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Trotz der drohenden Gefahr wedelt unser Gesundheitssystem geschmeidig den Berg hinab.
 
Gesundheitspolitik 9. Februar 2015

Lawinenwarnstufe 4

Die neuen Arbeitszeitregelungen der Spitalsärzte führen laut Ärztekammer nicht nur im klinischen Bereich zu Versorgungsengpässen, sondern in der Folge auch im niedergelassenen Sektor.

Ohne sofortigen Strategiewechsel könnten die sich bereits abzeichnenden Versorgungslücken in den Krankenhäusern extramural nicht aufgefangen werden.

„Das ist langsam alles unerträglich“, ärgert sich ÖÄK-Vizepräsident Johannes Steinhart über die Ignoranz der sogenannten „Zahler“, die zwar ständig davon sprechen würden, den niedergelassenen Bereich zu stärken, diesen tatsächlich aber immer mehr ausdünnen. „Eine Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung wahrscheinlich.“ So definiert die Europäische Gefahrenskala die Lawinenwarnstufe 4 von fünf. Und exakt mit diesem alpinen Bedrohungsszenario vergleicht der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer Dr. Johannes Steinhart den Status quo im niedergelassenen Bereich. Dieser sei jetzt schon an seiner Leistungs- und Leidensgrenze angekommen, weil er – allen wohlklingenden Gemeinplätzen, Beteuerungen und rhetorischen Schönfärbereien zum Trotz – seit Jahren nicht gestärkt, sondern immer mehr ausgehungert werde.

Bereits seit zwei Jahren fordert die Ärztekammer 1.300 zusätzliche Kassenstellen, stößt damit bisher aber offensichtlich im Ministerium wie im Hauptverband auf taube Ohren. Tatsächlich sei es nämlich seither nur noch schlimmer geworden, diagnostiziert Steinhart: Statt zusätzliche Stellen zu schaffen, sind seit dem Jahr 2000 trotz stetig steigender Bevölkerung noch 900 weitere verloren gegangen.

Die angespannte Situation wird sich weiter verschärfen, bedenkt man, dass die Hälfte aller niedergelassenen Ärzte bereits über 55 Jahre alt ist und innerhalb der nächsten zehn Jahre in Pension gehen wird. Bei den Kassenärzten liegt der Anteil sogar bei über 60 Prozent.

Um sie auch nur ersetzen zu können, rücken viel zu wenige Jungärzte ins System nach. Das ist weniger einer zu geringen Anzahl von MedUni-Absolventen geschuldet als vielmehr einer zu hohen Drop-out-Rate zwischen Studium und Einstieg ins heimische Gesundheitssystem. So kann allein ein Drittel der Absolventen den zunehmenden Verlockungen ausländischer Werber nicht widerstehen. Wer sich die Rahmenbedingungen, Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten im Detail ansieht, kann darüber kaum verwundert sein. Ein Beispiel: In einer KPMG-Studie wurden die Ärzte-Einstiegsgehälter europaweit verglichen. Kaufkraftbereinigt liegt Österreich dabei ziemlich am Ende des Feldes, während die hauptkonkurrierenden Nachbarländer Schweiz und Deutschland an der Spitze oder nahe daran liegen. „Die Gehaltunterschiede sind drastisch, da reden wir von 60 bis 70 Prozent“, sagt Steinhart.

Zusatzbelastung im Anrollen

Die bevorstehende Umsetzung der Arbeitszeitrichtlinie in den Spitälern wird die angespannte Situation im extramuralen Bereich noch verschärfen, oder wie es Steinhart formuliert: „Die neuen Richtlinien sind gut für Patienten und Ärzte, aber leider ist das System nicht darauf vorbereitet. Sie werden daher zu einer Krise im niedergelassenen Bereich führen, das Fass endgültig zum Überlaufen bringen.“ Sie sind sozusagen genau jene Zusatzbelastung, die eine Lawine mit unabsehbaren Folgen auszulösen vermag, um auf unser Einstiegsbild zurückzukommen.

Die Ärztekammer unterlegt ihre düstere Prognose mithilfe eines Rechenbeispiels: Eine Arbeitszeitreduktion bei Spitalsärzten von 60 auf 48 Wochenstunden bedeute ein Minus von 20 Prozent. Einen Teil davon müsse der niedergelassene Bereich auffangen. Nimmt man eine Leistungsverschiebung von 10 Prozent an, so würden 1,7 Millionen zusätzlicher Leistungen aus den Spitalsambulanzen in den niedergelassenen Bereich wandern. Das wäre „in der aktuellen Mangelsituation von den Ärzten nicht bewältigbar“, sagt Steinharts Fazit. Erst wurde der niedergelassene Bereich ausgehungert, jetzt der stationäre zurückgefahren – daraus ergäbe sich im Gesamtsystem ein Spalt, dem vor allem jene zum Opfer fallen werden, die sich Wahl- oder Privatärzte nicht leisten können. „Wir würden sie gerne versorgen, aber wie?“

