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Gerichtstaugliche Aufnahmen mit Maßstab im Spital
 
Gesundheitspolitik 20. Mai 2015

Flüchtige Spuren der Gewalt

Medizinische Betreuung, Schutz von Verbrechensopfern und Unterstützung bei Verbrechensbekämpfung sind ein Balanceakt für Ärzte. Die neue Forensische Untersuchungsstelle im Wiener AKH unterstützt sie dabei.

Ein Symposium des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin widmete sich in Wien dem Thema Opferschutz: Täglich würden sich Ärzte und Gesundheitspersonal im Spannungsfeld zwischen kurativer Medizin, Verschwiegenheitspflicht, Opferschutz und Unterstützung in der Verbrechensbekämpfung bewegen, sagte die Gastgeberin und Geschäftsführerin des Instituts, Dr. Maria Kletečka-Pulker, „eine große Herausforderung“.

In vielen Fällen seien Mediziner die ersten Ansprechpersonen der Opfer, hätten daher eine enorme Verantwortung zu tragen, sagt der Präsident der Ärztekammer für Wien, Prof. Dr. Thomas Szekeres. Eine besondere Rolle komme den Hausärzten zu, weil „sie meist auch das soziale Umfeld sehr genau kennen – dort, wo Gewalt überwiegend stattfindet“. Ärzte müssten dabei möglichst frühzeitig physische und psychische Anzeichen von Gewalt erkennen und die richtigen Schritte einleiten. Das sei nicht nur medizinisch schwierig, weil Spuren oft nicht klar erkennbar oder zuordenbar sind, sondern auch besonders sensibel. „Die Entscheidung, mögliche Gewaltanwendung bei den zuständigen Stellen zu melden, ist mit weitreichenden Folgen für die Opfer wie die mutmaßlichen Täter verbunden. Da braucht es neben Erfahrung viel Fingerspitzengefühl“, so Szekeres.

Ärzte melden kaum

Dass es bei dieser Entscheidungsfindung noch Verbesserungspotenzial gibt, davon ist Mag. Eveline Holzmüller vom Wiener Amt für Jugend und Familie überzeugt. Unterstützt wird ihre These von einer Studie des Magistrats 11, wonach fünf Prozent aller Gefährdungsmeldungen an die zuständigen Behörden aus den Spitälern oder von behandelnden Ärzten kommen (31 % stammen demnach von der Polizei, 16 % aus der Schule, 10 % erfolgen anonym, weitere 10 % vom Magistrat, 5 % sind Selbstmeldungen). Die Zusammenarbeit des Jugendamtes mit den Kliniken und Ärzten habe „inzwischen zwar eine gute Qualität“ erreicht, so Holzmüller, gerade aber bei den niedergelassenen Ärzten, die besonders häufig Erstkontakt zu Opfern haben, müsse „noch viel Motivationsarbeit“ geleistet werden.

Im klinischen Bereich hat sich die Zusammenarbeit mit den Behörden seit der Einrichtung der Kinderschutzgruppen an den Spitälern deutlich verbessert. Diese sind seit 2004 in allen Kinderabteilungen und Kinderkliniken Österreichs verpflichtend und übernehmen innerhalb des Hauses eine Schnittstellenfunktion zwischen medizinischem Personal, Sozialarbeit, Jugendämtern und anderen Institutionen.

Die Wiener Kinderschutzgruppen initiierten in Kooperation mit dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin und der Wiener Uniklinik für Kinder und Jugendheilkunde auch das Pilotprojekt „Forensische Untersuchungsstelle für Wien“. Derzeit laufen noch letzte Vorbereitungen an der Kinderklinik im AKH, wo die Stelle eingerichtet wird, sowie Schulungsmaßnahmen.

Zukünftig sollen hier an sieben Tagen der Woche klinisch-forensische Dienstleistungen angeboten werden. Gerichtsmediziner erhalten die Möglichkeit, Gewaltopfer nach Zuweisung durch die Kinderschutzgruppen, das Jugendamt und die Polizei möglichst rasch nach der Tat zu untersuchen sowie die Spuren durch ein interprofessionelles Expertenteam zu sichern und zu dokumentieren, um eine gerichtstaugliche Beweissicherung zu gewährleisten. Außerdem sollen im Rahmen der zeitnahen Befundung auch mögliche psychische Folgen, etwa Traumatisierungen, erfasst werden.

„Neben fehlender Prävention gegenüber Gewalt an Kindern mangelt es hierzulande an der fundierten Aufarbeitung bereits geschehener Gewalttaten“, sagt Dr. Wolfgang Novak, Kinderarzt und Leiter der Kinderschutzgruppe SMZ-Ost, und erhofft sich eine wesentliche Verbesserung des Status quo durch das zukünftige Angebot. „Viel zu oft scheitern Verurteilungen nach Gewaltakten gegen Kinder an fehlenden Beweisen aufgrund einer fehlenden zeitnahen Diagnostik. Nur wo eine Anzeige vorliegt, kann der Staatsanwalt aktiv werden und einen Gutachter beauftragen. Bis dahin vergehen aber Wochen. Danach sind Spuren von Gewalt nicht mehr nachweisbar.“ Für eine Untersuchung an der neuen forensischen Untersuchungsstelle wird eine solche behördliche Anzeige nicht erforderlich sein. Mit der damit geschaffenen fundierten Beweislage könnten Richter dann „zu einem dem Kind zuträglichen und den Schutz des Kindes in den Mittelpunkt rückenden Urteil kommen“, sagt Novak.

