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Mit Europas Gewässern steht es nicht zum besten. Nicht überall ist das so deutlich zu sehen, wie in der Amsterdamer Innenstadt.

 

 
Gesundheitspolitik 27. März 2015

Umwelt und Europa: Ein Zwiespalt

Ein aktueller Bericht bewertet den Zustand der europäischen Umwelt. Dabei ist ein positiver Trend zu verzeichnen, die gesteckten Ziele liegen trotzdem in weiter Ferne.

Bei der Verringerung von Umweltbelastungen kann Europa durchaus beachtliche Erfolge vorweisen. Das gilt auch für Österreich. Trotzdem sieht die Zukunft nicht rosig aus.

Anfang März wurde in Wien der von der Europäischen Umweltagentur erstellte Bericht „Die Umwelt in Europa - Zustand und Ausblick 2015“ präsentiert. „Im Jahr 2015 befindet sich Europa etwa auf halbem Weg zwischen der Einführung von Umweltschutzmaßnahmen in den frühen 1970ern und dem EU-Leitgedanken für 2050“, heißt es darin. Dieser Leitgedanke wird folgendermaßen formuliert: „Gut leben innerhalb der Belastbarkeitsgrenzen unseres Planeten“ und basiert auf der Erkenntnis, „dass Europas wirtschaftlicher Wohlstand untrennbar mit seiner natürlichen Umgebung verbunden ist – von fruchtbaren Böden hin zu sauberer Luft und reinem Wasser.“

Wer von 2015 auf die letzten 5 bis 10 Jahre zurückblickt, kann vonseiten der Europäischen Umweltagentur (EUA) positive Entwicklungen melden: etwa bei der Wasserqualität, bei industriebedingter Verschmutzung von Umweltmedien, der Auswirkung von Luftschadstoffen auf Ökosysteme (Versauerung), der Abfallbewirtschaftung, bei Energieverbrauch, Nutzung erneuerbarer Energien sowie den Treibhausgasemissionen. So ist beispielsweise die Abfallentstehung im EU-28-Raum im Zeitraum von 2004 bis 2012 um sieben Prozent gesunken (pro Kopf). Weniger Abfall landet heute auf Deponien und die Wiederverwertungsrate von Siedlungsabfällen stieg von 28 auf 36 Prozent an. Österreich ist hier mit fast 60 Prozent Recyclingrate hinter Deutschland Zweiter.

Ziele in weiter Ferne

Auch die Treibhausgasemissionen sanken zwischen 1990 und 2012 um rund 19 Prozent, obwohl die Wirtschaftsleistung (BIP) um 45 Prozent anstieg. Von der für das Jahr 2050 angepeilten 80 bis 95-prozentigen Reduktion der Emissionen ist die EU allerdings noch weit entfernt.

Eine negative Entwicklung konstatiert die EUA etwa bei Artenvielfalt, Landnutzung und Bodenfunktionen (Versiegelung, Intensivierung der Agrarproduktion) und den Risiken des Klimawandels für Gesundheit (Hitzewellen, Ausbreitung von Zecken und Tigermücke) und Ökosysteme: „Die Gletscher, Eisschilde und das Eis in der Arktis sind sehr viel schneller geschmolzen als ursprünglich prognostiziert. Der Klimawandel beeinträchtigt des Weiteren die europäischen Meere durch Versauerung und steigende Wassertemperaturen. Die Küstenlinie wird durch steigende Meeresspiegel, Erosion und heftige Stürme bedroht. In Süd- und Osteuropa leiden die Süßwassersysteme unter zurückgehenden Wassermengen der Flüsse, in anderen Regionen dagegen unter zunehmenden Wassermengen. In der Landwirtschaft gibt es eine steigende Nachfrage nach Wasser für die Bewässerung (vor allem in Süd- und Westeuropa). Und die Wälder werden durch Stürme, Schädlinge, Krankheiten, Trockenheit und Waldbränden belastet.“

Unterschätzte Chemiebelastung

Hinsichtlich der Risiken durch Chemikalien hält die EUA fest: „Es besteht zunehmend Konsens darüber, dass durch das derzeitige Paradigma, bei dem stets einzelne Chemikalien unter der Annahme betrachtet werden, dass die Wirkung linear mit der Belastung ansteigt, die Risiken für die menschliche Gesundheit unterschätzt werden.“ Besonders problematisch seien endokrin wirksame Chemikalien, die mit der Zunahme hormoneller Störungen und Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.

