zur Navigation zum Inhalt
© Lella/fotolia.com
Wiener Wissenschaftler haben weltweit erstmals alle Aktivitäten der medizinischen Dienstleister eines Landes über einen Zeitraum von zwei Jahren erfasst und untersucht.
 
Gesundheitspolitik 13. April 2015

Gesundheitsrisiken lassen sich exakt prognostizieren

Millionen Daten von Arztbesuchen wurden in Österreich anonym ausgewertet.

Wissenschaftler der MedUni Wien haben ein mathematisches Modell entwickelt, aus dem sich das zukünftige Erkrankungsrisiko für jede einzelne Krankheit vorhersagen lässt. Zudem können auch die Kosten genau prognostiziert werden, die auf das Gesundheitssystem zukommen. Der Einsatz von Vorsorgeprogrammen könnte dadurch besser genutzt werden.

Ein Forscherteam am Institut für Wissenschaft Komplexer Systeme der Medizinischen Universität Wien hat weltweit erstmals alle Aktivitäten der medizinischen Dienstleister eines Landes über einen Zeitraum von zwei Jahren erfasst und untersucht. In Kooperation mit dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger wurde von rund acht Millionen Österreichern in den Jahren 2006 und 2007 jede Erkrankung, jede ärztliche Behandlung und Diagnose, egal ob beim Hausarzt, beim Facharzt oder im Spital, analysiert.1 Damit lässt sich eine ziemlich exakte und personalisierte Risikoeinschätzung für gewisse Erkrankungen ablesen. Ein Detailergebnis: Wer mit 45 Jahren in Österreich an Diabetes leidet, hat ein dreifach erhöhtes Risiko, in späterer Folge zum Beispiel an Demenz oder ein zehnfach erhöhtes Risiko, später an Bluthochdruck zu erkranken.

Krankheiten von A bis Z erfasst

In ihren Untersuchungen erfassten die Forscher unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Klimek und Prof. Dr. Stefan Thurner insgesamt 1.642 Erkrankungen, von A bis Z, von Alzheimer bis hin zu Zahnschmerzen. „Aus unseren Ergebnissen lässt sich eine ganz genaue ‚Erkrankungsdemografie‘ für Österreich ablesen“, erklärt Thurner. „Man kann zum Beispiel genau sehen, an welchen weiteren Erkrankungen, mit welcher Wahrscheinlichkeit und auch wann im weiteren Leben etwa 25-Jährige, die heute Diabetes haben, in zehn Jahren leiden werden.“

Damit konnten die Forscher ein mathematisches Modell erstellen, aus dem sich vorhersagen lässt, wie hoch das zukünftige Erkrankungsrisiko für jede einzelne Krankheit in unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung ist, abhängig von Alter und Geschlecht der Patienten.

„Erkrankungspaare“ identifiziert

In einer weiteren Studie2 untersuchten Klimek und Thurner in Kooperation mit Alexandra Kautzky-Willer von der Gender Medicine Unit an der Medizinischen Universität Wien, inwiefern sich die personalisierten Erkrankungsrisiken für Diabetes-Patienten von jenen der Restbevölkerung unterscheiden. Die Wissenschaftler konnten dabei mehr als hundert sogenannter „Erkrankungspaare“ identifizieren, bekannte, und auch weniger bekannte – so bestätigten sie zum Beispiel eine bislang umstrittene Verbindung zwischen Diabetes und dem Parkinson-Syndrom. Das Risiko hierfür ist mehr als zweifach erhöht. Weiters ist etwa das Risiko für koronare Herzkrankheiten siebenfach erhöht, jenes für die Lungenerkrankung COPD dreifach erhöht und jenes für eine Depression fünffach erhöht. Das könnte so weit führen, dass behandelnde Ärzte, die über diesen nun erfassten Risiko-Score verfügen, künftig personalisiert präventiv therapieren oder vorbeugend mögliche Folgeerkrankungen „abfragen“ können, an die man eigentlich nicht in erster Linie denkt. Thurner: „Wenn etwa Diabetes in seltenen Fällen mit Schlafstörungen assoziiert ist, könnte der behandelnde Arzt den Patienten trotzdem präventiv fragen, ob er schlecht schläft, um späteren schweren Schlafstörungen frühzeitig vorzubeugen.“ Das Risiko, später an Schlafstörungen zu erkranken, ist für junge Diabetes-Patienten zum Beispiel doppelt so hoch.

Gesundheitskosten vorhersehbar

Gleichzeitig lässt sich mit den nun vorliegenden Daten für die heimische Gesundheitspolitik erstmals ganz genau prognostizieren, welche Kosten auf das Gesundheitssystem statistisch gesehen in Zukunft zukommen und wo genau es Sinn machen würde, Vorsorgeprogramme zu starten. Klimek: „Aber natürlich immer vorausgesetzt, dass sich an der grundsätzlichen Qualität der medizinischen Versorgung in Österreich nichts ändert.“

Originalpublikationen:
1 Anna Chmiel, Peter Klimek, Stefan Thurner. New J. Phys. 2014; 16:115013
2 Peter Klimek, Alexandra Kautzky-Willer, Anna Chmiel, Irmgard Schiller-Frühwirth, Stefan Thurner. PloS Computational Biology 2015

MedUni Wien, Ärzte Woche 16/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben