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Gesundheitspolitik 4. Mai 2015

Der Status quo macht keinen froh

Der Bedarf an Kinder- und Jugendpsychiatern ist groß, neue Ordinationen sind sofort ausgelastet.

In Wien haben die ersten kinder- und jugendpsychiatrischen Ordinationen mit Kassenvertrag aufgesperrt. Gut für Wien, aber offenbar ein Problem für den Nachbarn Niederösterreich. Eine flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung liege immer noch in weiter Ferne, sagt Ärztekammer-Vize Steinhart. Das gelte für Wien genauso wie für die anderen Bundesländer, in der Steiermark, in Salzburg und im Burgenland ist die Lage kritisch.

Am 1. April 2015 eröffneten die ersten beiden Kassenordinationen für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) in Wien. Die insgesamt sechs mit der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) ausverhandelten Kassenplanstellen seien ein „Meilenstein in der Wiener Gesundheitsversorgung, „für den wir lange gekämpft haben“, sagt Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Kurienobmann Niedergelassene Ärzte in Wien, „ein erster Schritt, dem noch viele weitere Kassenplanstellen folgen müssen“. Steinhart verweist auf die Versorgungsdichte in großen deutschen Städten, die weit höher liegen.

Positiver schätzte WGKK-Obfrau Mag. Ingrid Reischl die Versorgungsdichte in Wien ein. Sie spricht von einem „attraktiven zusätzlichen Angebot zur bereits bestehenden Versorgung“. Neben den sechs neuen Kassenplanstellen gäbe es sieben Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie im niedergelassenen Bereich, die in diversen Vertragsambulatorien wie SOS-Kinderdorf-Ambulatorium, Boje, PSD-Ambulatorium oder in den Instituten für Erziehungshilfe mit Kassenvertrag tätig seien. „In Summe gibt es jetzt also dreizehn Fachleute, die sich auf Kosten der WGKK um die psychiatrischen Probleme der jüngsten Versicherten kümmern“. Im nationalen Vergleich sei Wien sehr gut aufgestellt, im internationalen Vergleich „ist die Versorgungslage passabel“.

Laut Regionalem Strukturplan Gesundheit sei ein Schlüssel von 1:25.000 Einwohner für das Fach KJP vorgesehen, ein weiterer Ausbau nicht ausgeschlossen. Nach aktuellem Stand würde ein solcher aber schwierig werden, bremst Reischl zu hohe Erwartungen, da „nur wenige Ärztinnen und Ärzte verfügbar sind“.

Der Start der Kassenordinationen bringe einen Zusatznutzen mit sich: Ab sofort können die Kosten für eine kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung im Wahlarztbereich für eine Rückerstattung bei der WGKK eingereicht werden, weil mit 1. April auch ein eigener Tarifkatalog in Kraft getreten ist. „Das heißt“, erläutert Reischl, „dass die Versicherten 80 Prozent der Vertragstarife refundiert bekommen. Bisher gab es diese Möglichkeit nicht.“ Wie hoch die Kosten sein werden, die der WGKK aus dem neuen Tarifkatalog zusätzlich entstehen, kann deren Obfrau noch nicht abschätzen. Da es sich „um ein Mangelfach“ handelt und nur wenige Ärzte betrifft, sei „keine Kostenexplosion zu erwarten“.

Österreich im Überblick

Nicht nur in der Bundeshauptstadt, auch in fast allen Bundesländern gibt es im Bereich der extramuralen kinderpsychiatrischen Versorgung massiven Nachholbedarf. Besonders kritisch ist die Situation in Salzburg, in der Steiermark und im Burgenland, wo es bis dato nicht eine einzige projektierte Kassenstelle gibt, nicht einen ausverhandelten GKK-Kassenvertrag. „Diesen unbefriedigenden Status quo zu überwinden und Kassenverträge für die drei Bundesländer zu erwirken, ist eines von meinen derzeit zwei großen gesundheitspolitischen Anliegen“, sagt Dr. Charlotte Hartl, Bundesfachgruppen-Obfrau der Österreichischen Ärztekammer.

„Wir waren das erste Bundesland, das Kassenplanstellen für das Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der nö. Gebietskrankenkasse in den Kassenvertrag aufgenommen hat“, sagt MR Dr. Dietmar Baumgartner, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Niederösterreich. Derzeit sind fünf Stellen besetzt: in Amstetten, Mödling, Purkersdorf, St. Pölten und Wiener Neustadt.

Die Verträge werden nicht nur mit der NÖGKK, sondern auch mit den bundesweiten Trägern abgeschlossen. „Mit dieser Versorgungssituation sind wir meines Wissens das am besten versorgte Bundesland“, sagt Dr. Baumgartner. Ihm sei bewusst, dass der „Bedarf weiter steigen dürfte und die intramurale Versorgung nicht außer Acht gelassen werden darf“.

