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Dr. Clemens-Martin Auer, Leiter der Sektion I: Gesundheitssystem, zentrale Koordination im Bundesministerium für Gesundheit © Harald Minich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Birgit Schunck, Geschäftsführerin Gilead Österreich © privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Michael Jonas, Präsident der Ärztekammer Vorarlberg, Obmann der Bundessektion Fachärzte in der ÖÄK © ÖÄK

 

 
Gesundheitspolitik 26. Jänner 2015

Irrationale oder wertorientierte Preispolitik?

Die Kassen übernehmen die Kosten für ein äußerst wirkungsvolles Hepatitis-C-Medikament nur in Einzelfällen. Grund sind die extrem hohen Kosten.

80.000 heimische Patienten leiden an chronischer Hepatitis C. Seit März letzten Jahres ist in Österreich ein Präparat mit dem Wirkstoff Sofosbuvir zugelassen, das eine hohe Heilungsrate binnen weniger Monate ohne nennenswerte Nebenwirkungen verspricht. „Patienten und Ärzte haben auf innovative Behandlungsmethoden gewartet, die die Heilung von circa 175 Millionen weltweit an Hepatitis C erkrankten Menschen verwirklichen können“, sagt die Österreich-Geschäftsführerin jener Pharmafirma, die das Medikament anbietet. Der Haken daran: Das Präparat ist extrem teuer, die Therapiekosten liegen pro Patient bei durchschnittlich 65.000 Euro. Die Kassen übernehmen daher die Behandlung nur in Einzelfällen, wenn die Erkrankung weit fortgeschritten und die Standardtherapie wirkungslos oder unverträglich ist. Verschreiben dürfen das Medikament nur wenige Spezialkliniken, sodass das Gros der Patienten laut Ärztekammer „de facto keine Chance auf die neue, ungleich bessere Behandlung hat“.

Die Kammer fordert daher, dass all jene Hepatitis-C-Patienten die erforderliche State-of-the-art-Medikation auf Kassenkosten erhalten, bei denen eine solche Therapie sinnvoll ist und die Medikation frühzeitig eingesetzt werden kann, um „menschliches Leid und unnötige Folgekosten für das Gesundheitssystem“ zu verhindern. Außerdem sollen auch alle auf Hepatitis C spezialisierten niedergelassenen Fachärzte das Präparat verschreiben dürfen. Die Politik wird von ÖÄK-Präsident Wechselberger aufgefordert, Druck auf den Hersteller auszuüben, damit dieser seine „irrationale Preispolitik“ ändert: „Wenn Österreich zum solidarischen Gesundheitssystem steht, muss es gegenüber der Pharmaindustrie auf höchster politischer Ebene Position beziehen.“

Ärger über den Preis

„Der Zusammenhang zwischen Forschungs- und Herstellkosten sowie dem Preis muss gegeben sein.“

Die aktuelle Problemlage rund um das extrem teure Medikament Sovaldi® zeigt auf sehr deutliche Weise, wie hochpreisige Arzneimittel sogar die Gesundheitssysteme der reichen Industrieländer vor große Herausforderungen stellen. Sovaldi® ist in diesem Sinn nicht nur in Österreich, sondern etwa auch in Deutschland, Frankreich oder den USA ein überaus brisantes Thema.

Kritisch ist die Rolle der konkreten Pharmafirma zu hinterfragen. Wenn ein Unternehmen ein neues und wirksames Mittel auf den Markt bringt, ist es legitim, daran zu verdienen – allerdings nicht in einem Ausmaß, dass selbst in den leistungsfähigsten Gesundheitssystemen die Grenzen der Finanzierbarkeit erreicht werden. Auch wenn der Therapieerfolg gegeben ist, so muss auf jeden Fall ein Zusammenhang zwischen den Forschungs- und Herstellkosten und dem jeweiligen Preis eines Medikamentes gegeben sein. Wir werden jedenfalls dafür eintreten, dass es in Zukunft einen Zusammenhang zwischen dem Preis eines Medikamentes und seinen Forschungs- und Entwicklungskosten gibt. Wir beteiligen uns aus diesem Grund an Aktionen, die europaweit Druck auf die Preisgestaltung aufbauen.

Ein so hochwirksames, aber auch spezialisiertes Medikament wie Sovaldi® verlangt gleichzeitig – unabhängig vom Ärger über den Preis – einen äußerst disziplinierten Umgang bei der Verwendung. Naturgemäß soll es bei allen Patientinnen und Patienten eingesetzt werden, bei denen eine klare und eindeutige Indikation gegeben ist. Bei diesen ist die Verschreibung auch gerechtfertigt. Das wird im speziellen Fall in den spezialisierten Hepatitis-Zentren in Österreich festgestellt. Damit ist die Treffsicherheit, Effizienz und Effektivität der Anwendung sichergestellt. Es ist damit einsichtig, dass Sovaldi® ein Präparat ist, das in der spezialisierten fachärztlichen Behandlung – in diesem Fall die klar definierten Hepatitis-Zentren – und nicht in jeder allgemeinmedizinischen Hausarztpraxis zur Verschreibung kommt.

