist.“

Das Berufsbild des Arztes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Das Thema „Work-Life-Balance“ war für ältere Semester keines, die 60-Stunden-Woche mit all ihren negativen Auswirkungen auf das Privatleben dafür die Regel. Die neue Generation will so nicht mehr leben, man geht lieber an einem Vormittag mit seinen Kindern auf den Spielplatz oder joggen, und nimmt dafür Gehaltseinbußen in Kauf. Dieser gesellschaftlichen Entwicklung trägt die Arbeitszeitreduktion Rechnung – eine Rechnung ohne den Wirten bzw. Patienten.

„Das Vorhaben, die Spitalsambulanzen zu entlasten und den Patientenstrom in den niedergelassenen Bereich umzuleiten, ist durchaus begrüßenswert und positiv. So wie diese Systemumstellung vorbereitet wurde, ist es aber beinahe fahrlässig.“ Das sagt die Grüne Gesundheitssprecherin im Parlament, Dr. Eva Mückstein. Der niedergelassene werde genauso ausgedünnt wie der Spitalsbereich, so entstehe eine Angebotsverknappung und „ein enormer Druck auf die Gesundheitsberufe Wir sehen jetzt schon eine Mangelversorgung in den unterschiedlichen Bereichen, es gib Ärzte und Pfleger, die stöhnen unter dem Arbeitsdruck.“ Kein Wunder: 20 Prozent weniger Arbeitszeit im Spital und eine gleichzeitig durchgezogene Personalreduktion, das könne nicht funktionieren.

Mückstein: „Es werden Nadelöhre geschaffen, da gleichzeitig die Strukturen im extramuralen Bereich nicht aufgebaut wurden, um Patientenströme abzufangen.“ Und was würde eine Gesundheitsministerin oder eine Gesundheitsstadträtin Mückstein tun? „Aus meiner Sicht kann die Alternative nur heißen: konsequentes Investieren in den niedergelassenen Bereich und in die multidisziplinären und multiprofessionellen Praxen. Die PHC, wie sie ursprünglich konzipiert waren, sind eine gutes Idee. Nur müsste man das konsequent angehen. Bis 2018 soll es einige wenige Primärversorgungszentren als Pilotprojekt geben. Damit kann der Bedarf an Gesundheitsversorgung aber nicht ausreichend in den niedergelassenen Bereich verlagert werden, das ist illusorisch.“ Durch Angebotsverknappung zu sparen sei der falsche Weg, das fördere nur die Zweiklassenmedizin.

Sympathie und Unterstützung für einen Streik erwartet auch die niederösterreichische Nationalrätin. „Ärzte genießen immer noch hohes Ansehen. Ich finde auch, dass bei den Verhandlungen zu wenig wertschätzend mit den Ärzten umgegangen wurde“ Am AKH drohen nun zwar weitere massive Konflikte, aber „wenn‘s gut ausgeht, setzt man sich wieder zusammen“.

Erfolgsmeldungen, zwei Stück

Dass gar nichts weiter geht, kann man nicht sagen. Im Wiener KAV kam es zu einer Einigung über die Abgeltung von Mehrarbeit. In Verhandlungen mit der Stadt Wien habe die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten GdG eine Einigung erzielt, hieß es. Ärzte im Krankenanstaltenverbund, die im Zeitraum Jänner bis Juni 2015 mehr als 48 Stunden pro Woche gearbeitet haben, erhalten pro Stunde Mehrarbeit eine Abgeltung in der Höhe von 33 Euro. „Das kann sich sehen lassen“, meint der Vorsitzende Christian Meidlinger.

Die Abgeltung der Opt-Out-Regelung – also die Bezahlung jener Zeit, die freiwillig länger gearbeitet wurde (bis zu 60 Stunden sind hier theoretisch möglich) wird für all jene unterzeichnet, die bis 30. Juni die Opt-Out-Option in Anspruch nehmen. Die Höhe der Entschädigung wird individuell berechnet. Wie viele Ärzte betroffen sind, könne man nicht sagen, hieß es beim KAV zunächst.

