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Gesundheitspolitik 7. April 2015

Diabetes-Programm wirkt gut: Mehr Ärzte ins Boot holen

Wer eine strukturierte Betreuung erhält, hat eine höhere Lebensqualität, weniger Folgeerkrankungen und stirbt später.

"Diabetes geht uns alle an", begründet Mag. Peter McDonald die jüngste Initiative der Sozialversicherung zur Verbreiterung des an und für sich seit Jahren erfolgreichen Disease-Management-Programms für Diabetes-II-Patienten. "Viele sind betroffen, alle sind gefährdet, denn in naher Zukunft wird der Anteil der Erkrankten noch einmal um ein drittel ansteigen."

In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der an Diabetes mellitus Typ-II-Erkrankten in Mitteleuropa um 40 Prozent erhöht. Laut Expertenprognosen wird die Entwicklung auch in den kommenden Jahren in einem ähnlichen Tempo voranschreiten. In Österreich leiden aktuell über eine halbe Million Menschen an dieser Krankheit. Auch hierzulande ist ein Zenit noch lange nicht absehbar.

Menschen mit Diabetes leiden aber nicht nur an der Krankheit selbst, sie werden durch sie auch zu Hochrisikopatienten für viele Folgeerkrankungen. So verdoppelt sich etwa das Risiko einer Herz-Kreislauf- oder einer Bluthochdruck-Erkrankung, das Schlaganfall-Risiko potenziert sich gar um das Zehnfache.

42.000 Patienten in strukturierter Betreuung

Ein Versuch, auf die daraus ableitbaren Herausforderungen für das Gesundheits-, aber auch das Sozialsystem zu reagieren, war die Entwicklung des strukturierten Betreuungsprogrammes „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ durch die Sozialversicherung im Jahr 2007. Patienten im Programm werden in Kleingruppen geschult und von Allgemeinmedizinern oder Internisten individuell betreut. Gemeinsam werden individuelle Zielsetzungen vereinbart und regelmäßige Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt. Damit soll die Lebensqualität der Betroffenen zumindest gehalten und Folgeerkrankungen sollen frühzeitig erkannt und entsprechend therapiert werden.

Aktuell sind etwas mehr als 42.000 Patienten und 1.140 Mediziner in das Programm eingebunden, das derzeit in sechs Bundesländern angeboten wird. Die derzeit noch fehlenden Länder Tirol, Burgenland und Kärnten sollten in Kürze integriert werden, entsprechende Verhandlungen sind gerade im Laufen.

Wie Hauptverbands-Vorsitzender Peter McDonald streicht auch Prof. Dr. Thomas Wascher, Präsident der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft (ÖDG), die beispielhafte Zusammenarbeit zwischen Fachgesellschaft und Sozialversicherung hervor: „Die Fachgesellschaft vertritt nicht nur die fachliche Kompetenz, sie hat auch die Aufgabe, das Leben der Betroffenen besser zu machen. Dazu gehört das Angebot einer strukturierten Betreuung. Wir haben in den letzten Monaten sehr intensiv daran gearbeitet, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in das Programm einzuarbeiten.“ Teilnehmende Ärzte müssen ein Einstiegsseminar absolvieren, das auch als E-Learning-Modul angeboten wird, sowie eine jährliche diabetes-spezifische Weiterbildung besuchen.

Obwohl die Zusatzleistung von der Sozialversicherung offenbar adäquat honoriert wird („eine gut bezahlte Leistung“, sagt Dr. Barbara Degn, Allgemeinmedizinerin und Therapie-Aktiv-Ärztin), fehlt es derzeit ein wenig an der Bereitschaft der Ärzte, sich im Programm stärker zu engagieren. Dafür wird in erster Linie der befürchtete bürokratische Zusatzaufwand verantwortlich gemacht. Ein gewisser organisatorischer Mehraufwand sei mit dem Programm zweifellos verbunden, gibt auch Degn zu, dieser wäre aber bei entsprechender Organisation und Delegation an die Assistenten „durchaus bewältigbar“.

Evaluierung bestätigt Erfolg

Ein zusätzliches Argument im Bemühen, zukünftig mehr Ärzte für das Programm rekrutieren zu können, stellen jetzt die Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluierung dar. Ziel der Evaluierung war es einerseits, die medizinische Effektivität des Programms zu überprüfen, andererseits aber auch seine ökonomischen Auswirkungen darzustellen.

