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Sobotka

Mag. Wolfgang Sobotka Landeshauptmann-Stv. von Niederösterreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Felicitas Matern

Prof. Dr. Wolfgang Schütz Rektor der MedUni Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© MWF/Petra Spiola

Mag. Elmar Pichl Sektionschef im Wissenschaftsministerium

 
Gesundheitspolitik 18. Mai 2015

Junges Blut brauchen die Länder

Die Landesgesundheitsreferenten fordern vom Bund eine Aufstockung der Studienplätze für die Humanmedizin. Für Experten der falsche Ansatz gegen die Ärzteflucht.

Angesichts der demografischen Entwicklung und ihrer Auswirkung auf das Gesundheitssystem sei es „unabdingbar, die Studienplätze für die Humanmedizin zu erhöhen“, sagte Wolfgang Sobotka zum Abschluss der Konferenz der Landesgesundheitsreferenten in Baden (über die vollständige Wunschliste der Länder an den Bund berichtete die Ärzte Woche in der vergangenen Ausgabe).

Sobotka, Gastgeber, Vorsitzender und Sprecher der Veranstaltung in Personalunion, stellte die Forderung nach einer Aufstockung der Studienplätze an den öffentlichen MedUnis und medizinischen Fakultäten bewusst an die erste Stelle des Forderungskatalogs. „Wenn man sieht, was auf uns zukommt, dann müssen wir jetzt reagieren“, sieht Niederösterreichs Landeshauptmann-Stellvertreter Gefahr in Verzug. Mit „wir“ meint er die Bundesregierung, die er auffordert, den drohenden Engpass rechtzeitig zu beseitigen. Sobotka beruft sich auf einen „einstimmigen Beschluss der Landesgesundheitsreferenten“.

Bis jetzt sei es den Ländern zwar gelungen, die Versorgungsqualität des Systems ebenso aufrecht zu erhalten, wie seine finanzielle Ausbalancierung, jetzt müssten aber vonseiten der Bundespolitik die Weichenstellungen erfolgen, damit dies auch in Zukunft gelingen könne.

Manche sehen in der Forderung des niederösterreichischen Schwarzen eher ein taktisches Manöver, um von eigenen Versäumnissen abzulenken – andere sprechen von einem zu eindimensionalen Problemlösungsansatz für eine in Wahrheit komplexe Frage.

Alle Fakten sprechen dafür

„Bund muss Studienplätze erhöhen, damit hochwertige medizinische Versorgung erhalten bleibt.“

Unser Gesundheitssystem zählt weltweit zu den besten. Mit 4,9 Ärzten auf 1.000 Einwohner liegen wir im internationalen Vergleich an der Spitze. Trotzdem müssen wir heute handeln, um den zukünftigen Bedarf an Medizinern sicherzustellen. Schätzungen zufolge zählt Österreich im Jahr 2025 erstmals mehr als 9 Millionen Einwohner. Wir werden im Schnitt alle zehn Jahre um drei Jahre älter, dabei aber nicht unbedingt gesünder. Der Arztberuf wird weiblich – bei steigenden Teilzeit- und Karenzansprüchen. Das Ärzte-Arbeitszeitgesetz bedingt eine Aufstockung des ärztlichen Personals. In den nächsten Jahren steht eine Pensionierungswelle der Ärzteschaft bevor, das gilt besonders für den niedergelassenen Bereich.

Diese Faktoren haben sich bisher nicht in zusätzlichen Studienplätzen niedergeschlagen – die eigentliche Stellschraube für die Anpassung an den zukünftigen Ärztebedarf. Stattdessen haben wir seit Einführung des Eignungstests eine rückläufige Anzahl an Medizinstudium-Absolventen. 2007 hatten wir österreichweit rund 1.800 Absolventen, 2013 dagegen nur mehr 1.200, also 600 Absolventen weniger pro Jahr. Ein Viertel der Absolventen stammt durch die Quotenregelung aus dem Ausland und wird größtenteils in ihre Heimat zurückkehren.

Niederösterreich hat daher mit der Karl Landsteiner Universität zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen. Weitere Maßnahmen für die Gewinnung von Turnus- und Jungärzten sind Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium, Ausbildungsplätze für das klinisch-praktische Jahr, EU-konforme Arbeitszeiten und vieles mehr. Im niedergelassenen Bereich müssen die Verantwortlichen Maßnahmen setzen, um das Berufsbild des Hausarztes zu attraktivieren und junge Ärzte für Landarztstellen zu begeistern.

Mit der bundesweiten Erhöhung der Studienplätze für Humanmedizin wären wir für die Zukunft gerüstet. Das haben auf Initiative von Niederösterreich die Landesgesundheitsreferenten bei der letzten Konferenz gefordert. Nun liegt es am Bund, seine Verantwortung rasch wahrzunehmen. Denn bedingt durch die lange Ausbildungsdauer würden im Gesundheitssystem frühestens 2024 mehr Ärzte zur Verfügung stehen.

