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Gesundheitspolitik 30. März 2015

„Müssen mehr Mut haben, einfach einmal etwas Neues auszuprobieren“

Der neue Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin Dr. Christoph Dachs im Ärzte Woche-Interview über verschleppte Reformprozesse, die Ineffizienz des „Doctor Hoppings“, die Kompetenz der Pflege und ELGA-Verschwörungstheorien.

Dr. Christoph Dachs spricht darüber, wie man das System stärken kann und dass dafür ein durchdachtes Gesamtpaket notwendig wäre. Einzelmaßnahmen der Entscheidungsträger sind allerdings nicht zielführend, um die derzeitigen Probleme in den Griff zu bekommen. Weiters macht er sich für eine gute interprofessionelle Zusammenarbeit stark. Das soll Kosten senken und den Patienten helfen.

Die Bedeutung des Allgemeinmediziners – oder auch Family Doctors oder Vertrauensarztes – für die Qualität und Effizienz der medizinischen Grundversorgung wird von allen Seiten beinahe schon inflationär herausgestrichen. Die Realität sieht aber anders aus: reduzierte Kassenstellen, fehlende Bewerber, finanzielle Benachteiligung, familienfeindliche Arbeitsbedingungen und ein mäßiges Image unter Fachkollegen und Studenten. Was ist da schiefgelaufen?

Dachs: Fakt ist, dass im Moment immer weniger Kassenstellen zu besetzen sind, weil immer weniger junge Ärzte nachkommen, immer weniger junge Menschen sich zum Allgemeinmediziner ausbilden lassen. Auf der anderen Seite sehe ich aber schon, dass die Politik und die Systemverantwortlichen inzwischen zumindest teilweise erkannt haben, dass es ohne gute Allgemeinmedizin nicht geht und sich ernsthaft die Frage stellen: Wie kann man das System stärken? Allerdings habe ich schon den Eindruck, dass in manchen Bereichen die tatsächliche Dramatik der Situation noch nicht angekommen ist. Es geht nicht nur darum, etwas zu ändern, es muss auch sehr rasch etwas passieren. Wenn wir nicht jetzt sofort damit beginnen, haben wir bereits verloren. Wenn wir es nicht schaffen, mehr Nachwuchs in die versorgungsrelevanten Bereiche zu bekommen, wird das System sterben – und ein neues aufzubauen wird nicht mehr gelingen. Der Zeitfaktor ist dabei ganz entscheidend. Strukturen und Prozesse aufzubauen bzw. zu verändern, das dauert sehr lange. Wir müssen daher auch den Mut haben, einfach auch einmal etwas Neues auszuprobieren, um dann zu entscheiden, ob die Modelle praxisfähig sind oder nicht.

Alle sprechen von der Entlastung des stationären durch den ambulanten Sektor. Aber ist der niedergelassene Bereich – speziell die niedergelassene Allgemeinmedizin – überhaupt in der Lage, Patienten aus dem stationären Bereich zu übernehmen?

Dachs: In Moment macht es überhaupt keinen Sinn, Patienten umzuschichten. Nicht weil wir niedergelassenen Mediziner das nicht wollen, sondern weil das sowohl die bestehenden Strukturen als auch die Kollegen vollkommen überfordern würde. Wir müssen zuerst die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Wenn wir das getan haben, dann wird es auch funktionieren – und dann macht ein Umlenken der Patientenströme durchaus Sinn, weil wir damit eine kostengünstige, hochwirksame und qualitativ hochstehende Medizin anbieten können. Das derzeit betriebene „Doctor Hopping“, das nachgewiesenermaßen ineffizient ist, würde damit deutlich zurückgehen.

Ein gutes Beispiel dafür, dass man Lösungen nur findet, wenn man das Gesamtsystem berücksichtigt, war das Scheitern der Ambulanzgebühren als Steuerungsinstrument. Die Idee dahinter ist aus meiner Sicht gar nicht schlecht, trotzdem ist sie mit Bomben und Granaten untergegangen, weil sie eine isolierte Maßnahme geblieben ist und das rundum nicht entsprechend angeschaut und vor allem angepasst wurde.

Primary Health Care ist das aktuelle „Zauberwort“ der Gesundheitsreform. Wo sehen Sie Chancen, wo Gefahren eines PHC-Systems?

Dachs: Mit dem Begriff PHC sind wir nicht mehr ganz glücklich, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Primary Health Care heißt ja nichts anderes als medizinische Grundversorgung. Wir müssen einmal klar definieren, was wir darunter verstehen, etwa unter den Begriffen Kooperationen und multiprofessionelle Zusammenarbeit.

Wir in der ÖGAM verstehen unter PHC aber in erster Linie eine verbesserte Vernetzung der bestehenden Einzelpraxen – das heißt konkret: Ordinationszeiten abstimmen, um auch Tagesrandzeiten abdecken zu können; eine verbesserte Zusammenarbeit mit den Fachärzten, Ambulanzen und anderen nicht-ärztlichen Gesundheitsanbietern wie Pflegekräften, Therapeuten aber zum Beispiel auch Sozialarbeitern; eine Computer-Vernetzung der Praxen untereinander etc. Ziel muss es sein, dass der Patient immer weiß, wohin er sich mit einem Problem in seiner Umgebung wenden kann.

