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Prof. Dr. Wolfgang Radner Referent der Kurie niedergelassener Ärzte
 
Gesundheitspolitik 24. Februar 2015

Meinung - Das breite Ende der Pyramide trifft auf die Gegenwart

Baby-Boomer-Generation fürchtet um die Krankenversorgung – der Generationenvertrag wackelt.

Die derzeitige Entwicklung unseres Gesundheitssystems geht in Richtung Billigmedizin, anstatt durchwegs auf Qualität zu setzen. Diese Entwicklung trifft die bevölkerungsstarke Baby-Boomer-Generation besonders hart.

Die Baby-Boomer-Generation kommt nun in das Alter stark zunehmender Krankheitsrisiken und tritt langsam aber sicher in den Lebensabschnitt erhöhter Krankenkosten ein. Vor dem Hintergrund eines bereits vorhandenen und rasant zunehmenden Ärztemangels antwortet die Politik auf diesen steigenden medizinischen Bedarf mit einem deutlichen Ressourcenabbau. Maßnahmen sind die Deckelung der Gesundheitsausgaben, eine Gesundheitsagentur zur Kostendämpfung ohne Einbindung der Ärzte, Lazarettmedizin in Form von subventionsbedürftigen Primary-Health-Cares und eine unmotivierte Aufwertung von Hilfsberufen im Gesundheitswesen. Medizinstudenten werden unentgeltlich ohne arbeitsrechtlichen Schutz als Turnusärzteersatz verwendet, um einen hausgemachten Turnusärztemangel auszugleichen.

Wo bleibt die wohnsitznahe ärztliche Versorgung? Gehen Supermarkt- und Tankstellenmedizin vor individueller Behandlung von Menschen? Wird nur noch Politik für Gesunde und Mobile gemacht? Sind alle anderen, die krank und weniger mobil sind, selbst schuld? Ist die Möglichkeit, zu Fuß zum Arzt zu kommen, ein unerwünschter Luxus? Was ist aus dem Bekenntnis zur Spitzenmedizin geworden? Spitzenmedizin ja, aber nur nach Maßgabe der Politik? Viele Fragen ohne Antworten für kranke Menschen?Der Lavastrom der Gesundheitsversorgung für die Baby-Boomer bäumt sich unaufhaltsam vor uns auf. Wird der Generationenvertrag für die Krankenversorgung auch gegenüber der Baby-Boomer-Generation eingehalten werden?

Die Zahlen weisen den Trend

Frage: Kommt der Lavastrom an Krankenkosten der Baby-Boomer überraschend auf die Krankenversorgung zu?

Hier ein paar Zahlen, welche die Vorhersehbarkeit dieser Problematik nachweisen (Quelle: Statistik Austria). Die Jahrgänge 1963 bis 1968 schwankten 2014 zwischen 143.951 und 141.270 Personen pro Jahrgang (nur sechs Jahrgänge bilden 11 Prozent der Bevölkerung ab). Die 1- bis 14-Jährigen sind im Vergleich dazu pro Jahrgang nur zwischen 79.063 und 84.382 Personen. Die 16 bis 40 Jährigen stellen pro Jahrgang im Mittel auch nur 108.680 (SD ± 6812) Personen. Diese 25 Jahrgänge repräsentieren 32 Prozent der Bevölkerung, während bei den Baby-Boomern sechs Jahrgänge bereits 11 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Jahrgänge 1959 bis 1970 sogar schon circa 20 Prozent.

Interessant ist, dass die geburtenschwachen Jahrgänge der heute 60- bis 69-Jährigen, heute noch von den der 69 bis 74-jährigen Mitbürger übertroffen werden. Beispielsweise übertrifft der Jahrgang der 74-jährigen mit 92.067 Personen sogar die Jahrgänge der Altersgruppe, die 2014 zwischen 1 und 16 Jahre alt waren. Mit dem Erreichen des 50. Lebensjahres nehmen die natürlichen Erkrankungsrisiken deutlich zu und steigen weiter mit zunehmendem Alter. Hierfür keine Vorsorge zu treffen und einfach mit der Kostenschraube und Ressourceneinengung die Versorgung dieser Generation zu gefährden, darf nicht als heimlicher Ausstieg aus dem Generationenvertrag in der Krankenversorgung hingenommen werden.

Auch die Baby-Boomer haben ein Recht darauf, uneingeschränkt all jene Leistungen zu erhalten, die sie jahrzehntelang allen anderen Generationen ermöglicht haben. Wenn das dann vorübergehend mehr kostet, muss man die Kosten für die Krankenversorgung eben aus anderen Bereichen abziehen. Es kann nicht sein, dass eine Generation, als mit Abstand größter Bevölkerungsanteil, überzogene Pensionen samt der Sanierung einiger Pensionskassen und den Aufbau eines hochklassigen Gesundheitssystems finanziert, um dann genau in diesen Bereichen die Leidtragenden sogenannter Reformen zu sein.

Anspruch auf Vertragstreue

Es ist nicht einzusehen, warum die Baby-Boomer nur noch mit Billigmedizin, weniger Ärzten und ärztlichen Hilfsberufen betreut werden sollen. Die Entwicklungen um das MTD-Gesetz und das GUKG dienen in Wahrheit dazu, kostengünstig die Qualität verringern zu können. Mal ehrlich, gehen Sie lieber zu Ärzten oder zu einem Vertreter eines Hilfsberufs, wenn sie krank sind? Anstatt mit der Wirtschaftskraft einer Generation Rücklagen aufzubauen, um auch für die Baby-Boomer als Zahlergeneration die schon lange absehbaren Kostensteigerungen bei der Krankenversorgung bewältigen zu können, werden Gesetze novelliert, damit man auch mit mehr als einer halbherzigen Gesundheitsversorgung durchkommt. Oder wie lässt sich die Logik hinter einer Gesundheitsreform erklären, bei der es zu einem deutlichen Ressourcenabbau kommt, obwohl ein höherer Bedarf in der Krankenversorgung immer offensichtlich geworden ist?

Nun müssen die Baby-Boomer den Generationenvertrag in Bezug auf die Krankenversorgung einfordern. Sie finanzierte und finanziert ein an Effizienz und Leistungsvermögen weltweit beispielgebendes Gesundheitssystem für alle Generationen mit. Diese Generation mit einer Deckelung der Kostensteigerungen der Gesundheitsausgaben zu konfrontieren, nur weil klar ist, dass durch den höheren Bevölkerungsanteil höhere Krankenausgaben zu erwarten sind, entspricht nicht den ethischen Grundlagen eines Generationenvertrages. Die Verschwendung der Wirtschaftsleistung der Baby-Boomer für überzogene Zusatzpensionen, unnötige Sozialansprüche, Eurofighter, Hypo Alpe Adria, ÖBB Privilegien und vielem mehr, darf nicht dazu führen, dass diese Generation nur mehr den schalen Geschmack eines ordentlichen Gesundheitssystems genießen darf.

Es geht allein um den politischen Willen Geld für Bildung und Gesundheit zur Verfügung zu stellen, das man ohne Weiteres woanders abziehen kann bzw. durch etwas mehr politische Generationsverantwortung erst gar nicht hätte ausgeben dürfen. Die Baby-Boomer fordern keine Privilegien, sondern lediglich eine Gleichbehandlung im Generationenverbund. Weg mit dem Ressourcenabbau, Kostendeckelungen auf dem Rücken einer Generation und einer Hilfskraft orientierter Billigmedizin. Der Generationenvertrag muss auch für die Krankenbehandlung gelten.

Wolfgang Radner, Ärzte Woche 9/2015

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