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Eine Frau greift sich an den schmerzenden Rücken, eine von 66 Millionen Betroffenen in Europa.
 
Gesundheitspolitik 20. April 2015

Volkskrankheit Rückenschmerzen

Jeder fünfte Europäer leidet an chronischen Schmerzen, zwei Drittel davon plagt der Rücken. Es herrscht Mangel an Prävention, an raschen Diagnosen – und am Therapiezugang.

Das Ausmaß des Problems zeigt sich, wenn man es in absoluten Zahlen ausdrückt: Wenn plötzlich aus 20 Prozent der Europäer 100 Millionen Betroffene werden. Bedeutet: In Europa leiden fast doppelt so viele Menschen an chronischen Schmerzen wie an Diabetes. Kaum ein anderes Gesundheitsproblem belastet auf Dauer das Leben mehr als der Schmerz. Orthopäden sehen in der täglichen Turnstunde die entscheidende Maßnahme zur primären Prävention.

Rückenschmerzen bilden das mit Abstand häufigste Krankheitsbild innerhalb der chronischen Schmerzen. 66 der 100 Millionen Menschen mit andauernden Schmerzzuständen leiden daran. Dahinter folgen Gelenkschmerzen (52 Prozent), Nackenschmerzen (32 Prozent) und regelmäßige Kopfschmerzen (31 Prozent). Bei vielen Betroffenen treten unterschiedliche Schmerzbilder kombiniert auf, potenzieren einander gegenseitig.

Am höchsten ist der Anteil der Schmerzpatienten unter den 40- bis 59-Jährigen, erläutert Dozent Dr. Klaus Engelke, Leiter des Rehabilitationszentrums Theresienhof-Frohnleiten. „Das bedeutet, dass die Betroffenen besonders häufig in der Gruppe der Bevölkerung am Ende der Berufstätigkeit zu finden sind.“

Obwohl es wirksame Therapien gibt, leiden 68 Prozent der Betroffenen pro Tag mehr als zwölf Stunden an ihren Beschwerden. 21 Prozent haben außerdem Depressionen. Depressionen und Rückenschmerzen sind zwei der fünf häufigsten Ursachen für Invalidität und Frühpensionierungen in Europa.

Millionen Krankenstandstage

Chronische Schmerzzustände haben darüber hinaus aber auch massive wirtschaftliche Auswirkungen auf das aktive Berufsleben. Rund 500 Millionen Krankenstandstage sind in Europa jedes Jahr alleine darauf zurückzuführen. Die Sozialkosten betragen rund 34 Milliarden Euro. Insgesamt gehen europaweit drei bis zehn Prozent des BIP durch chronische Schmerzen verloren.

Fast die Hälfte der Krankenstände über drei Tage geht auf chronische Schmerzen zurück. 22 Prozent der chronischen Schmerzpatienten, die in den Krankenstand gehen müssen, sind deshalb pro Jahr mehr als zehn Tage zu Hause.

In Österreich sind es pro Jahr 406.000 Krankenstandstage mit einem Produktivitätsverlust von 1,12 Milliarden Euro, die auf überwiegend chronische Schmerzzustände zurückzuführen sind. Hinzu kommen 21.000 Frühpensionierungen mit Kosten in Höhe von 600 Millionen Euro. Engelke rechnet vor: „Das ergibt volkswirtschaftliche Kosten von 1,7 Milliarden Euro. Rechnet man noch die direkten Invaliditätspensionsleistungen von 430 Millionen Euro und die Aufwendungen für die Behandlung hinzu, kommt man auf jährliche Gesamtkosten von 3,8 Milliarden Euro.“

Patienten mit chronischen Schmerzen haben das siebenfache Arbeitslosigkeitsrisiko im Vergleich zu Nichtbetroffenen. 19 Prozent dieser Kranken haben bereits einmal ihre Arbeit verloren, 13 Prozent deshalb den Arbeitsplatz gewechselt.

Auftrag zur Prävention

Engelke, selbst Spezialist für Wirbelsäulenleiden und deren Prävention und Behandlung, kritisiert den Umstand, dass es angesichts dieser dramatischen Zahlen – sowohl was das persönliche Leid als auch die volkswirtschaftlichen Kosten betrifft –, für die Kostenträger nach wie vor keinen verbindlichen Auftrag zur Prävention seitens der politischen Entscheidungsträger gibt.