Die Ergebnisse hätten dabei „doch recht eindrucksvoll gezeigt, dass durch eine strukturierte Betreuung eine signifikante Verbesserung von Diabetes-Patienten eingetreten ist“, erläutert die Studienautorin Prof. DI Dr. Andrea Berghold vom Institut für medizinische Informatik, Statistik und Dokumentation an der MedUni Graz. So konnte innerhalb der untersuchten Gruppe (7.000 Teilnehmer des Programms, die sich 2008/2009 eingeschrieben hatten), eine statistisch signifikante Reduktion der Mortalität um 35 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe belegt werden. Auch bei sämtlichen Folgeerkrankungen hätten die Programmteilnehmer „durchwegs besser abgeschnitten als die Kontrollgruppe“, bestätigt Berghold. So konnte etwa die Zahl der Schlaganfälle um zehn Prozent verringert werden.

Ein wesentlicher Grund für die Wirksamkeit des Programms ist für Therapie-Aktiv-Ärztin Degn der regelmäßige Kontakt zwischen Patienten und ihrem Arzt. „Damit wird sichergestellt, dass uns die Patienten nicht am Weg verloren gehen und alle Untersuchungen, die nachgewiesenermaßen helfen, auch tatsächlich durchgeführt werden.“

Aber auch was die ökonomische Auswirkung betrifft, konnten durch die Evaluierung Erfolge beziffert und eine Kosteneinsparung von insgesamt rund zehn Prozent herausgerechnet werden. Das sind im Schnitt „also rund 1.000 Euro pro Jahr und pro Patient weniger“, sagt Berghold. Die Arzt-Eigenkosten wären zwar um etwas mehr als zehn Prozent gestiegen, da sich die Patienten in einer regelmäßigeren und umfassenderen Betreuung befinden, sämtliche andere Kosten, etwa Aufenthalte im stationären Bereich, Sozialkosten, Kosten aus dem Produktivitätsverlust etc. sind dafür aber umso stärker gesunken.

„Mit den vorliegenden Ergebnissen sind die von uns angenommenen Erfolge jetzt auch wissenschaftlich belegt“, fasst Dr. Reinhold Pongratz, Leitender Arzt der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse, die Studienerkenntnisse nochmals zusammen. Die strukturierte Langzeitbetreuung habe sich gerade bei Diabetes-Patienten absolut bewährt und zu einer eindeutigen Steigerung der Lebensqualität geführt. Das sei nicht zuletzt deshalb gelungen, weil „die Patienten durch das Programm auch lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Daher werden wir ‚Therapie Aktiv – Diabetes im Griff‘ weiter unterstützen und wollen das Programm zukünftig aber noch besser vermarkten als bisher, um damit noch mehr in die Breite zu kommen.“

Teilnahmebereitschaft der Ärzte erhöhen

Ähnlich definiert auch ÖDG-Präsident Wascher die aktuelle Aufgabenstellung: „Wir wollen versuchen, die Teilnahmebereitschaft der Ärzte zu erhöhen und mehr von ihnen zum Mittun zu bewegen.“ McDonald will dafür „sanften Druck“ auf die Ärzte ausüben. „Mit den vorliegenden Evaluierungsergebnissen sollte uns das auch gelingen.“

Pongratz vermeidet den Begriff Druck, setzt auf das persönliche Gespräch mit den Ärzten. „In der Steiermark haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, Ärzte in ihren Ordinationen direkt zu besuchen und ihnen dort das Programm im Detail vorzustellen. Das nimmt etwas die Angst vor einer überbordenden Dokumentation.“ Die medizinische Arbeit müssten natürlich die Ärzte selbst erledigen. Viele organisatorische und logistische Aufgaben könnten jedoch delegiert oder standardisiert ausgelagert werden, ist Pongratz überzeugt.

Auch die vorgesehene Schulung der Patienten könnte zukünftig anders organisiert werden, stellt Pongratz in Aussicht. „Da schauen wir gerade, dass wir entsprechend weiterkommen.“ Derzeit seien erst rund 50 Prozent der Patienten geschult, der Bedarf entsprechend hoch. „Wir überlegen, mobile Schulungsteams überall dort anzubieten, wo Ärzte diese Aufgabe aus Kapazitätsgründen nicht selbst übernehmen können.“

Ein wichtiges Hilfsmittel, um die Arbeit der Ärzte zukünftig zu unterstützen, wird auch das aktualisierte Diabetes-Arzt-Handbuch sein, das die anfangs erwähnten „neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse“zusammengefasst hat. „Der Inhalt des Handbuches ist bereits mit der Fachgesellschaft abgestimmt, wird jetzt nur mehr redaktionell aufbereitet“, sagt Pongratz abschließend: „Dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit der Fachgesellschaft und Präsident Wascher werden wir das Handbuch in den nächsten Wochen veröffentlichen und allen interessierten Ärzten zur Verfügung stellen können.“

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