Ein weiteres Ziel des vorerst auf zwei Jahre ausgelegten und finanzierten Projektes ist es, einheitliche Strukturen und Unterstützungs-Tools zu entwickeln, um die Arbeit der Ärzte zu unterstützen. „Wir waren in den vergangenen Jahren intensiv damit beschäftigt, uns entsprechendes Gehör bei der Stadt Wien zu verschaffen, um nachzuweisen, dass gute Strukturen etwas bewirken können“, berichtet die wissenschaftliche Leiterin, Prof. Dr. Susanne Greber-Platzer. Derzeit suche man den Kontakt zu allen relevanten Anlaufstellen – Kinderschutzgruppen, Kinderambulanzen, Notfall- und chirurgische Ambulanzen –, um gemeinsam zu beraten: „Wie muss ein aus den unterschiedlichen Strukturen abgeleitetes, standardisiertes Modell gestaltet sein, damit Dokumentation und Beweissicherung so gelingen, um später vor Gericht zu halten und Täter nicht mehr aus Mangel an Beweisen freigehen.“

Klinisch-forensische Untersuchungsstelle in Graz

Während vergleichbare Einrichtungen in vielen europäischen Städten längst zum medizinischen Standard gehören, sind sie in Österreich noch Mangelware. Neben dem Wiener Pilotprojekt existiert derzeit nur eine einzige „klinisch-forensische Untersuchungsstelle“ an der Medizinischen Universität Graz – in Zusammenarbeit mit dem Institut für Gerichtliche Medizin und der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. Sie steht laut Eigendefinition „allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zur Verfügung, die von Missbrauch, Misshandlung, körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen sind“. Die Untersuchungsstelle kann aber auch von Unfallopfern oder Verletzten in Anspruch genommen werden, für die eine Begutachtung gerichtlich relevant ist. In der Regel erfolgt die Zuweisung durch Ärzte, Opferhilfseinrichtungen, Polizei oder Staatsanwaltschaft. Auch in Graz ist eine vorherige Anzeige als Voraussetzung nicht erforderlich.

Als Vorzeigeprojekt gilt die „Rechtsmedizinische Untersuchungsstelle für Opfer von Gewalt“ ( www.uke.de/institute/rechtsmedizin ) in Hamburg. Im Gegensatz zum Wiener Pilotprojekt können sich nicht nur Behörden und Institutionen an die Untersuchungsstelle wenden, sondern auch Betroffene selbst, deren Angehörige und „alle, die Fragen haben und sich im Falle einer vermuteten Kindesmisshandlung oder bei Verdacht auf sexuelle Übergriffe beraten lassen möchten“.

Deutschland weit voraus

Der Gerichtsmediziner DDr. Martin Grassberger hat in Hamburg einige Jahre gearbeitet und wertvolle Erfahrungen gesammelt, die er nun in das Wiener Pilotprojekt einbringt. Was Deutschland laut Grassberger den österreichischen Bemühungen voraus hat, ist die Bereitschaft, einmal erkannte Probleme auch dann konsequent anzugehen, wenn es dazu noch keine Lösungen gibt. Klingt nach Klischee, ist aber so. Selbst wenn in Hamburg daher noch viele Details nicht annähernd perfekt funktionieren würden und von den Ärzten vor Ort im Einzelfall zu entscheiden sind, so sei man der Entwicklung bei uns damit trotzdem weit voraus.

Grassberger kritisch: „Wir suchen in Österreich immer zuerst nach der perfekten Lösung, bevor wir überhaupt starten“, so Grassberger, „für viele medizinische Probleme gibt es aber keine perfekte Lösung – und darum haben wir dann oft gar nichts außer Stillstand.“

Schlag nach im Regierungsübereinkommen: Kletecka-Pulker ortet nämlich auch hierzulande ein „wachsendes Problembewusstsein der Gesundheitspolitik“. Dies würde sich nicht zuletzt im aktuellen Regierungsprogramm widerspiegeln, wo eine österreichweit flächendeckende Versorgung mit forensischen Untersuchungsstellen in allen Bundesländern festgeschrieben wurde.

Die Leistungen der neuen klinisch-forensischen Untersuchungsstelle am AKH Wien sind für die Betroffenen kostenlos und stehen nach telefonischer Terminabsprache (0664-843 8241) rund um die Uhr zur Verfügung.

Flüchtige Spuren der Gewalt

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 21/2015

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