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© Arnulf Illing, Springer Medizin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

Dr. Dietmar Weixler
FA für Anästhesie und Intensivmedizin, Palliativmediziner,
Leiter des Palliative Support Teams in Horn
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Dr. Eva Mückstein
Psychologin und Psychotherapeutin, Nationalratsabgeord-
nete, Gesundheitssprecherin „Die Grünen“
© Photo Simonis 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Günther Loewit
Hausarzt in Marchegg, NÖ, Au
tor des Buches „Sterben -
Zwischen Würde und Geschäft“
© Peter Kollroß/Pixelkinder.com

 
Gesundheitspolitik 9. März 2015

Sollen Ärzte beim Sterben helfen?

Die Bioethikkommission empfiehlt, den Paragraf 78 im StGB zum assistierten Suizid „zu überdenken“ und unter bestimmten Voraussetzungen Straflosigkeit vorzusehen.

Die Bioethikkommission des Bundeskanzleramtes hat sich parallel mit der bereits abgeschlossenen parlamentarischen Enquete mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigt. Während beim Thema Palliativmedizin weitgehend Einigkeit über „einen absolut dringenden Bedarf für die Stärkung der Palliativmedizin und der Hospizdienste“ (Zitat Dr. Christiane Druml, Kommissionsvorsitzende) inklusive verbesserter Ausbildung herrschte, kam es bezüglich einer etwaigen Änderung des § 78 im Strafgesetzbuch (StGB) zum assistierten Suizid zu intensiven Diskussionen und einer breiten Meinungspalette. Der Paragraf verbietet derzeit jede Mitwirkung am Selbstmord. Am Ende stand eine 16 zu 8 Mehrheit innerhalb der Kommission, die es für angebracht hält, „für Angehörige und persönlich nahestehende Personen eine Straflosigkeit vorzusehen, wenn sie einer an einer unheilbaren, zum Tode führenden Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung leidenden Person beim Suizid Hilfe leisten, sofern die Beweggründe der Hilfe auch für einen mit den rechtlich geschützten Werten verbundenen Menschen verständlich sind.“ Die Österreichische Ärztekammer lehnt – wie auch die ÖVP, deren Gesundheitssprecher Dr. Erwin Rasinger von einem „Irrweg“ und „ethischen Dammbruch“ sprach – jede Lockerung des Verbots des assistierten Selbstmords ab. Laut Ärztekammer-Präsident Dr. Arthur Wechselberger widerspräche es dem ärztlichen Berufsethos, Leben zu beenden. Dies dürfe daher nicht Bestandteil ärztlichen Handelns sein.

Neue Konfliktfelder drohen

„Das Argument ‚Furcht vor Strafverfolgung‘ ist substanzlos.“

Der Aussage der Bioethikkommission „Sorgfältig getroffene medizinische Entscheidungen sollten ohne Furcht vor etwaiger Strafverfolgung getroffen werden können“ ist aus der Sicht des Palliativmediziners am Krankenbett substanzlos. Die aktuell bestehenden Strafrechtsbestimmungen sind ausreichend, um als Arzt zweckmäßig, wirksam und in menschenwürdiger Weise Sterbende zu begleiten. Die Voraussetzungen zu ethisch und rechtmäßigem ärztlichen Handeln bestehen in der Anerkennung der Legitimationskriterien für medizinische Therapien, die sowohl Indikation als auch Einwilligung umfassen. Eine Indikation ist gegeben, wenn durch ein Fachurteil begründet werden kann, dass eine ärztliche Maßnahme im Hinblick auf ein Therapieziel umfassend, zweckmäßig und wirksam ist. Die „umfassende“ Wirkung hat die Bedürfnisse, Ziele und Präferenzen sowie etwaige Belastungen durch eine Maßnahme im kontinuierlichen Dialog mit Patienten und Angehörigen zu berücksichtigen. Die Zuerkennung, ob eine medizinische Therapie indiziert ist, ist ein alleiniges ärztliches Privileg. Ebenso ist es den Ärzten vorbehalten, einzuschätzen, ob die Voraussetzungen bestehen, dass ein Patient in eine indizierte Therapie einwilligen kann, ob also Einsichts- und Urteilsfähigkeit gegeben sind. Wenn man als Arzt im Sinne der gebotenen Sorgfalt handelt und das ärztliche Tun am Fachstandard orientiert, sollte daraus keine „Furcht“ erwachsen. Wesentliche Begleitumstände ärztlichen Handelns am Lebensende eines Menschen sind: Begründbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Handlungen und Zeichen der Prozesshaftigkeit von Entscheidungen. Dazu bedarf es einer ausgezeichneten Dokumentation. Durch die radikale Patientenorientierung der Palliativmedizin sind bisher keine Prozesse gegen Palliativmediziner angestrengt worden. Eine Änderung des § 78 scheint mir also nicht erstrebenswert, da sich dadurch neue ärztliche Konfliktfelder aufbaue: Randunschärfe um den Begriff der „begrenzten Lebenserwartung“, Konflikt um die Garantenstellung des Arztes im Hinblick auf seine ärztlichen Aufgaben des Lebensschutzes, Unschärfe der Abgrenzung zur Tötung auf Verlangen und die zwingende Beurteilung im Sinne der strafrechtlichen Kontrolle bei jedem Akt ärztlich assistierten Suizids.

