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Die Betroffenen fühlen sich mit den Problemen oft alleingelassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Mag. Rahel Jahoda, Psychotherapeutische Leitung von intakt - Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen (www.intakt.at)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Prof. Dr. Günther Rathner, Medizinische Universität Innsbruck, Netzwerk Essstörungen (www.netzwerk-essstoerungen.at)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Dr. Judith Glazer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte

 
Gesundheitspolitik 24. Februar 2015

Die Zahl der abnehmenden Patienten nimmt zu

Schul- und Vertrauensärzten kommt beim Sensibilisieren und frühzeitigen Erkennen von Essstörungen eine wichtige Rolle zu.

Essstörungen sind in der gesamten industrialisierten Welt im Steigen begriffen. Obwohl es zu dieser Problematik letztendlich nur Schätzungen statt fundierter Daten gibt und die Dunkelziffern enorm sein dürften, gilt diese Tatsache unter Experten als unbestritten. Ein Indiz dafür sind in Österreich etwa die Zahlen bei den stationären Aufenthalten wegen einer Essstörung – die sozusagen nur die Spitze des Eisberges bilden: Zwischen 1989 und 2000 stieg die Zahl der Patienten (89 % Frauen) von 269 auf 1.471, bis 2008 sogar auf 2.734.

Ein Trend zeigt sich auch bezüglich des Alters der Betroffenen. Diese werden immer jünger. Laut Frauengesundheitsbericht werden etwa an der Universitätsklinik in Graz jährlich 285 Kinder mit lebensbedrohlichen Essstörungen stationär behandelt. Mehr als 120 Kleinkinder mit mittleren bis schweren Essverhaltens- und Fütterungsstörungen werden ambulant versorgt.

Unter dem Begriff Essstörungen werden medial unterschiedliche Störungsformen subsumiert, etwa Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht), Binge-Eating-Disorder (Störung mit Essanfällen), Adipositas (Fettsucht), Reaktive Fettsucht (Gewichtszunahme nach traumatischen Erlebnissen) und Orthorexia nervosa (krankhaftes Gesundessen).

Um all diese unterschiedlichen Störungen in den Griff zu bekommen, sind mannigfaltige Maßnahmen notwendig. Besonders wichtig ist dabei eine entsprechende Problemsensibilisierung potenziell besonders gefährdeter Gruppen. „intakt“ – Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen hat daher im Oktober 2014 eine Kampagne „Liebe dich so wie du bist“ gestartet, um zu zeigen, „dass Schönheit nicht in Kilogramm gemessen wird und dass ein gesundes Selbstbild der Schlüssel zu einem glücklicheren Leben ist“.

Tabuisiert und bagatellisiert

„Es ist paradox: Idealbilder werden immer dünner, das Durchschnitts- gewicht nimmt aber zu.“

Mag. Rahel Jahoda, Psychotherapeutische Leitung von intakt - Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen

Wir leben in einer Atmosphäre der Leistung, der Messbarkeit und des Vergleichs. Schlankheit bzw. Magerkeit wird hochgepriesen, Standardisierung propagiert, unsere alltäglichen Erfahrungen mit dem Aussehen sind verbunden mit der Schönheitskultur unserer Gesellschaft. Das Paradoxe daran ist: Die Idealbilder werden immer dünner – das Durchschnittsgewicht der Bevölkerung nimmt zu.

Nach wie vor werden Essstörungen zum Teil tabuisiert bzw. auch bagatellisiert, sie sind jedoch ernst zu nehmende psychische Erkrankungen, die unbehandelt zum Tod führen können. Ärzte sollten bei neuen Patienten auch an die Möglichkeit einer Essstörung denken, Größe und Gewicht bestimmen und einige gezielte Fragen bezüglich Essverhalten, Diuretika/Laxantien, Sport, Selbstverletzung etc. stellen. Besondere Aufmerksamkeit sollte zugewendet werden: Patienten mit psychischen Symptomen, insbesondere Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen und Persönlichkeitsstörungen sowie mit niedrigem bzw. zu hohem Körpergewicht, mit Amenorrhoe, Zahnschäden und auch bei Patienten, die Probleme haben, schwanger zu werden. Auf Schwangere selbst ist besonderes Augenmerk zu legen, denn der Schlankheitswahn hat auch diese – und die jungen Mütter – erreicht und der Begriff Pregorexia wurde geprägt. Zum Teil wird der Schlankheitswahn auch von Ärzten unterstützt. Vor allem viele Klienten mit Binge-Eating-Disorder erzählen, dass sie gar nicht mehr wegen Beschwerden zum Arzt gehen wollen, denn oft hören sie als Erstes, es sei das Gewicht schuld. Diese Diskriminierungen erzeugen wiederum Druck auf die Betroffenen und es könnte ein Teufelskreislauf entstehen, nämlich dass Betroffene oftmals keine medizinische Betreuung – nicht einmal Vorsorgeuntersuchungen – in Anspruch nehmen.

Es muss uns als Behandelnde klar sein, dass Sprache Wirklichkeit schafft und eine große Sensibilität im Umgang mit Menschen mit Essstörungen gefordert ist. Denn um Zugänge zu Betroffenen zu finden, brauchen wir neben Information über das Krankheitsbild vor allem auch eine Bereitschaft, uns auf eine authentische Begegnung einzulassen und hinter die Fassaden von „dick und dünn“ zu schauen.

