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Gesundheitspolitik 7. April 2015

Broschüren reichen da nicht aus

Das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) kritisiert die "Alibi-Aktionen" der Politik im Kampf gegen Übergewicht.

Im kürzlich veröffentlichten Zwischenbericht der Kommission zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen fordert die WHO alle Staaten auf, dem dramatischen Anstieg von Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern entgegen zu wirken. Reine Informationsmaßnahmen hätten nachweisbar keinen Effekt, viel mehr müssen diese durch die Schaffung neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen wie Strafsteuern und Werbeverbote für ungesunde Nahrungsmittel verstärkt werden.

Das ÖAIE kritisiert die österreichische Regierung mit aller Deutlichkeit, das Problem des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen nicht ernst zu nehmen, und fordert diese auf, statt wirkungsloser Alibi-Aktionen endlich konkrete Strategien und Maßnahmenpläne vorzulegen.

Vielfach irreversibel erhöhtes Gesundheitsrisiko

Zwischen 1980 und 2013 stieg die Zahl der übergewichtigen Kinder weltweit um mehr als 47 Prozent. Unter den vielfältigen Folgekrankheiten wie psychische Erkrankungen, Magen-Darm-Störungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes leiden nicht nur die Betroffenen, sie treiben auch die öffentlichen Gesundheitssysteme an den Rand der Finanzierbarkeit. Langzeitstudien besagen laut WHO zudem, dass Übergewicht in der Kindheit ein lebenslang erhöhtes Gesundheitsrisiko verursacht, selbst wenn im Erwachsenenalter Normalgewicht erreicht wird.

„Politik und Gesellschaft müssen endlich damit aufhören, Übergewicht als harmlose Erscheinung abzutun“, sagt Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des ÖAIE. „Übergewicht ist eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung, die gerade bei Kindern und Jugendlichen massive Schäden für das gesamte weitere Leben anrichten kann.“

Einzelmaßnahmen reichen nicht

Zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen sind schulische Einzelmaßnahmen auf freiwilliger Basis bei weitem nicht ausreichend. Nur durch ein strategisch abgestimmtes, verbindliches Maßnahmenpaket, an dem alle Verantwortlichen aus den Bereichen Gesundheit, Bildung, Freizeit, Industrie und Handel in die Pflicht genommen werden, können Kinder nachhaltig dazu gebracht werden, Übergewicht vorzubeugen, indem sie sich gesund ernähren und ausreichend bewegen.

Zu den konkreten Maßnahmen, die die WHO Regierungen vorschlägt, zählen unter anderem die klare Definition, Kennzeichnung und Bewerbung von gesunden Lebensmitteln sowie die Einführung von höheren Steuern und Werbebeschränkungen für ungesunde, kalorienreiche Lebensmittel und zuckerhaltige Limonaden wie auch deren komplette Verbannung aus dem schulischen Umfeld.

Darüber hinaus soll die Infrastruktur für physische Freizeitaktivitäten sowohl in Schulen als auch im öffentlichen Raum ausgebaut und ein gesunder Lebensstil aktiv beworben werden. Ebenfalls empfohlen werden die ernährungsmedizinische Schulung von Kindergärtnern, Lehrern und Betreuungspersonal und die Verankerung von Ernährung und Bewegung in den schulischen Lehrplänen.

Massive Versäumnisse der Politik

Obwohl die WHO bereits im Sommer 2013 im Rahmen einer internationalen Ministerkonferenz in Wien den „Food and Nutrition Action Plan 2014–2020“ präsentierte, der als Ziel vorgibt, bis 2020 die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen um zehn Prozent zu senken, und nun einen weiteren dramatischen Bericht vorlegt, sei vonseiten der österreichischen Regierung bislang nichts geschehen, konstatiert das ÖAIE.

„Wir haben in Österreich nach wie vor keine ausgewerteten Daten zum Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen, obwohl Schulärzte jährlich Größe und Gewicht der Schüler messen“, kritisiert Widhalm die in Österreich fehlende Grundlage für seriös evaluierbare Programme. „Wir haben auch keinen ernährungsmedizinischen Unterricht an Schulen. Von der verpflichtenden Verbannung ungesunder Ernährung aus den Schulen sind wir noch meilenweit entfernt und die tägliche Turnstunde gibt es nach wie vor nicht in allen Schultypen.“ Prof. Dr. Thomas Stulnig, Klinik für Innere Medizin III der Medizinischen Universität Wien, ÖAIE-Vorstandsmitglied, ergänzt: „In Österreich gibt es keine universitären Forschungseinrichtungen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und Bezugspersonen wie Kindergärtner, Lehrer und Betreuungspersonal wissenschaftlich fundiert ernährungsmedizinisch ausbilden können.“

Unverbindliche Informationsmaßnahmen wie Broschüren und Vorträge tun Widhalm und Stulnig als Alibi-Aktionen ab: „Dass solche Maßnahmen einzeln gar keinen nachhaltigen Effekt haben, ist wissenschaftlich hinlänglich bekannt. Wir fordern die verantwortlichen Politiker dazu auf, endlich verantwortungsvoll mit dem sehr ernsten Problem des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen umzugehen. Wir brauchen – wie von der WHO gefordert – konkrete, wissenschaftlich fundierte Strategien und Maßnahmenpläne, die wir zügig umsetzen können - das sind wir unserer nächsten Generation schuldig.“

Quelle: Pressinformation „WHO fordert drastische und wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen“ vom 23. März 2015

Der WHO-Zwischenbericht der Kommission zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen (Interim Report of the Commission on Ending Childhood Obesity) ist hier downloadbar: http://bit.ly/1HWKs4J

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