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(c) Dietmar Mathis/ÖÄK

Dr.Arthur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Mag. Karl Wilfing, Landesrat für Jugend, Landeskliniken und öffentlichen Verkehr in Niederösterreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(c) ÖGKV

Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes

 
Gesundheitspolitik 4. März 2015

Ärzteimport – ein adäquates Mittel gegen den Ärztemangel?

Oft wird darüber gesprochen, wie viele Jungärzte Österreich verlassen – wenig darüber, was getan wird, um ausländische Ärzte und Pflegekräfte ins Land zu holen.

Vielleicht liegt der Grund für die fehlende öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema schlicht und einfach in der Tatsache, dass es solche Bemühungen nicht gibt – jedenfalls nicht strukturiert und flächendeckend? Dieser Eindruck kann entstehen, wenn man die Verantwortlichen nach solchen Bemühungen befragt. Während andere Länder ganz offen – und zum Teil durchaus aggressiv – um gut ausgebildetes medizinisches Personal werben, scheint das offizielle Österreich in den vereinzelt durchgeführten, meist regional begrenzten Maßnahmen eher vorübergehendes „Lückenbüßer-Potenzial“ zu sehen als eine nachhaltige „Überlebens-Notwendigkeit“ für das heimische Gesundheitssystem. Die Angst vor einer Überschwemmung des Arbeitsmarktes mag vielleicht als Ko-Argument im politischen Diskurs taugen, sachlich begründbar ist sie kaum.

Das Schweizer Gesundheitssystem etwa ist bereits seit vielen Jahren von qualifizierten „Einwanderern“ abhängig. Von den landesweit rund 32.000 Ärzten hat ein Fünftel ein ausländisches Diplom. Im Bewusstsein dieser Abhängigkeit buhlt das Land mit vielen „Zuckerln“, in erster Linie natürlich finanziellen, um die Gunst der Jungärzte aus Österreich und anderswo.

Auch gegenüber Deutschland weist Österreich seit Jahren einen eindeutigen Exportüberschuss aus, was die Ärzterotation betrifft. Angesichts der angespannten Personalsituation ist das – im Gegensatz zur volkswirtschaftlichen Lehrmeinung – aber keine positive Entwicklung. Als strategische Gegenmaßnahme versucht Österreich mit verstärkten Mitteln, heimische Ärzte im Land zu halten und mehr eigenes Pflegepersonal zu qualifizieren. Das ist gut und wichtig so, ob es alleine aber langfristig ausreicht?

Ärztekarussell

„Derzeitige Nachbarschaftshilfe kann auf Dauer den heimischen Ärztemangel nicht decken.“

Dr.Arthur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Mehr als ein Viertel der Absolventen unserer medizinischen Universitäten verlassen unmittelbar nach Studienabschluss Österreich. Der Sog, den besonders deutschsprachige Länder auf fertig ausgebildete Ärzte ausüben, macht sich als Fachärztemangel in heimischen Spitälern bemerkbar.

Wer aber füllt die Lücken, die der Abgang derer verursacht, die bessere Arbeitsbedingungen, attraktivere Gehälter und besonders mehr Wertschätzung im Ausland suchen? Dabei fällt auf, dass das größte ausländische Kontingent von unserem deutschen Nachbarn gestellt wird. Dieses deckt allerdings mit zirka 1.600 Ärzten nicht einmal die Hälfte derer ab, die mit österreichischer Staatsbürgerschaft in Deutschland und in der Schweiz beschäftigt sind. Die zweitgrößte Gruppe stellt mit 350 Medizinern Italien. Von diesen haben 115 Südtiroler zumindest keine Sprachhürde zu überwinden. Wie ihnen geht es den 30 Luxemburgern, die wie sie oft die Studienbänke österreichischer Universitäten gedrückt haben. Diesen Sprachvorteil müssen andere mit großem Aufwand aufholen. Ausreichende Deutschkenntnisse sind durch eine spezielle Deutschprüfung nachzuweisen. Diese bildet auch oft den Flaschenhals, der die Zuwanderung aus den EU-Staaten östlich und südöstlich von Österreich verzögert und in manchen heimischen Krankenhäusern Personalengpässe verursacht.

Ungarn, die Slowakei und Tschechien stellen zahlenmäßig die meisten Mediziner aus den neuen EU-Staaten. Dabei sind es in der Regel Krankenhäuser, die ärztliche Zuwanderer umwerben. Aber nicht nur: Immer öfter wird auch versucht, schwer vermittelbare Kassenstellen nicht nur österreichweit auszuschreiben, sondern auch international zu bewerben.

Wenn auch derzeit knapp über 3.000 ausländische Ärzte helfen, die österreichischen Patienten zu versorgen, ist nicht davon auszugehen, dass diese Nachbarschaftshilfe auf Dauer den heimischen Ärztemangel decken kann. Deshalb ist es wichtig, durch wettbewerbsfähige Arbeits- und Gehaltsbedingungen die heimischen Studienabsolventen im Land zu halten und im Ausland Tätige zur Rückkehr zu bewegen.