Diagnosen und Pseudodiagnosen

„Die Prävalenz hat in den Industrie- ländern tatsächlich zugenommen, sich aber nicht verzehnfacht.“

Prof. Dr. Günther Rathner, Medizinische Universität Innsbruck, Netzwerk Essstörungen

Die angebliche „Verzehnfachung von Essstörungen“ laut einer aktuellen Pressemeldung ist ein Beispiel dafür, wie Medien mit Essstörungen umgehen: einerseits Glamourisierung, andererseits Stigmatisierung und Falschinformation. Medien haben diese „Verzehnfachung“ bereits Ende 2011 berichtet. Die Daten der in der angesprochenen Pressemeldung zitierten Statistik Austria berichten eine Zunahme der behandelten Prävalenz, das heißt die Häufigkeit der in stationärer Behandlung befindlichen Patienten. Als langjährig tätiger Essstörungsspezialist und Epidemiologe kann ich eine Verzehnfachung in knapp 20 Jahren nicht nachvollziehen; dazu gibt es auch keine wissenschaftliche Studie. Die für 1989 kolportierten Zahlen dürften dem in Österreich üblichen laschen Umgang mit Statistiken zuzurechnen sein. Außerdem zeigen diese Behandlungszahlen nur die Patienten, die in stationärer Behandlung sind, nicht aber die wahre Häufigkeit von Essstörungen in der Bevölkerung. Die Prävalenz von Essstörungen hat in den letzten 60 Jahren in den Industrieländern wirklich zugenommen, sich aber nicht verzehnfacht. Die Prävalenz liegt bei Frauen bei einem Prozent Anorexia nervosa, zwei Prozent Bulimia nervosa, vier Prozent nicht näher bezeichnete Essstörungen und fünf Prozent Störungen mit Essanfällen. Die in Medien aktuell genannten absoluten Zahlen („über 200.000 Österreicherinnen ...“ etc.) stammen aus meiner Studie Rathner & Rainer (1997): Jährliche Behandlungszahlen & geschätzte Häufigkeit von Essstörungen in Österreich. Wiener Klin Wochenschr 109/8, 275-280.

Zudem werden Diagnosen von Essstörungen wie Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht), nicht näher bezeichnete Essstörungen, Störung mit Essanfällen vermischt mit Pseudodiagnosen wie „Orthorexia nervasa“ oder „reaktive Fettsucht“. Völlig irreführend ist es, wenn von einer Häufigkeitszunahme von Essstörungen bei Kleinkindern gesprochen wird: Essstörungen kommen bei Kleinkindern nicht vor. Hier handelt es sich um Fütterungs- oder Gedeihstörungen, die klinisch schon lange bekannt sind. Zurecht heißt ja die Anorexia nervosa im deutschen Sprachraum Pubertätsmagersucht.

Schulärzte brauchen Feingefühl

„Risikofaktoren, Anzeichen und Komorbiditäten der Erkrankung erkennen und erfragen.“

Dr. Judith Glazer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte

Essstörungen sind ein zunehmend chronisches Gesundheitsproblem bei Adoleszenten – das Verhältnis Frauen-Männer beträgt 9:1 – in den westlichen Industrieländern aus der Gruppe der Verhaltensstörungen mit multifaktorieller Genese. Der Österreichischen Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte ist dieses Thema seit Längerem ein besonders großes Anliegen. Das Thema wurde 2014 auf dem 1. Kongress für Schulgesundheit als besonderer Schwerpunkt aufgegriffen, um Schulärzte für diese beunruhigende Entwicklung zu sensibilisieren. Die Ursachen für Essstörungen sind immer mehr- und nicht eindimensional zu sehen. Ein wichtiger Trigger, neben familiären und persönlichen Gründen, ist der gesellschaftliche Schlankheits- und Jugendkult, der einen der Hintergründe bildet, auf dem Essstörungen gedeihen können.

Sich dem Trend „Je dünner, desto schöner, erfolgreicher und beliebter“ zu entziehen, ist fast unmöglich geworden. Die Idealisierung androgyner Schönheitsideale in der Modewelt und in der Öffentlichkeit kann zu einer Wahrnehmungsverschiebung junger Menschen beitragen. Nicht von ungefähr werden Essstörungen sehr oft mit einem Hunger nach Anerkennung verknüpft. Bewusste Aufklärung durch Projekte und Initiativen, wie sie erfreulicherweise bereits an zahlreichen Schulen stattfinden, helfen, mögliche Risikofaktoren einzuschränken und diese Einflüsse kritisch zu hinterfragen.

Den Schulärzten kommt in der Diagnose- und Therapiekette eine bedeutende Rolle zu, da sie speziell darauf geschult sind, Risikofaktoren, erste Anzeichen und Komorbiditäten der Erkrankung zu erkennen bzw. mit Fingerspitzengefühl zu erfragen. Risikofaktoren und Frühsymptome der Erkrankung aufzudecken, ermöglicht die rasche Zuführung zu einer spezialisierten Therapieeinrichtung. Die Miteinbeziehung der Familie und des engeren Freundeskreises von Beginn an ist hier besonders wichtig. Ein Anliegen der Schulärzte ist es auch, den Lehrkörper auf mögliche Warnsignale hinzuweisen, um die Früherkennung zu unterstützen und betroffenen Schülern eine Betreuung in entsprechenden Fachambulanzen zu ermöglichen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 9/2015

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