Das „Leck“ ist in den Strukturen der Länder

„Länder sollten in den jungen Ärzten nicht Systemerhalter, sondern die Zukunft der Spitäler sehen.“

Mehr Studienplätze ändern an den strukturellen Ursachen des spürbarer werdenden Ärztemangels nichts. Das wäre so, als würde man ein leckes Fass dadurch vollhalten, indem man immer wieder nachfüllt. Die Ursache, dass Jungärzte in den von den Ländern betriebenen Spitälern nicht mehr tätig sein wollen und deshalb zur Ausbildung ins Ausland gehen, wird ignoriert. Dieses Problem teilt Österreich übrigens mit den süd- und osteuropäischen Staaten, wo Ärzte aus ähnlichen Gründen in Scharen davonlaufen.

Der Ruf der Länder, mit dieser „Nachfüllmethode“ ihre lecken Strukturen zu kaschieren, ist verständlich: Studienplätze muss der Bund finanzieren, jedes Bundesland käme seinem Prestigeobjekt im Sinne des Regionalproporzes – nämlich einer eigenen medizinischen Universitätseinrichtung – näher, die Länder wollen sich ihre Spitäler durch den Bund in Form des klinischen Mehraufwands mitfinanzieren lassen.

Österreich hat nicht nur die zweithöchste Ärztedichte der EU, sondern – auch alle OECD-Staaten mit einbezogen – die mit Abstand höchste Zahl an Medizinabsolventen. Der Anteil an älteren Ärzten (über 55 Jahre) liegt im unteren Viertel aller OECD-Staaten! Allein diese Daten sprechen dafür, dass zuerst strukturelle Änderungen nötig sind:

Erstens müssen die Länder selbst das Abwanderungsleck stopfen und in den jungen Ärzten nicht Systemerhalter, sondern die Zukunft der Spitäler sehen und der Ausbildung entsprechenden Stellenwert geben. Das wird nur funktionieren, wenn die Ärzteschaft auch von administrativen Aufgaben entlastet und der mitverantwortliche Tätigkeitsbereich durch das diplomierte Pflegepersonal flächendeckend umgesetzt wird.

Zweitens ist das für Ärztegesetz und Ausbildungsordnung zuständige Gesundheitsministerium gefordert, sich von den Ärztekammern zu emanzipieren. Im eben novellierten „kammergetriebenen“ Ärztegesetz gibt es eine völlig unnötige neunmonatige Basisausbildung vor der eigentlichen Ausbildung zum Facharzt oder Allgemeinarzt, wo doch die Studierenden ohnehin ihr Studium mit einem klinisch-praktischen Jahr beenden. Gleichzeitig wird durch überstrenge Gleichwertigkeitsprüfungen die Einwanderung von Ärzten, auch aus der EU, erschwert.

Länder sind gefordert, Anreize zu setzen

„Zusätzliche Studierende in das System zu bringen, das wird alleine nicht ausreichen.“

Aufgrund der anhaltend starken Nachfrage nach Ärzten in ganz Europa und dem zuletzt wieder von Bundesländervertretern thematisierten „Ärztemangel“ braucht es Maßnahmen aller Verantwortungsträger auf Bundes- und Länderebene, um die hohe Qualität unserer Gesundheitsversorgung langfristig zu sichern. Allein zusätzliche Studierende in das System zu bringen, wird nicht reichen. Zudem wurden mit dem Start der Medizinischen Fakultät Linz bereits entsprechende Maßnahmen gesetzt, im Vollausbau werden dadurch österreichweit rund 1.600 Absolventen jährlich zur Verfügung stehen. Österreich liegt mit 19,9 Absolventen je 100.000 Einwohner bereits an der Spitze der OECD-Länder (Schnitt: 10,6). Größer ist der Handlungsbedarf, wenn man sich ansieht, wie viele teuer ausgebildete Jungmediziner nach ihrem Studium tatsächlich in Österreich arbeiten. Ende 2014 hat das Wissenschaftsministerium eine Absolventenbefragung durchgeführt, bei der erstmals die Berufssituation der Absolventen der drei öffentlichen Medizinuniversitäten abgefragt wurde. 79 Prozent der deutschen und 56 Prozent der übrigen Absolventen mit ausländischem Maturazeugnis sind nicht in Österreich berufstätig, auch rund 20 Prozent der Österreicher wollen im Ausland tätig sein. Die Politik reagiert auf diese Entwicklung unter anderem mit dem neuen Ärztearbeitszeitgesetz, das strukturelle Veränderungen, attraktivere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen – insbesondere für Jungmediziner – bringen wird. Zudem setzt sich mein Ressort für eine Verlängerung des EU-Moratoriums über das Jahr 2016 ein, welches in der Humanmedizin eine Quote von 75 Prozent der Anfängerplätze für Österreicher vorsieht. Aber auch Länder und Krankenanstalten sind gefordert, im Wettbewerb um die besten Ärzte, weitere, nicht nur monetäre, Anreize zu setzen. Damit sich die Ärzte etwa an den Universitätskliniken wieder stärker auf Lehre, Forschung und Patientenversorgung konzentrieren können, wird es notwendig sein, sie von administrativen Tätigkeiten freizuspielen. Die Forderung nach zusätzlichen Studienplätzen greift daher zu kurz, denn dadurch wird mangels Attraktivität weder der Ärztemangel in einigen ländlichen Regionen, noch die Abwanderung hochtalentierter Mediziner verhindert.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 21/2015

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