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Ein Polymedikations-Check inklusive einer ausführlichen Patientenberatung durch Apotheker kann nicht auf die Schnelle erledigt werden.
 
Gesundheitspolitik 17. Februar 2015

Collaborative Care überwindet Berührungsängste

Für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit braucht es eine nahtlose Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe sowie ein strukturiertes Medikationsmanagement.

Die Apotheker möchten zukünftig intensiver eingebunden werden, wenn es darum geht, durch Medikationsmanagement die Arzneimitteltherapiesicherheit im klinischen wie im niedergelassenen Bereich zu verbessern. Damit sollen zukünftig Medikationsfehler verringert, Wechselwirkungen erkannt, Anwendungsfehler verhindert und die Adhärenz gesteigert werden.

„Zehn Milliarden Mal im Jahr wird in Österreich ein Arzneimittel angewendet und zehn Milliarden Mal müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass das richtig gemacht wird“, erläutert Mag. Max Wellan, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, die Hintergründe seiner Forderung nach einem nahtlosen multiprofessionellen Zusammenspiel aller Gesundheitsberufe im Sinne eines strukturierten Medikationsmanagements. „Das ist eine derartig große Aufgabe, dass sie nur von allen Beteiligten gemeinsam – von Ärzten, Pflegekräften, Apothekern, Patienten und ihren Angehörigen – bewältigt werden kann.“

Im Detail umfasst die Forderung der Apothekerkammer für eine höhere Arzneimitteltherapiesicherheit drei zentrale Anliegen:

1. Das Medikationsmanagement muss ausgebaut werden, vor allem für Patienten, die dauerhaft fünf oder mehr Medikamente einnehmen. Davon würden letztlich nicht nur Patienten, sondern auch das System insgesamt profitieren.

2. Bei der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen des Medikationsmanagements müssen Apotheker federführend eingebunden werden. Dabei hat die Praxistauglichkeit einen hohen Stellenwert.

3. Die Leistungen der Apotheker im Medikationsmanagement müssen angemessen honoriert werden.

Polymedikations-Check

Als einen zentralen Baustein für ein strukturiertes Medikationsmanagement bezeichnet Wellan mittelfristig die flächendeckende Etablierung eines „Polymedikations-Checks“ in den heimischen Apotheken. Schließlich sei die Apotheke jener Ort, an dem Informationen über alle von einer Person eingenommenen Präparate zusammenlaufen würden. Im Rahmen eines Polymedikations-Checks unterzieht der Apotheker diese Informationen einer systematischen Analyse.

In der Schweiz gibt es ein solches Angebot, finanziert durch die Krankenkassen, bereits seit einigen Jahren. Eidgenössische Patienten, die zeitgleich mehr als fünf Medikamente oral einnehmen, können in den Apotheken einen solchen Check kostenlos durchführen lassen. Die Apotheker verrechnen diese Serviceleistung anschließend an die zuständige Kasse. Bei unseren deutschen Nachbarn funktioniert ein vergleichbares System zumindest einmal in Form von ausgedehnten Pilotprojekten. Entwickelt und umgesetzt wurden diese in enger Kooperation zwischen Bundesgesundheitsministerium, Kassen, Ärzte- und Apothekerkammern.

In Österreich stecken solche Versuche derzeit noch in den Kinderschuhen. Über mögliche Kooperationen mit dem Hauptverband und der Ärztekammer gibt es zwar durchaus positive, aber derzeit lediglich informelle „Vorgespräche“. Dabei ist die notwendige Sensibilisierung für das Thema nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern gerade auch bei den Kassen durchaus gegeben, man denke nur an die breit aufgestellte, hoch dotierte und intensiv beworbene Informationskampagne „Polypharmazie“, die im Herbst letzten Jahres vom Hauptverband flächendeckend gestartet wurde.

„Wir Apotheker hätten die Lösung für das darin formulierte Problem“, ist Wellan überzeugt. Derzeit sei man noch auf die Eigeninitiative einzelner Apotheker angewiesen, die sich am kleinen, aber feinen Pilotprojekt der Kammer freiwillig beteiligen. Kooperationsgespräche mit dem Hauptverband sollen jedoch folgen.

„Wir haben letztes Jahr damit begonnen, unter dem Namen Medikationsmanagement unser eigenes Pilotprojekt aufzubauen“, erläutert Wellan. Das Projekt inkludiert eine Zusatzausbildung der Apotheker in Form eines dreitägigen Intensivseminars. Anhand von konkreten Fallbeispielen werden in diesem Rahmen die wesentlichen Probleme und Herausforderungen zum Thema Polymedikation abgehandelt. Diese sind in der Praxis vor allem: Einnahme- und Anwendungsfehler, mögliche Wechselwirkungen und Interaktionen zwischen den einzelnen Präparaten, Irrtümer mit Generika und – ganz wesentlich – fehlende Adhärenz. Etwa 350 der 6.000 praktizierenden heimischen Apotheker haben das Seminar inzwischen schon absolviert.