Preis reflektiert langfristige Vorteile

„Die Gesundheitsbehörden in Euro- pa haben die Wirtschaftlichkeit und klinische Innovation anerkannt.“

Unbehandelt kann Hepatitis C zu Lebererkrankungen führen, darunter Leberzirrhose und Leberkrebs, beides schwierig und teuer zu behandeln. Mit Sofosbuvir-basierten Therapien könnten die meisten Patienten mit chronischer Hepatitis C in acht bis 24 Wochen mit einer hochwirksamen, gut verträglichen Therapie geheilt werden. Damit könnte die Last einer chronischen Erkrankung, sowohl für Patienten als auch für Gesundheitssysteme, signifikant reduziert werden. Internationale Empfehlungen, einschließlich die der EASL und der AASLD, empfehlen jetzt Sofosbuvir-basierte Behandlungsregime für Patienten mit den Genotypen 1 bis 6. Gesundheitsbehörden in Europa, auch in Österreich, haben die Wirtschaftlichkeit und klinische Innovation von Sovaldi® anerkannt. Die neuen Innovativen stehen derzeit in Österreich in der Regel Patienten mit Fibrose-Score F3 oder F4 und Patienten vor oder nach Lebertransplantation zur Verfügung.

Wir engagieren uns für die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Regierungen, Krankenkassen und öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, um Patienten mit chronischer Hepatitis C den Zugang zu Sofosbuvir-basierten Behandlungsregimen frühzeitig zu ermöglichen. Um Patienten einen längerfristigen Zugang zu gewährleisten, legen wir die Preise unserer Medikamente so fest, dass sie sowohl deren klinischen Wert, die erheblichen Vorteile, die sie Patienten bieten, sowie die erheblichen langfristigen wirtschaftlichen Vorteile, die den Gesundheitssystemen geboten werden, reflektieren.

Mit der Verfügbarkeit neuer Behandlungen wie Sovaldi® und Harvoni® ist die Beseitigung von chronischer Hepatitis C langfristig möglich, sofern Maßnahmen zu erhöhtem Krankheitsbewusstsein und vermehrtem Screening unternommen werden und gleichzeitig der Zugang zu Betreuung und Therapie sichergestellt wird. Inzwischen ist es wichtig, die Patienten zu heilen, bei denen die Notwendigkeit einer Behandlung am dringendsten ist. Wir als Gilead Österreich freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit mit Hauptverband und Ärzten, um Möglichkeiten zu finden, die Heilung aller Patienten, die mit chronischer Hepatitis C leben, Realität werden zu lassen.

Beschränkung ist kontraproduktiv

„Es gibt kein medizinisches Argu- ment, das neue Medikament erst im Spätstadium verfügbar zu machen.“

Nahezu 100 Prozent der Hepatitis-C-Infizierten können heute mit den jüngst entwickelten nukleosidischen Polymerasehemmern geheilt werden. Und das ohne wesentliche Nebenwirkungen und zumeist in nur drei Monaten. Niemand bestreitet, dass die Kosten der Therapie mit dem derzeit einzigen zugelassenen Medikament Sovaldi® von bis zu 120.000 € pro Patient extrem hoch sind. Die irrationale Preispolitik einzelner Pharmafirmen ist allerdings kein Problem, das zwischen Ärztekammer und Sozialversicherung gelöst werden kann – umso weniger, als ebenso revolutionäre Therapien auch für andere schwere Erkrankungen schon in der Pipeline sind. Sie werden für immer mehr Menschen (über-) lebensentscheidend sein.

Deshalb ändern auch Meldungen über die bevorstehende Zulassung eines günstigeren Konkurrenzpräparats nichts am grundsätzlichen Dilemma: Große medizinische Durchbrüche werden unser Solidarsystem immer wieder auf die Probe stellen. Die ärztliche Aufgabe liegt nicht primär darin, über Medikamentenpreise zu diskutieren. Allerdings sind wir ethisch verpflichtet, uns dafür einzusetzen, dass alle, die eine Therapie brauchen, diese auch bekommen.

Um ethische Dilemmata, wie das Aktuelle rund um Sovaldi® und Hepatitis C zu lösen, braucht es eine gesamtgesellschaftliche Debatte, vor allem aber eine klare politische Willensbildung. Die Ärztekammer ist jederzeit bereit, die Gesundheitsministerin mit fachmedizinischer Expertise zu unterstützen. Denn: Aus medizinischer Sicht gibt es kein Argument dafür, den Versicherten das neue Medikament erst im Spätstadium zur Verfügung zu stellen.

Ebenso kontraproduktiv ist die derzeitige Beschränkung der Abgabe auf einige stationäre Zentren. Das widerspricht den Beteuerungen der Gesundheitsreformer, Leistungen in den niedergelassenen Bereich zu verlagern, weil sie dort kostengünstiger erbracht werden können. Und was bisher kaum thematisiert wurde: Eine möglichst frühe Heilung möglichst vieler Hepatitis-C-Infizierter könnte die Ausbreitung des Virus eindämmen und uns dem Ziel der Ausrottung der Erkrankung in absehbarer Zeit nahe bringen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 5/2015

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