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Viele rücken den Patienten demonstrativ in den Mittelpunkt, dort wird er aber oft beharrlich ignoriert.
 
Gesundheitspolitik 28. März 2015

Der Patient steht in der Mitte – und manchmal stört er da nur

Patienten, Prozesse und Qualität standen im Mittelpunkt des Gesundheitswirtschaftskongresses. Um Prozesse und Qualität optimieren zu können, müssen diese zuerst sichtbar gemacht werden.

Viele Themen, Meinungen, Wünsche, Diskussionen und viel Kritik – vereinzelt sogar Selbstkritik: Der 7. Österreichische Gesundheitswirtschaftskongress in Wien gestattete sich einen breiten inhaltlichen Bogen. Am spannendsten wurde es dann aber in der Darstellung möglicher kleiner Reformen.

„Wir müssen eine Politik der kleinen Schritte machen, nicht eine der großen Reformen. Wir müssen kurze Wege gehen, nur so können wir unsere aktuellen Probleme lösen“, diagnostizierte Dr. Gerald Fleisch, Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsges.m.b.H., im Rahmen eines der zahlreichen Diskussionsforen und gab damit gleichsam das Motto der Veranstaltung vor. Vielleicht beschreibt aber eine andere Anmerkung Fleischs sogar noch viel treffender den Grundtenor der Referenten und Zuhörenden: „Wir sind zwar toll im Analysieren, aber ganz schlecht im Umsetzen.“ Nun, an diesem Tag wurde jedenfalls viel analysiert und viel geredet. Wie viel davon irgendwann auch umgesetzt werden wird, bleibt letztendlich der Fantasie der über 400 Kongressteilnehmer überlassen.

Drei Themenbereiche zogen sich wie ein roter Faden durch den Kongresstag und tauchten in unterschiedlichen Foren, Vorträgen und informellen Buffetgesprächen immer wieder von Neuem auf:

• Prozessoptimierung

• Patientenorientierung

• Qualitätstransparenz

Prozessoptimierung

Wie in vielen anderen Branchen bereits seit Jahren Usus, „heißt das Zauberwort jetzt auch in der Gesundheitswirtschaft: Prozesse“, betonte Kongresspräsident Prof. Heinz Lohmann. Nicht immer schneller, sondern anders zu arbeiten, müsse die Devise sein, andernfalls drohe der Kollaps aller Beteiligten, also der Ärzte und Patienten gleichermaßen – und damit schlussendlich auch des Systems. Die Spitäler müssten daher ihre Behandlungsprozesse neu strukturieren und endlich „vom Handbetrieb auf Automatik“ umkrempeln, wollen sie nicht die immer wertvoller werdende Ressource Arzt und Pflegekraft „mit dem üblichen Improvisationstheater verplempern.“

Das vorgegebene Ziel eines digitalen Workflows in der Klinik sei rein technisch gesehen durchaus realisierbar, stimmte Hermann Kamp, CEO der ClinicAll International Corporation, zu. Darin würde viel Effizienzpotenzial schlummern, allerdings brauche die IT-Branche erst einmal strukturierte klinische Prozesse als Voraussetzung, um diese dann EDV-mäßig automatisieren zu können. Darauf hätte die Medizin in der Vergangenheit „offenbar nicht so viel Wert gelegt“.

Einen ganz anderen Aspekt, der letztendlich aber auch eng mit dem Thema Prozessoptimierung im Gesundheitswesen verknüpft ist, bilden die starren Tarifmodelle der Sozialversicherung. Der neue Vorsitzende des Hauptverbandes Mag. Peter McDonald gestand hier durchaus Handlungsbedarf ein: „Wir haben schon ein Bewusstsein für die aktuelle Situation entwickelt und wissen, dass wir mit den derzeitigen Realitäten so unsere Probleme haben. Daher versuchen wir, das mehr und mehr auszuhebeln.“ McDonald verwies auf verschiedene innovative Tarifsysteme – Stichworte: Pauschalen, Qualitätsboni -, die derzeit im Probebetrieb laufen würden. „Wir probieren jetzt ein paar kombinierte Tarifmodelle aus.“

Missbrauch des Begriffs Patientenorientierung

Natürlich spreche jeder von Patientenorientierung und verspricht, den Patienten in den Mittelpunkt aller Reformbemühungen zu stellen, aber „in den harten und tiefen Entscheidungen der Gesundheitspolitik kommt der Patient dann nicht rasend oft vor“, sagte einer, der es nur zu genau wissen muss: Dr. Clemens Martin Auer, Sektionsleiter im Bundesministerium für Gesundheit. In den konkreten Verhandlungen gehe es letztendlich vor allem um die Interessen der einzelnen Partner.

Dass der inflationär verwendete Begriff Patientenorientierung nur allzu oft klientelpolitisch missbraucht wird, bestätigte auch Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Österreichischen Patientenanwälte. Er wolle zwar niemandem das Bemühen absprechen, sagte Bachinger, aber es gäbe ganz offensichtlich „einen großen Gap zwischen Schein und Wirklichkeit“.

