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© ÖÄK / Christian Jungwirth
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Dr. Johannes Steinhart Vizepräsident der ÖÄK,Kurienobmann Niedergelassene Ärzte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Friedrich Hartl Obmann der Bundesfachgruppe Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation der ÖÄK

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Friedrich Vorbeck Obmann der Bundesfachgruppe Radiologie der ÖÄK

 
Gesundheitspolitik 14. April 2015

Kippt das System?

Niedergelassene Ärzte sehen sich außerstande, zusätzliche Versorgungsleistungen aus dem stationären Bereich zu übernehmen, solange Leistungsdeckelungen und Degressionen willkürliche Engpässe produzieren.

„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ – dieses Prinzip gilt immer häufiger für die niedergelassene medizinische Versorgung. Wer zu spät kommt, kann mit Wartezeiten rechnen oder er wird zum Selbstzahler, etwa bei einer MRT-Untersuchung. Schuld an dieser „wenig patientenorientierten“ Entwicklung ist laut Ärztekammer nicht etwa die Geldgier der Ärzte, sondern Deckelungen und Degressionen der Krankenversicherungen führen zwangsläufig zu – oft willkürlichen – Versorgungsengpässen. Die Leistungserbringer, also die Ärzte, müssten dann sehen, wie sie es schaffen, innerhalb der Deckelungen viele Patienten möglichst gut zu versorgen.

Es gibt nicht nur Deckelungen für einzelne Leistungen, sondern für ganze medizinische Fächer. Degressionen wiederum sehen vor, dass ärztliche Leistungen mit steigender Zahl immer schlechter honoriert werden. Deckelungen und Degressionen gibt es auch in Kombination.

Da sie sich niemals nach dem tatsächlichen medizinischen Bedarf orientieren, zwingen sie, so die Kritik der Ärztekammer, immer mehr Patienten dazu, in die private Medizin auszuweichen, um kurzfristig einen Diagnose- oder Behandlungstermin zu bekommen.

Die Österreichische Ärztekammer trete daher vehement für eine sofortige Abschaffung sämtlicher Deckelungen und Degressionen durch die Krankenversicherungen, heißt es. In einem solidarischen Gesundheitssystem dürfe es letztendlich nur einen Maßstab für bezahlte soziale Gesundheitsleistungen geben, und das sei ausschließlich der Bedarf der Patienten.

Weg mit den Deckelungen

„Der einzige Maßstab für bezahlte soziale Gesundheitsleistungen ist der Bedarf.“

Dr. Johannes Steinhart Vizepräsident der ÖÄK,Kurienobmann Niedergelassene Ärzte

Der Bedarf an medizinischen Leistungen im niedergelassenen Bereich wird grundsätzlich immer größer. Das hat nicht nur mit der steigenden medizinischen Betreuungsqualität zu tun, sondern ergibt sich allein aus der Statistik und Demografie heraus. Aufgrund der bekannten und derzeit viel diskutierten Entwicklungen im stationären Bereich ist für die nahe Zukunft darüber hinaus aber auch noch mit einem zusätzlichen großen Patientenstrom zu rechnen, der sich über den niedergelassenen Bereich ergießen wird.

Wir niedergelassene Ärzte übernehmen diese Aufgabe sehr gerne und mit großem Engagement, wenn man uns dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen bietet. Das ist aber derzeit nicht der Fall, im Gegenteil: Ein gewisser Schwellenwert wird jetzt überschritten, wo es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann. Ich bekenne mich sehr klar zu einem solidarischen Gesundheitssystem. Der entscheidende Faktor dabei kann aber einzig der Bedarf sein. Deckelungen hingegen sind von den Sozialversicherungen willkürlich festgesetzte Plafonierungen bei ärztlichen Leistungen, unabhängig davon, wie hoch der Bedarf der Patienten ist.

Nur ein Beispiel für eine nahezu endlose Liste problematischer Deckelungen: Vielfach wird zwar mehr Zuwendungsmedizin und mehr ärztliche Patientenaufklärung gefordert, doch eine „ausführliche diagnostisch-therapeutische Aussprache“ zwischen Arzt und Patient können Allgemeinmediziner mit Kassenpraxis nur in maximal 18 Prozent der Fälle pro Quartal verrechnen.

Weil dieser Wert fernab des realen Patientenbedarfs liegt, bieten schon heute viele Kassenärzte einen guten Teil ihrer Leistungen unentgeltlich an. Das Anbieten medizinischer Leistungen zum Nulltarif muss aber irgendwo Grenzen haben und in vielen Bereichen haben wir diese Grenzen längst erreicht. Auch wenn Ärzte Idealisten sind, können sie als selbstständige Unternehmer da nicht mehr darüber hinweg. Es kann doch nicht sein, dass Arztpraxen betriebswirtschaftlich ins Wanken geraten, weil die Sozialversicherung den Bedarf der Patienten einfach ignoriert. Es muss daher endlich eine Wende in der Gesundheitspolitik eingeleitet werden.