Die ersten Erfahrungen aus dem Piloten seien durchwegs positiv, berichtet Wellan über bisherige Rückmeldungen der daran teilnehmenden Apotheken. Dabei sei aber zu berücksichtigen, dass es dafür einer „Kulturänderung auf beiden Seiten bedarf. So etwas geht nicht von heute auf morgen, sowohl Apotheker als auch Kunden müssen sich erst daran gewöhnen. Aber die Akzeptanz der Kunden steigt jetzt kontinuierlich.“ Im Grunde passiere dabei ja nichts anderes als das, was in den Apotheken an Beratungsgesprächen ohnehin tagtäglich und schon lange gemacht werde. „Bis jetzt ist das allerdings rein informell, nicht strukturiert, nicht dokumentiert und nicht finanziert, immer nur auf den konkreten Einzelfall bezogen.“

Zukünftig sollte die Medikationsanalyse abseits der Tara, in möglichst vertraulicher, entspannter Atmosphäre stattfinden, am besten in einem eigenen Beratungsraum mit vorab vereinbartem Termin. Da ein solches umfassendes Beratungsszenario deutlich über „unsere normale Servicetätigkeit, und damit auch über unsere Kostenkalkulationen hinausgeht“, fordert Wellan eine entsprechende Abgeltung durch die Kassen. „Geht man von Patienten mit durchschnittlich sieben bis neun oralen Dauermedikamenten und der entsprechenden Bedarfsmedikation sowie Nahrungsergänzungsmitteln aus, so kommt man pro Beratung unter einer Stunde vernünftigerweise nicht weg.“

Wie diese Abgeltung konkret aussehen müsste, soll jetzt anhand der Erfahrungen im laufenden Pilotprojekt erhoben werden. Auf Basis der dabei gesammelten Daten will die Kammer dann konkrete Verhandlungen mit den Kassen führen.

Auch Ärzte profitieren

„Was ein solcher Check allerdings keinesfalls sein werde, ist ein Eingriff in die Therapiehoheit der Ärzte“, tritt Wellan möglichen Bedenken der Ärzteschaft gleich vorweg entgegen. „Wenn uns etwas auffällt, melden wir das den behandelnden Ärzten zurück und machen Optimierungsvorschläge. Wir ändern Verschreibungen aber niemals und unterlaufen sie auch nicht.“

Berührungsängste seitens der Ärzte gäbe es maximal in Einzelfällen. Die meisten Mediziner seien durchaus dankbar für solche Informationen und Rückmeldungen der Apotheker. „Oft kommen zu den Verschreibungen unterschiedlicher Fachärzte noch OTC-Präparate, Nahrungsergänzungsmittel oder diätische Lebensmittel, die Patienten im Rahmen der Selbstmedikation und Gesundheitsvorsorge auf eigene Initiative hin einnehmen. Als Arzt kommt man da in der Regel nicht drauf, das gelingt nur im Rahmen eines Medikationsmanagements.“

Ausbau der klinischen Pharmazie

Eine andere Forderung der Apothekerkammer betrifft den Ausbau der klinischen Pharmazie in Österreich. Derzeit gibt es rund 250 ausgebildete Krankenhaus-Apotheker, aber nur etwa 70 davon sind intensiv in die klinischen Behandlungsprozesse eingebunden. In den USA, in Großbritannien oder auch in Spanien gibt es hingegen einen verbindlichen Schlüssel, der für eine bestimmte Anzahl von Betten einen Apotheker im Behandlungsteam verpflichtend vorgibt. Einen solchen Schlüssel wünscht sich die Kammer auch für Österreich, weil es derzeit alleine der Initiative einzelner Primarärzte oder Krankenhaus-Manager überlassen sei, ob Patienten eine solche zusätzliche Expertise zur Verfügung gestellt wird.

Das könne nicht die Lösung für eine möglichst sichere Arzneimitteltherapie sein, meint Wellan und verlangt eine „nahtlose Zusammenarbeit“ aller am Therapieprozess beteiligten Gesundheitsberufe. Klinische Pharmazie etwa könne in diesem Sinne „ihren optimalen Nutzen nur entfalten, wenn die Apotheker integrale Bestandteile multiprofessioneller Teams sind.“ Überhaupt müsse der ganzheitliche Ansatz im Mittelpunkt jedes Medikationsprozesses stehen, wünscht sich Wellan abschließend. Das gelte sowohl bezüglich des Team- als auch des Prozess-Gedankens. In diesem Sinne müssten alle potenziellen Medikationsstationen, vom Aufnahme-, über das klinische Therapie- und das Entlassungsmanagement bis hin zum Medikationsmanagement im niedergelassenen Bereich, „nahtlos ineinander greifen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 8/2015

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