Auch die Wiener Ordensspitäler haben sich mit der Stadt gütlich geeinigt. Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) präsentierte am Donnerstag gemeinsam mit Spitalsvertretern und Gewerkschaft das Ergebnis. Dieses sieht unter anderem erstmals einen Kollektivvertrag vor. Durch die neuen Arbeitszeiten werden Gehaltsanpassungen nötig, genauso wie zusätzlich Ärzteposten. Die zu erwartenden Mehrkosten müssten von der öffentlichen Hand abgegolten werden. Mit dieser Forderung waren die konfessionellen Häuser, von denen es in Wien insgesamt acht gibt, Anfang Mai in die Verhandlungen gestartet. Nun ist fix: Die Stadt wird 2015 den Finanzierungsrahmen um 10 Millionen Euro erhöhen, 2016 betragen die zusätzlichen Mittel maximal 20 Mio. Euro.

Das werde es den Krankenhäusern ermöglichen, zusätzliches Personal anzustellen, sagte Manfred Greher, der Sprecher der Plattform der Ordensspitäler. „Eine Streichung von Ärztestellen wäre für die Ordensspitäler völlig unrealistisch gewesen.“ Konkret werden 40 neue Posten geschaffen. Derzeit sind in den Krankenanstalten 780 Ärzte tätig.

Hauen und Stechen

Das Erregungslevel bleibt hoch. Wiens Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres empört sich über den Vorwurf, den Ärzten gehe es nur um das Gehalt. Gewerkschafterin Susanne Jonak kritisiert „ständig neue Winkelzüge“ der Ärztekammer.

 

Kleine Streikgeschichte

Auch im 21. Jahrhundert ist Österreich ein Land, in dem selten gestreikt wird, die Maßeinheit sind nach wie vor Streiksekunden pro Jahr, eine „Streikkultur“ kennt der gelernte Österreicher nicht. Was nicht bedeutet, dass Streik eine stumpfe Waffe wäre. Wie zu beweisen war: 2011 ruhte die Arbeit in rund 200 Betrieben mit 100.000 Mitarbeitern. Hintergrund: die Kollektivvertragsverhandlungen der Metaller waren ins Stocken geraten. Am Ende wurde es ein Gehaltsplus von 4,2 Prozent.

2003 war ein echtes Streikjahr, die ÖVP-FPÖ-Koalition mobilisierte, unfreiwillig allerdings. Die Postler streiken gegen Personalabbau, Lehrer gegen Stundenkürzungen. Der ÖGB ruft zu Demo und Streik gegen die Pensionsreform der schwarz-blauen Regierung auf. In Linz formiert sich eine Menschenkette gegen die Voest-Privatisierung. AUA, Postbus und ÖBB streiken.

Und die Ärzteschaft? 2007 und 2008 liegen einander Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) und der damalige Ärztekammerpräsident Walter Dorner in den Haaren. Mehrere Hundert Mediziner versammeln sich in Wien zu einem Protestsymposium gegen Reformpläne der Regierung.

Dorner warnte vor „schleichender Verstaatlichung“ und donnerte: „Die größte Schweinerei“ sei der Vorwurf, die Ärzte würden die Patienten mit ihren Protestmaßnahmen im Stich lassen. Ein interessanter Streitpunkt: laut einer „Nebenabrede“ zu einer 15a-Vereinbarung sollte der damalige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) prüfen, „ob Möglichkeiten für verlängerte Dienste geschaffen werden können“.

Der bislang letzte Streik fand in Kärnten statt, gestritten wurde um das Gehaltsmodell. Im vergangenen Jänner gingen die Mediziner sogar ohne Unterstützung des Betriebsrates auf die Straße.

Auch hier war der Widerstand nicht erfolglos: Immerhin bekommen Kärntens Spitalsärzte rückwirkend mit 1. Jänner 2015 mehr Geld.

Martin Burger, Ärzte Woche 22/2015

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