 

Wartezeit führt zu Therapieverzicht

„Jeder in der physikalischen Therapie ‚eingesparte‘ Euro erzeugt doppelte Folgekosten.“

Dr. Friedrich Hartl Obmann der Bundesfachgruppe Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation der ÖÄK

Laut aktuellen Schätzungen wurden die vorgegebenen Deckelungen in der ambulanten physikalischen Krankenbehandlung – in Wien waren das für 2014 etwa 35 Millionen Euro – um 10 bis 20 Prozent pro Ordination überschritten. Obwohl die Leistungserbringer also schon jetzt wesentlich mehr leisten, als sie bezahlt bekommen, sind Engpässe in der physikalischen Behandlung längst Realität. Die Folge sind überlange Wartezeiten, Therapieverzicht der Patienten sowie unnötige finanzielle Belastungen für das Gesundheitssystem.

Einer Stichprobenerhebung in den Wiener Ordinationen im November 2014 zufolge warteten Patienten zwischen 23 und 27 Werktage auf den Beginn einer physikalischen Behandlung. Physikalische Institute berichten über ähnliche Werte. Für über 17 Prozent der Patienten war das offenbar zu lang, sie haben von der eigentlich benötigten Therapie aufgrund der Wartezeiten überhaupt Abstand genommen. Laut einer norwegischen Studie kann das teuer kommen. Sie belegt, dass eine physikalische Kombinationsbehandlung die Krankenstanddauer bei Patienten mit chronischen unteren Rückenschmerzen um mehr als 23 Prozent verkürzt. Würden also in Österreich möglichst viele Patienten, die davon profitieren könnten, in zumutbarer Frist eine physikalische Kombinationsbehandlung bekommen, so hätte das ein enormes Sparpotenzial. Im Gegensatz dazu erzeugt jeder in der physikalischen Therapie „eingesparte“ Euro laut Schätzungen der Fachgruppe doppelte Folgekosten für Krankenstände – dazu kommen Kosten für Medikamente, Spitalsaufenthalte etc.

Wenn die Politik nicht bald etwas unternimmt, wird sich die angespannte Situation noch weiter verschärfen. Wir haben gemeinsam mit der Gesundheit Österreich GmbH eine „Versorgungsstudie Physikalische Medizin und Rehabilitation in Österreich, Aktualisierung 2015“ erstellt, die in Kürze publiziert wird. Sie bestätigt eine „Unterversorgung im gesamten PMR-Bereich, die zwangsweise zur Triagierung von Patienten führt, sodass notwendige Therapiemaßnahmen zum Teil unterbleiben, und berechnet alleine aus demografischen Gründen eine Bedarfssteigerung von acht Prozent bis 2020. Mit Deckelungen wird man diesem Bedarf nicht entsprechen können.

 

Wir könnten, dürfen aber nicht

„Deckelungen führen notgedrungen zu einer Zwei-Klassen-MRT-Diagnostik.“

Dr. Friedrich Vorbeck Obmann der Bundesfachgruppe Radiologie der ÖÄK

Die technologische Weiterentwicklung der MRT führt zu einer kontinuierlichen Ausweitung ihrer diagnostischen Einsatzgebiete und damit – in Kombination mit der demografischen Entwicklung – zu jährlich steigenden Untersuchungszahlen zwischen sechs und zehn Prozent plus. Trotzdem wurde die Versorgung mittels Deckelung auf dem Niveau von 2010 eingefroren. Hinzu kommt, dass auch die Spitäler längst am Limit sind und MRT-Untersuchungen in den niedergelassenen Bereich auslagern müssen. Die Folge: Die Wartezeiten auf eine MRT-Untersuchung steigen, wenn auch regional sehr unterschiedlich. Während sie in Vorarlberg aktuell bei vier Wochen liegen, müssen sich Kassenpatienten in Ostösterreich bis zu zwölf Wochen gedulden – Tendenz steigend. Solche Wartezeiten bringen für Patienten nicht nur lange Perioden mit Schmerzen, sondern auch Diagnose-Ungewissheit mit sich.

Wir wollen unseren Patient helfen, machen das mit großer Freude und Idealismus. Wir könnten unsere Kapazitäten sofort ausbauen, indem wir etwa unsere Öffnungszeiten verlängern und auch am Wochenende oder am Abend aufsperren. Die Deckelungen verunmöglichen das allerdings aus betriebswirtschaftlichen Gründen. In unserem Institut lösen wir das derzeit beispielsweise so, dass wir Montag bis Freitag ganztägig MRT-Untersuchungen durchführen und so über das Jahr innerhalb des Deckels bleiben. Wir könnten problemlos – und wären dazu auch bereit, wie übrigens auch unsere Patienten – in der Nacht oder am Wochenende zusätzliche MRT-Untersuchungen durchzuführen. Die Nachfrage wäre gegeben. Das würde allerdings beträchtliche Mehrausgaben für Überstunden und den Geräteeinsatz mit sich bringen, denen keine zusätzlichen Einnahmen gegenüberstünden. Es ist also nachvollziehbar, dass wir – ebenso wie viele andere Institute – diese Mehrleistung, die für uns einen immensen Kostenfaktor bedeuten würde, nicht anbieten können.

In der Folge kommt es notgedrungen zu einer Zwei-Klassen-MRT-Diagnostik, weil Patienten, die das Geld dafür haben, in private MRT-Institute ausweichen. Entweder im Kassensystem warten oder in das Privatsystem einzahlen: Das ist nicht im Sinn von uns Radiologen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 16/2015

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