Ein „gemischtes Bild“ ergibt sich laut EUA bei den Gesundheitsrisiken durch Luftverschmutzung und Lärm. „Europas Luftqualität verbessert sich langsam, insbesondere Feinstaub und Ozon haben jedoch weiterhin ernsthafte Folgen für die Gesundheit“, so die Umweltagentur. Sie schätzt, dass im Jahr 2011 etwa 430.000 frühzeitige Todesfälle in der EU-28 auf Feinstaub zurückzuführen waren. Explizit spricht die EUA die negativen Auswirkungen der Förderung von Dieselfahrzeugen auf die Luftqualität in Europas Städten an. Insofern erscheint es unverständlich, warum in Österreich im Rahmen der Steuerreform die steuerliche Bevorzugung von Diesel nicht endlich beseitigt wurde. Kanzerogene Benzo(a)pyren-Emissionen stiegen in der EU um 21 Prozent an, Ursache dürfte die Zunahme der Emissionen aus häuslicher Verbrennung (Holzheizungen) sein.

Lärm und Klimawandel

Die Belastung durch Lärm in städtischen Ballungsräumen hat sich zwischen 2006 und 2011 wenig verändert. Schätzungen gehen davon aus, dass Umgebungslärm (zumeist Verkehrslärm) jährlich zu mindestens 10.000 frühzeitigen Todesfällen durch Herzinfarkte führt. Wahrscheinlich sei dies deutlich zu niedrig geschätzt, da viele Länder keine vollständigen Datensätze zur Verfügung stellen, bedauert die EUA.

Für die Zukunft zeichnet für die Umweltagentur ein düsteres Bild. Sie geht für keinen Bereich von positiven Entwicklungen aus, höchstens von einem „gemischten Bild“. Insgesamt erwartet sie negative Entwicklungen bei Artenvielfalt, Landnutzung und Bodenfunktionen, Auswirkungen des Klimawandels auf die Ökosysteme, Energieverbrauch und Nutzung fossiler Brennstoffe, Treibhausgasemissionen und Klimaschutz, Transportaufkommen und daraus resultierende Umweltbelastungen sowie bei den Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel. Die Luftqualität wird sich durch die Klimaerwärmung verschlechtern (Ozonanstieg), in dessen Gefolge wird auch die Pollenbelastung steigen. Bestes Beispiel hierfür ist das sich aggressiv ausbreitende Ragweed, dessen Pollen zu den stärksten Allergie-Auslösern zählen.

„Die bestehenden regionalen Unterschiede (etwa zwischen Nord- und Südeuropa) hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und der Anpassungskapazitäten könnten sich verstärken und das sozioökonomische Ungleichgewicht in Europa verstärken“, sagt die EUA.

Nötig ist eine wirtschaftliche Entwicklung, die ressourceneffizient ist, die begrenzte Belastbarkeit unseres Planeten respektiert und sozial gerecht abläuft“, so die EUA. Wirtschaftliche, umweltbezogene und soziale Ziele seien daher gleichzeitig zu verfolgen. Zudem müsse man systemische Herausforderungen verstehen (und sich ihnen stellen). Die Dynamik von Umweltsystem könne zum Beispiel bedeuten, dass es eine beträchtliche Zeitverzögerung gibt, bis sich sinkende Belastungen auch in einer Verbesserung des Umweltzustandes zeigen. Außerdem blieben viele Belastungen trotz der in jüngerer Zeit erzielten Reduktionen hoch. „Rückkopplungen, wechselseitige Abhängigkeiten und Sackgassen“ untergraben zudem viele Anstrengungen. „Durch eine höhere Effizienz etwa von Produktionsprozessen können etwa die Kosten für Güter und Dienstleistungen gesenkt werden, was zu mehr Konsum anregt (Rebound-Effekt)“, erläutert die EUA. Veränderte Belastungsmuster und erhöhte Vulnerabilitäten (etwa durch Verstädterung, Alterung der Bevölkerung und Klimawandel) können die Vorteile von gesenkten Umweltbelastungen verringern oder sogar aufheben. Eine große Herausforderung bestehe auch darin, Möglichkeiten zu finden, die globalen Produktions- und Verbrauchssysteme deutlich sozialer und ökologischer zu machen.

Heute über morgen entscheiden

Durch die gleichzeitige Berücksichtigung von vier politischen Ansätzen – Verringern (von Umweltbelastungen), Anpassen (etwa an den Klimawandel), Vermeiden (von Schäden) und Wiederherstellung (von degradierter Umwelt) – könne der Übergang zu umweltfreundlichem Wirtschaften beschleunigt werden. Wichtig wäre auch, umweltschädliche Subventionen, etwa für fossile Energie, Flugverkehr oder Kernenergie, abzuschaffen.

„Letztlich bestimmen viele der Entscheidungen, die wir heute treffen, darüber, ob wir 2050 tatsächlich innerhalb der Belastungsgrenzen unseres Planeten gut leben“, sagt der Prof. Dr. Hans Bruyninckx, Exekutivdirektor der EUA.

Download des Gesamtberichts:

http://www.eea.europa.eu/ soer-2015/synthesis/die-umweltin-europa-zustand

Peter Wallner, Ärzte Woche 14/2015

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