Nachhaltige Effekte

„Durch Praktika sollen Studierende aus dem EU-Raum die guten Arbeitsbedingungen kennenlernen.“

Mag. Karl Wilfing, Landesrat für Jugend, Landeskliniken und öffentlichen Verkehr in Niederösterreich

Heute stehen die Kliniken-Betreiber Österreichs vor der Herausforderung, Ärzte anzuwerben. Auch die NÖ Landeskliniken-Holding ist bemüht, zusammen mit dem Land NÖ, zusätzliche Ärzte für die Landeskliniken zu gewinnen. So ist die NÖ Landeskliniken-Holding mit der Personalabteilung des Landes beispielsweise laufend auf Berufsmessen und auf Infoveranstaltungen für Absolventen des Medizinstudiums im In- und benachbarten Ausland tätig – mit Erfolg: bereits während des Studiums und unmittelbar am Beginn der Berufslaufbahn können oftmals Kontakte hergestellt und Jungärzte für eine Tätigkeit in NÖ gewonnen werden. Dabei spielen die hervorragenden Rahmenbedingungen für Ärzte in NÖ eine große Rolle. Ein wesentlicher Anreiz ist die Einhaltung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes und die Flexibilität, innerhalb des jeweils möglichen Rahmens die Überstundenobergrenze pro Woche und im Durchrechnungszeitraum weitestgehend selbst zu wählen. Zusätzlich spielt auch das gute Arbeitsklima eine wesentliche Rolle.

Um postpromotionell den Ärztenachwuchs bestmöglich zu fördern und in der beruflichen Weiterentwicklung zu unterstützen, gewährt das Land jedem Arzt jährlich 15 Tage bezahlten Sonderurlaub für Fort- und Weiterbildung und übernimmt aus den Mitteln der Ausbildungsmillion auch die Förderung von Kurs-, Workshop- und Kongressbeiträgen. Im Rahmen des Bildungsprogramms der NÖ Landeskliniken-Holding werden zahlreiche, speziell auf die Aus- und Weiterbildungserfordernisse der Berufsgruppe der ärztlichen Mitarbeiter ausgerichtete Seminare kostenlos angeboten und laufend ausgebaut. Zudem haben sich nahezu alle Abteilungen der NÖ Landeskliniken als Lehrabteilung der MedUni Wien akkreditiert. Dadurch haben wir die Möglichkeit, Studierenden im sechsten Studienjahr das klinisch-praktische Jahr anzubieten. Gerade an der MedUni Wien studieren zahlreiche Studierende aus dem EU-Ausland, die im Rahmen ihres Praktikums an einem NÖ-Klinikum die guten Arbeitsbedingungen vor Ort schätzen lernen. Wir gehen daher davon aus, dass auch diese Maßnahme einen nachhaltigen Effekt erzielen wird.

Pflege-Gesamtkonzept erforderlich

„Zunehmend komplexer werdende Pflegesituationen brauchen qualifizierte Pflegekräfte.“

Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes

Für die kommenden Jahre wird am Sektor Pflegekräfte ein eklatanter Personalmangel prognostiziert. Konkret werden im Jahr 2025 mindestens 22.500 Pflegekräfte zusätzlich gebraucht, 50 Prozent mehr als das derzeit eingesetzte Pflegepersonal. Gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen. Die Gründe sind bekannt: Schlechte Rahmenbedingungen und Bezahlung, wenig Wertschätzung und geringe berufliche Aufstiegsmöglichkeiten machen das Arbeitsfeld Pflege generell unattraktiv. Mit Pflegekräften aus dem Ausland diesem Mangel entgegenwirken zu wollen, bedeutet einmal mehr die sich abzeichnenden Versorgungslöcher lediglich kurzfristig zu stopfen. Insbesondere für chronisch kranke Menschen, die rund um die Uhr versorgt werden müssen, aber auch in der mobilen Pflege finden diese Pflegekräfte, die meist wenig Vorkenntnisse für ihre Aufgaben mitbringen, Beschäftigung. Darüber hinaus werden in erster Linie qualifizierte Pflegekräfte gebraucht. Denn die Patienten sind mit immer komplexeren Therapien konfrontiert, welche eine fachlich fundierte Unterstützung für die Alltagsbewältigung erfordern. Gleichzeitig sind in der Akutversorgung zunehmend mehr Routinetätigkeiten, etwa Blutabnahmen, von den immer weniger vorhandenen Ärzten durch das Pflegepersonal zu übernehmen. Auch auf diesem Sektor zeichnet sich in naher Zukunft ein enormer Pflegekräfte-Engpass ab.

Um auch künftig die Gesundheitsversorgung aufrechterhalten zu können, ist dringend ein Gesamtkonzept zu erstellen. In der Langzeitpflege braucht es unbedingt Qualitätskriterien, die über das gesamte Bundesgebiet auszurollen sind. Da die Verantwortung für die Umsetzung des Pflegeprozesses in den Händen der Gesundheits- und Krankenpflege liegt, ist dementsprechend zumindest die Verordnungskompetenz für Pflege- und Inkontinenzprodukte sowie Verbandsstoffe zu übertragen. Als weitere Eckpunkte sind durchgängige Ausbildungsangebote für Pflegefachberufe anzubieten, die Gehaltsschemen entsprechend der Verantwortung anzuheben sowie die Bedeutung der Pflegeleistungen in den Versorgungssystemen, aber auch in der Gesellschaft transparent und bewusst zu machen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 10/2015

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