Nach Besetzung der fünften Stelle sei eine weitere in den Stellenplan aufgenommen worden, Standort Mistelbach, sagt Baumgartner. „Da die KJP auch in Niederösterreich ein Mangelfach darstellt, gebe es schlicht zu wenige Fachärztinnen und Fachärzte, „wir haben jedoch eine Ankündigung für eine Bewerbung um diese sechste Stelle im nächsten Quartal“.

Wien vs. NÖ 6:5

Die sechs Kassenstellen in Wien hätten die Personalsituation in Niederösterreich verschärft, sagt Dr. Charlotte Hartl, niedergelassene Kinderpsychiaterin in Purkersdorf. Hartl kämpft seit Jahren um eine Änderung in der Ärzteausbildungsordnung ÄAO. „Der 1:1 Ausbildungsschlüssel muss für mein Fach auf 1:2 erhöht werden. Ohne Erhöhung der Fachärztezahl können leider die bundesweit fehlenden Versorgungsstrukturen nicht erweitert werden. Wir hoffen auf positive Ergebnisse bei den nächsten Gesprächen.“

In Oberösterreich gibt es drei Kassenstellen für Kinder- und Jugendpsychiatrie, jeweils eine volle in Linz, Wels und Steyr. Alle drei waren „innerhalb kürzester Zeit nach Eröffnung ausgelastet“, erzählt Mag. Robert Prankl, Bereichsleiter Kassenrecht und Sondergebührenaufteilung in der Ärztekammer für OÖ. Man müsse überall mit Wartezeiten rechnen. Die Fachgruppe stehe daher in Verhandlungen mit der OÖGKK, um eine Erweiterung der Anzahl der Planstellen zu erreichen.

Nach fünfjährigen Verhandlungen war es der Ärztekammer für Kärnten gelungen, zwei Kassenplanstellen (Klagenfurt und Villach) mit der GKK auszuverhandeln, die seit Oktober 2013 stark frequentiert sind.

„Mit der Kärntner Gebietskrankenkasse konnte ein Leistungs-und Tarifkatalog mit fünf Leistungen vereinbart werden – der Faktor ‚Zeit für den Patienten‘ fand dabei Berücksichtigung“, erklärt Mag. Klaus Mitterdorfer, KAD-Stellvertreter in der Ärztekammer für Kärnten. Die nächsten Ziele seien weitere Stellen in Spittal/Drau und in Wolfsberg.

„Auch wollen wir für Klagenfurt und Villach einen Diskussionsprozess über Zusammenarbeitsformen – Gruppenpraxen – mit den Kassen starten, eventuell auch mit anderen Berufsgruppen“, hofft Mitterdorfer auf Schritte in naher Zukunft.

Grüne Mark: 0

In der Steiermark gibt es gegenwärtig keine einzige Planstelle. Laut Dr. Doris Hönigl, Fachgruppen-Obfrau der Kinder- und Jugendpsychiater, die sich seit Jahren für eine Reform stark macht, würden aber rund 20.000 Kinder eine psychiatrische Behandlung brauchen. Dafür wären steiermarkweit 15 Facharztstellen mit Kassenvertrag notwendig, sagt Hönigl. Das Thema stehe auf der Tagesordnung bei der nächsten Klausur mit der steirischen Gebietskrankenkasse, ergänzt eine Sprecherin der Ärztekammer für Steiermark.

Laut Mag. Reinhold Plank, Kurie der Niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für Tirol, gebe es in Tirol zwei Fachärzte für Kinder- u. Jugendpsychiatrie mit Kassenverträgen. Darüber hinaus gebe es zwei weitere niedergelassene Fachärzte für Kinder- u. Jugendpsychiatrie.

Alle vier Ordinationen sind in Innsbruck. Mit der TGKK gäbe es keine konkreten Pläne bzw. Verhandlungen zum Ausbau des Angebotes, sagt Plank. Die TGKK hätte ihre Bereitschaft erklärt, interessierten Fachärzten einen entsprechenden Sondervertrag anzubieten.

Ländle: 2

Ähnlich wie in Tirol ist die Situation in Vorarlberg: Die beiden aktuellen Kassenplanstellen befinden sich in Bregenz und Dornbirn, teilt Wilfried Lipburger von der Ärztekammer für Vorarlberg mit. Stellenplangespräche würden im Rahmen der Honorarverhandlungen für 2016 stattfinden.

Es tut sich also einiges von West bis Ost. Der Bedarf ist riesig, das Problembewusstsein offenbar beinahe ebenso groß. Bleibt die Frage, wer all die Planstellen besetzen wird, falls es sie tatsächlich in absehbarer Zeit geben sollte.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 19/2015

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