„Eine primär präventive Systematik unter Einbeziehung des gegenwärtigen Kostenträgersystems zur Vermeidung von prächronischen und chronischen Schmerzen ist daher praktisch nur im Rahmen von Projekten möglich, obwohl der Nutzen einer kontinuierlichen Führung von gefährdeten Kollektiven in solchen standardisierten Programmen unbestritten ist.“

Das gelte in besonderem Maße für die Verhinderung einer möglichen Schmerzchronifizierung. Die Kostenträger müssten nach Ansicht Engelkes daher „lieber heute als morgen“ einen solchen gesetzlichen Auftrag zur Prävention bekommen.

„Hier tut sich derzeit nur in einigen wenigen Krankenversicherungen etwas, zum Beispiel ein Bonussystem bei Durchführung kontinuierlicher standardisierter Bewegungsprogramme gegen den Rückenschmerz. Andere Kostenträger lehnen Bonussysteme allerdings strikt ab.“ Dazu komme, dass die Divergenz der jeweiligen Leistungskataloge der unterschiedlichen Kostenträger einen einheitlichen Behandlungspfad oft negativ beeinflussen könne.

Engelke hofft, dass die verpflichtende tägliche Turnstunde „jetzt endlich“ auch konsequent und flächendeckend umgesetzt werde: „Ich halte die tägliche Schulsportstunde als eine frühe Form der regelmäßigen Bewegung für eine der wirkungsvollsten Maßnahmen im Rahmen der primären Prävention. Seit 1983 wurde sie politisch immer wieder angekündigt, nun soll sie tatsächlich kommen. Das wäre ein sehr wichtiger Schritt.“

Chronifizierung

Aber auch im Bezug auf einen ausreichend schnellen Zugang zu diagnose- und therapierelevanten Möglichkeiten im Behandlungsalgorithmus für den akuten Rückenschmerz ortet Engelke „strukturbedingte Schwächen“, wodurch sich die Gefahr eines Abdriftens in den chronischen Schmerz massiv erhöhen würde. „Normalerweise hätte es in dieser frühen Phase schon gelingen müssen, die Patienten einer ambulanten Trainingstherapie zuzuführen.“

Stattdessen werde in einem nächsten Stadium bereits der Einsatz multimodaler Konzepte notwendig, die derzeit aber im regulären ambulanten Struktursetting gar nicht angeboten werden können. Spätestens jetzt sollte aber ein wesentlicher Bestandteil des Behandlungskonzeptes auf die Verhinderung einer Chronifizierung der Schmerzen abzielen.

Es gäbe für den akuten Rückenschmerz zwar einen klar definierten Behandlungspfad, erläutert Engelke, dieser könne aber häufig nicht eingehalten werden, weil neben etlichen systembedingten Unzulänglichkeiten „zum einen der Patient darüber nicht oder nur unzureichend informiert ist und zum anderen dem Arzt notwendige – vor allem diagnostische – Systeme nicht zeitgerecht zur Verfügung stehen.“

Die kontinuierliche Führung durch den Allgemeinmediziner entsprechend dem Behandlungsalgorithmus für den akuten Schmerz werde zudem oft durch den Patienten selbst konterkariert, meint Klaus Engelke und sieht in den Bereichen Compliance und Health Literacy Verbesserungspotenzial für einen wirksamen Therapieverlauf.

Kostenübertragung

Eine zunehmend gefährliche Entwicklung sieht die Österreichische Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in der Lücke zwischen Angebot und Bedarf bei den medizinisch-begleitenden physiotherapeutischen, physikalischen und trainingstherapeutischen Interventionen, die in einer umfassenden Versorgung von orthopädischen Schmerzpatienten eine wichtige Rolle einnehmen.

„Durch die Deckelung der Leistungen der physikalischen Institute sinkt das Angebot drastisch ab und im Gegensatz dazu entstehen immer mehr Angebote einzelner niedergelassener Physiotherapeuten, die nur ein begrenztes Angebot zur Verfügung stellen können“, sagt Orthopäde Engelke. Als ein Beispiel nennt er die Unterwassertherapie, die bei Rückenschmerzen sehr effizient wäre, dem Patientenkollektiv aber immer seltener angeboten werden könne.

Ein negativer, „ aber offensichtlich gewünschter“ Effekt dieser Entwicklung sei, dass zunehmend eine Kostenübertragung zu Lasten der Patienten stattfinden würde. „Wir bräuchten hier ein wesentlich effizienteres ambulantes aber standardisiertes Angebot, mit einer dem Behandlungsalgorithmus angepassten kurativen und sekundär präventiven Struktur“, wünscht sich Engelke abschließend.

Darüber hinaus müsse die Kommunikation zwischen Arzt, Therapiezentrum und Patienten wesentlich verbessert und eindeutig festgelegt werden, „welche Therapiemaßnahmen zahlt der Kostenträger und welchen Beitrag hat der Patient im Rahmen der sekundären Prävention zu tragen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 17/2015

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