Die Strukturen für eine solche Vernetzung muss uns allerdings die Politik vorgeben. Ein Beispiel: Immer wieder wird als ein zentraler Aspekt für eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pflege das Wundmanagement genannt. Ich bin davon überzeugt, dass die Pflege diese Aufgabe hervorragend abdecken könnte. Heute ist es aber leider so: Wenn ich eine Pflegekraft zum Wundmanagement zu einem Patienten schicke, muss er dafür einen Selbstbehalt zahlen, wenn ich selbst hinfahre, bekommt er die Leistung kostenlos. Was glauben Sie, wen der Patient anfordern wird? Das ist keine Frage der Qualität, wird aber erst funktionieren, wenn die Kosten dafür zu 100 Prozent abgedeckt werden.

Wir brauchen – und wir wollen – eine interprofessionelle Zusammenarbeit. Da müssen wir, wo noch vorhanden, ärztliche Standesdünkel ablegen und flache Hierarchien im Sinne des Patienten etablieren. Ich erkenne die Kompetenz der Pflege sehr wohl an. Es gibt viele Dinge, welche die Pflege besser leisten kann als wir Ärzte.

Wir haben derzeit auch eine große Diskussion mit der Pflege, was die selbstständige Verschreibung betrifft. Darin sehe ich wiederum keinen Sinn, weil wir dadurch erneut Parallelstrukturen aufbauen würden, die nicht zu einer verbesserten Zusammenarbeit führen. Nochmals, ich habe kein hierarchisches Denken, ich will nicht über die Pflege hinweg bestimmen, sondern möglichst gut mit ihr kooperieren, in beidseitigem Interesse und vor allem im Patienteninteresse. Gute Strukturen, die ein konsequentes gemeinsames Vorgehen ermöglichen oder erleichtern, begrüße ich.

Zur Ausbildung der Allgemeinmediziner: Sind sie mit der Ausbildungsreform und ihrer derzeitigen Umsetzung zufrieden, Stichwort Lehrpraxis?

Dachs: Sechs Monate Lehrpraxis sind zwar nur ein Kompromiss, aber wir sind froh, zumindest diesen erreicht zu haben. Die Finanzierung der Lehrpraxis ist noch immer völlig ungeklärt, was schade ist, weil es sich letztendlich ja um keinen großen finanziellen Posten handelt. Wichtig ist es jetzt sicherzustellen, dass in der Lehrpraxis eine entsprechende Ausbildungsqualität angeboten wird. Es wurden da ja bereits Schritte gesetzt und eine Lehrpraxisverordnung verabschiedet, die Mindeststandards festlegt. Zudem haben wir erst vor wenigen Tagen auch Ausbildungskriterien für Lehrpraxisinhaber vereinbart, die von der Ärztekammer angenommen wurden und hoffentlich bald umgesetzt werden. Wenn wir von den Lehrpraxisinhabern aber Qualität einfordern, dann müssen wir sie dafür auch entsprechend finanziell entschädigen. Wir fordern daher, dass die Lehrpraxis zu 100 Prozent bezahlt wird. Man kann nicht Qualität und Engagement von den Ausbildenden verlangen und dann auch noch, dass sie Teile der Ausbildung selbst bezahlen müssen.

Was die Ausbildungsreform zum Allgemeinmediziner betrifft, sind wir froh, dass endlich etwas geschehen ist. Die Reform hat viele unserer jahrelangen Forderungen aufgegriffen, wenn auch manche Details bislang noch ungeklärt sind. Wichtig ist uns, dass die jungen Kollegen bereits klinisch gut vorbereitet und nicht zum Systemerhalter degradiert werden.

ELGA wurde im niedergelassenen Bereich auf 2017 verschoben. Sind Sie froh darüber?

Dachs: Ich weiß, dass ich da mancherorts anecke, aber ich sehe durchaus Chancen durch ELGA und kann manche Verschwörungstheorien in der Kollegenschaft nicht nachvollziehen. ELGA pauschal abzulehnen, halte ich für nicht sinnvoll. Aber natürlich muss zuerst die Sicherheit des Systems absolut gewährleistet sein. Wir sollten jedenfalls konstruktiv mitarbeiten, damit das System am Ende so funktioniert, wie es für unsere Patienten und uns Ärzte Sinn macht. Ich bin auch nicht für Halblösungen, Opt-out-Diskussionen etc. Entweder wir setzen ELGA konsequent und flächendeckend um oder wir lassen es ganz bleiben.

Das Gespräch führte Mag. Volkmar Weilguni.

zur Person

MR Dr. Christoph Dachs

Arzt für Allgemeinmedizin, führt eine Kassenarztordination in Hallein, Salzburg. Er ist zudem Lehrbeauftragter an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Salzburg. Am 1. März wurde Dachs zum neuen Präsidenten der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Familien- und Allgemeinmedizin) gewählt.

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