Recht auf Selbstbestimmung

„Einzelfallprüfung scheint mir unumgänglich.“

Wie die Mehrheit der Bioethikkommission vertrete auch ich die Ansicht, dass der Diskurs über eine Reform des § 78 StGB aufgegriffen und weitergeführt werden sollte. Menschenwürdiges Sterben umfasst zum einen das Recht auf bestmögliche Lebensqualität im Sterbeprozess und somit Pflege und Behandlung, die individuelle Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen in den Vordergrund rückt und den Willen der Betroffenen zur Handlungsmaxime erklärt. Daraus resultiert unter anderem die Forderung nach einer flächendeckenden, qualitätsvollen Palliativ- und Hospizversorgung, die Behandlungsentscheidungen ausschließlich am Wohl des individuellen Patienten und seinem Willen ausrichtet. „Würde am Ende des Lebens“ umfasst aber auch das Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende. Konsens besteht darüber, dass Sterben zugelassen werden soll und lebensverlängernde Maßnahmen unterlassen werden können, wenn Heilung nicht mehr möglich ist oder der Betroffene dies wünscht. Aber soll dieses Recht zu sterben auch ein Recht zur Selbsttötung vorsehen? Die Furcht vor einem qualvollen Sterben ist weit verbreitet. Todkrank zu sein, an unerträglichen Schmerzen zu leiden und ohne Aussicht auf Heilung zunehmende Funktionseinschränkungen hinnehmen zu müssen, ist für viele Menschen eine äußerst beängstigende Vorstellung. Treten derartige extreme Leidenszustände tatsächlich ein und äußert die leidende Person anhaltend und bezeugt den Wunsch, mit Hilfe und begleitet aus dem Leben scheiden zu wollen, schulden wir Menschen in solchen Grenzsituationen Antworten, die von Mitgefühl und Menschlichkeit getragen sind und das Recht dieser Menschen auf Selbstbestimmung respektieren. Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, muss es auch in Österreich eine öffentliche Debatte darüber geben, unter welchen Bedingungen Hilfestellung zum Suizid durch Angehörige, nahestehende Personen und Ärzte in umschriebenen Ausnahmefällen möglich sein soll. Dabei erscheint mir die Einzelfallprüfung durch eine Begutachtungskommission unumgänglich. In diesem Sinne werden die Grünen den Bericht der Enquete-Kommission ergänzen und zudem außerparlamentarische Wege suchen, um diese Diskussion nicht abreißen zu lassen.

Respekt und Demut

„Medizin wieder den Patienten und ihren Ärzten zurückgeben.“

Es gibt aus meiner Sicht unerlässliche Gebote für ein würdevolles Sterben: Der Tod ist Bestandteil des Lebens. Er ist in seiner Notwendigkeit zu akzeptieren. Ihn zuzulassen ist oft würdevoller, als ihn bis zur letzten Minute zu bekämpfen. Ein würdevoller Tod ist nur möglich, wenn die Gesellschaft den Sterbenden Zeit, Liebe und Menschlichkeit schenkt. Die Bedürfnisse des Sterbenden sollten dabei wichtiger sein als die eigene Befindlichkeit. Dem Wunsch, zu Hause sterben zu dürfen, sollte seitens der Medizin und der Politik endlich wieder Rechnung getragen werden. Sterben sollte nicht mehr als Versagen gesehen, sondern muss wieder in eine menschenorientierte, ganzheitliche Medizin integriert werden. Sterben und Sterbehilfe sollten wie Geburt und Geburtshilfe gesehen werden. Gesetzliche Rahmenbedingungen sind notwendig, der Hilfe beim Sterben muss aber ein größerer Spielraum eingeräumt werden. Sterbende Menschen mit Hightech-Medizin am Leben erhalten zu wollen, ist sinn- und würdelos. Menschen „einfach sterben zu lassen“, sollte nicht a priori als krimineller Tatbestand, sondern als menschenwürdige Alternative zu „kompliziert sterben lassen“ gesehen werden. Jede medizinische Handlung sollte also dahingehend überprüft werden, ob sie dem Wohl des Patienten oder nur der eigenen juristischen Absicherung gegenüber einer staatlich normierten Pseudo-Ethik dient.

Die letzten Entscheidungen zum Wohl des Patienten sollten einer von Respekt und Demut gekennzeichneten Arzt-Patient-Beziehung überlassen werden. Um das zu ermöglichen, müsste die Politik die Medizin wieder den Patienten und ihren Ärzten zurückgeben. Allfällig lebensverkürzende palliative Maßnahmen am Sterbebett dürfen nicht zu juristischen Tatbeständen degradiert werden! Standardisierte Behandlungsmethoden eignen sich nur beschränkt zur medizinischen Begleitung am Lebensende. Daher sollten individuelle Wünsche stärker in die therapeutischen Bemühungen eingebunden werden. Der Wert aller juristisch normierten, gegenseitigen schriftlichen Verfügungen und Absicherungen zwischen Arzt und Patient muss hinterfragt werden.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 11/2015

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