Seine These konkretisierte er am aktuellen Beispiel der Arbeitszeitdebatte. Jede Neuregelung sei „aus Patientensicht absolut zu begrüßen: endlich keine übermüdeten Ärzte mehr, endlich eine Qualitätssteigerung. Aber wenn man sich die Diskussionen jetzt ansieht, dann merkt man sehr bald, dass hier ganz andere Interessen und andere Themen im Vordergrund stehen.“ Diese hätten natürlich auch ihre Berechtigung, räumte Bachinger ein, aber der Patient sei dabei jedenfalls „nicht der Maßstab aller Betrachtungen“. Auch für McDonald ist die Arbeitszeitdebatte ein offensichtliches Beispiel dafür, „dass über Patienteninteressen immer dann geredet wird, wenn es den eigenen Interessen dient.“

Als weiteres Beispiel für eine missbräuchliche Berufung auf das Patientenwohl nannte Bachinger die Vorgangsweise der Ärztekammer bezüglich des Beschlusses zum Primary Health Care-Konzept. Zuerst hätten die ÖÄK-Vertreter in den Verhandlungen zugestimmt, um dann eine Woche später das fertige Konzept wieder in Frage zu stellen und eine Änderung der Überschrift hinein zu reklamieren. „Statt ‚Das Team rund um den Patienten‘ heißt es jetzt ‚Das Team rund um den Hausarzt‘. Das muss nicht weiter kommentiert werden“, meinte Bachinger.

Schließlich schloss sich auch Maria Nadj-Kittler, Managing Director des renommierten deutschen Picker Instituts, das viele Patientenbefragungen durchführt, der Skepsis ihrer Vorredner an: „Ich habe nicht den Eindruck, der Patient wäre das Maß aller Dinge. Das scheint eine gemeinsame Krankheit im deutschen und österreichischen Gesundheitssystem zu sein. Ich will den Ärzten den Willen nicht absprechen, Krankheit heilen zu wollen, aber Krankheit ist nun mal nicht mit Patient gleichzusetzen.“ Dieser müsse vielmehr in seinem sozialen Umfeld, mit all seinen Bedürfnissen, Wünschen und Ängsten begriffen und entsprechend behandeln werden.

Qualitätstransparenz

Laut Nadj-Kittler würden Patienten in diversen Umfragen außerdem immer wieder betonen, dass sie Transparenz in der angebotenen Information über die Qualität des medizinischen Angebots vermissen. Diese Transparenz wäre aber „die Voraussetzung, um überhaupt eine gewisse Souveränität des Patienten erreichen zu können“. Transparenz dürfe jedoch nicht zur ungefilterten Informationsflut führen, die Patienten dann erst recht nicht verarbeiten könnten. „Es geht um die Aufbereitung patientenrelevanter Daten in verständlicher Darstellung.“

Auch McDonald sprach sich für einen „Qualitätswettbewerb in den Spitälern“ aus. Man müsse selbstverständlich angesichts sehr sensibler Daten aufpassen, was man vergleicht und vor allem wie man vergleicht, aber „wir müssen das jetzt angehen“. Zustimmung dazu kam vom Patientenanwalt, der ebenfalls Vergleichszahlen zur Ergebnisqualität der Kliniken veröffentlicht wissen will, um die Patienten in die Lage zu versetzen, „selbstständig Entscheidungen treffen zu können, ohne jemandem vertrauen zu müssen“. Dazu würden jedoch Vergleiche auf Landes- oder auch auf Einrichtungsebene nicht ausreichen, sondern müssten bis auf die einzelnen Abteilungen heruntergebrochen werden. Das Argument, so viel Transparenz würde Patienten mehr verunsichern, als sie informieren, ließ Bachinger nicht gelten. Er verwies auf diesbezügliche Erfahrungen aus Deutschland, wo es seit 2005 eine Verpflichtung gibt, Qualitätsindikatoren zu publizieren. „Hier werden Daten sehr deutlich und noch detaillierter veröffentlicht, das System bricht trotzdem nicht zusammen.“

Gesundheitswirtschaft als Wachstumsmarkt

In seinem Begrüßungsstatement am Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress skizzierte Dr. Martin Gleitsmann von der Plattform Gesundheitswirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche. „In diesen Tagen jagt eine Hiobsbotschaft die andere. Nur die Gesundheitswirtschaft hat zumindest eine Hoffnungsbotschaft anzubieten: ein bisschen Wachstum, ein bisschen mehr Beschäftigung.“ Schon heute sei jeder siebente Beschäftigte in der Gesundheitsbranche tätig, zehn Prozent der Wertschöpfung finden hier statt. Alleine aus diesem Sektor würde eine Steuerleistung von 15 Milliarden Euro in das Budget fließen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 13/2015

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