Plan zur Krisenintervention vorgeschlagen

Um die Mangelsituation zu entschärfen, schlägt die Ärztekammer eine Art „Kriseninterventionsplan“ vor. An oberster Stelle dieses Plans steht die Forderung nach „zusätzlich mindestens 1.300 Arztpraxen mit Kassenvertrag“, davon allein 300 in Wien. Woher die Ärzte dafür allerdings kommen sollen, angesichts der heute bereits in vielen Regionen problematischen Personalsituation im niedergelassenen Bereich, die in manchen Regionen kaum mehr den Status quo aufrechterhalten lässt, konnte Steinhart auf Nachfrage nicht schlüssig beantworten. Er verwies zwar auf die Notwendigkeit, endlich auch die Finanzierung der Lehrpraxen sicherzustellen, um Jungärzte „ordentlich an den spannenden Beruf heranführen zu können“. Das wird aber kaum die bestehende Situation entspannen. Österreichweit ausfinanzierte Lehrpraxen, bessere Aus- und Rahmenbedingungen sowie eine adäquate Bezahlung der Jungärzte bezeichnete Steinhart dann auch als ein „eher langfristiges Konzept“.

Als Sofortmaßnahme findet sich im Forderungskatalog der Ärztekammer unter anderem eine sofortige Aufhebung sämtlicher Deckelungen. Die Vorgaben und Begrenzungen wären oft nicht nachvollziehbar, ja zum Teil sogar „skurril“, mit Verknüpfungen, die „vollkommen an der Realität vorbeigehen“. Verlangt wird auch eine „Entbürokratisierung“ des Ordinationsalltags, etwa die Chefarztpflicht betreffend. Von rund acht Stunden pro Woche, die niedergelassene Ärzte mit Verwaltungsaufwand verbringen würden, sei alleine der Anteil für die Formular- und Antragsflut, für die Chefarztpflicht und das Arzneimittel-Bewilligungssystem enorm, kritisiert Steinhart. „All das kostet Ärzte wertvolle Zeit, die bei der Versorgung von Patienten fehlt.“

Geld liegt auf der hohen Kante

Am allermeisten aber stört die Ärztevertretung, dass für all die genannten Forderungen genügend Geld vorhanden wäre, um sie sofort umzusetzen, würden nicht die Kassen „als Sparvereine, Aktienhändler oder Investoren“ agieren, statt ihr Vermögen dazu zu verwenden, wozu sie beauftragt sind, nämlich die aktuelle Versorgungskrise zu entschärfen. „Das ist für mich unglaublich“, sagt Steinhart. „Ich muss mich um 100.000 Euro für die Kinderpsychiatrie herumschlagen, wochenlang verhandeln und dann lese ich von einem Vermögen der Kassen von 3,8 Milliarden.“

Der ÖÄK-Vizepräsident bezieht sich auf den Rechnungshofbericht „Vermögensmanagement ausgewählter Kranken- und Unfallversicherungsträger, wonach alle Sozialversicherungsträger Österreichs gemeinsam im Jahr 2013 insgesamt über ein Reinvermögen von 5,55 Milliarden Euro verfügten. Das Finanzvermögen betrug 3,835 Milliarden, davon 1,022 Milliarden in Wertpapieren und 2,813 Milliarden in Einlagen. Jetzt sei jedenfalls „die Politik gefordert, den Sozialversicherungen entsprechende Vorgaben zu machen, wie ihre Milliardenvermögen im Sinne der Patienten eingesetzt werden sollen“.

Der Hauptverband wies den Vorwurf Geld zu horten postwendend zurück und warnte die Ärztekammer davor, die Patienten aus reinem Eigeninteresse „mit Aufgeregtheit zu verunsichern“ und „Ängste zu schüren“. Es handle sich vielmehr um den Aufbau der „gesetzlich vorgegebenen Leistungssicherungsreserve, die den Versicherten die Sicherheit gibt, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die hohe Verfügbarkeit von neuen medizinischen Leistungen und damit den medizinischen Fortschritt rasch sicherzustellen“, betont Hauptverbands-Vorstandsvorsitzender Mag. Peter McDonald. Als Leistungssicherungsreserve sollen die Kassen ein Zwölftel ihrer Ausgaben für Versicherungsleistungen – 2014 waren das 15 Milliarden Euro 2014 – rückstellen. Diese Vorgabe erfüllt derzeit nur rund die Hälfte der Kassen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 7/2015

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